Vater und Tochter auf der Couch.
René Vogel ist alleinerziehend und lebt mit seiner Tochter Johanna in Lützen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Familienbande Aufwachsen in Vielfalt

Familie, ein Konstrukt, das jeder lebt, das aber heute doch sehr unterschiedlich aussieht. Das klassische Mutter-Vater-Kind-Modell ist längst überholt. Wir haben zwei moderne Familien in Mitteldeutschland besucht - einen alleinerziehenden Vater und einen Mehrgenerationenhof.

von Jana Münkel, Pauline Vestring

Vater und Tochter auf der Couch.
René Vogel ist alleinerziehend und lebt mit seiner Tochter Johanna in Lützen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

René Vogel aus Lützen gießt rot, grün und blau gefärbten Teig ineinander. "Darf ich mal probieren?", fragt seine knapp dreijährige Tochter Johanna und tippt den Zeigefinger in die Teigmasse. "Mmh, lecker!" Johanna hat Geburtstag und soll einen schönen bunten Schmetterlingskuchen bekommen. Der Verzierung des Kuchens widmet sich René Vogel dann spät abends, nachdem er Johanna im Bett gebracht hat. Den Haushalt erledigt er vor allem, wenn seine Tochter schläft. Als alleinerziehender Vater muss der 29-Jährige den Spagat zwischen Haushalt, Familie und seinem Vollzeit-Job in der Pflege meistern.

Viele sagen halt, Respekt, dass man das so als Mann schafft. Also ich weiß nicht, wo da der Unterschied zu einer alleinerziehenden Frau ist, weil prinzipiell machen wir ja das Gleiche. Viele kommen dann mit ihren Klischees: Der Mann kann ja nicht abwaschen. Ein Mann kann das alles genauso. Er muss es nur wollen.

René Vogel, alleinerziehender Vater

Alleinerziehende Väter arbeiten häufig in Vollzeit

Alleinerziehende Väter sind in Deutschland immer noch die Ausnahme. So war laut Statistischem Bundesamt 2017 nur jede/r zehnte Alleinerziehende ein Mann. Alleinerziehende Väter arbeiteten mehr als doppelt so häufig in Vollzeit wie alleinerziehende Mütter. Allerdings sind alleinerziehende Väter seltener für die Erziehung kleiner Kinder verantwortlich.

René Vogel hat ein kleines Kind und schafft es trotzdem, voll in der Pflege zu arbeiten. Zeit für Hobbies und Freunde bleibt dem jungen Mann dadurch kaum. Wie gelingt es ihm, alles unter einen Hut zu bekommen und wie reagiert sein Umfeld auf einen alleinerziehenden Vater?

Vater und Tochter im Kindergarten 15 min
Bildrechte: MDR, Daniel Berg
Leben auf dem Generationenhof 15 min
Auf dem Generationenhof leben alle unter einem Dach. Bildrechte: MDR

Auf dem Generationenhof Lindennaundorf leben alle gemeinsam – von der Urenkelin bis zur Uroma.

Sa 29.06.2019 18:00Uhr 14:45 min

https://www.mdr.de/meine-heimat/video-generationenhof-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

"Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf"

In der großen alten Scheune rauscht der gasbetriebene Heizstrahler, in der Luft liegt ein fröhliches Stimmengewirr. Viele Hände, Alte und Junge, nageln, stricken, kleben. Es ist Bastelnachmittag im Generationenhof in Lindennaundorf bei Leipzig. Auf dem 150 Jahre alten Vierseitenhof wohnen knapp 20 Menschen aus vier Generationen. Es gibt Wohnungen für Alleinstehende, Paare, junge Familien.

Sina Gado klebt gerade gemeinsam mit ihrer Tochter Johanna Schildchen auf Gläser mit selbstgemachter Marmelade, gegenüber rattert die Nähmaschine, am nächsten Tisch werden Nistkästen zusammengeschraubt. "Als ich diesen Hof 2013 gesehen habe, war mir sofort klar, dass das der perfekte Ort ist", sagt sie. "Ich hatte sofort Bilder von rumflitzenden Kindern vor Augen." Sina Gado hat den Hof gegründet und wohnt hier mit ihrem Partner Jan Franke und der vierjährigen Tochter Johanna. Ihr Ziel: Ein gemeinschaftliches Zusammenleben mit Alt und Jung. Einer der Leitsprüche der Hofgemeinschaft ist ein afrikanisches Sprichwort: "Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf."

Ein heiles Aufwachsen

Inzwischen wohnen hier elf Erwachsene und acht Kinder zwischen vier und fast 80 Jahren. Sieben der Kinder können nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen und sind hier in einer Wohngemeinschaft zu Hause. Gerade hier sei der Austausch zwischen den Generationen wichtig, erzählt Sina Gado. "Die Kinder haben oft ganz wenig Kontakt zu ihren eigenen Großeltern. Da ist das doch gerade wichtig. Und gleichzeitig haben wir auch die Möglichkeit, den Kindern durch die Nähe zu zeigen, wie ein Familienleben auch aussehen kann. Wie es vielleicht heiler sein könnte als die Erfahrungen, die sie vielleicht selbst zu Hause gemacht haben."

Altersheim – nein danke!

Die Großfamilie, vier Generationen unter einem Dach, das war ja früher selbstverständlich. Das braucht es heute auch wieder.

Sina Gado, Gründerin.
Leben auf dem Generationenhof
Auf dem Generationenhof lernt Jung von Alt und Alt von Jung. Bildrechte: MDR/Mitja Hagelüken

Außerdem geht es im Projekt darum, älteren Menschen einen Platz zu geben und sie in Würde altern zu lassen. "Das ist ja eigentlich kein neues Konzept", so Sina Gado. "Die Großfamilie, vier Generationen unter einem Dach, das war ja früher selbstverständlich. Und das ist aber auch das, was es heute wieder braucht. Es geht nicht, die Alten abzuschieben und wegzuschieben aus der Gesellschaft. Die sind ein Teil davon." Der Generationenhof als Alternative zu einem einsamen Älterwerden.
Oma Gertrud ist die Uroma der jüngsten Hofbewohnerin Johanna und mit ihren fast 80 Jahren die Älteste auf dem Hof. Die meisten Hofbewohner nennen sie einfach "Oma". Ein Leben im Altersheim hätte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen können. Wenn sie einmal nicht mehr so fit ist, wird die Gemeinschaft nach Lösungen suchen und vielleicht eine Pflegekraft anstellen. "Ich fühl mich wohl, ich hab hier Unterhaltung – und ich möchte hier nicht wieder weg!", schmunzelt Oma.

Impressionen Dreh auf dem Generationenhof

Alle(s) unter einem Dach - so lautet das Motto des Generationenhofs. Hier wohnen knapp 20 Menschen zwischen vier und fast 80. Das Ziel: Alle lernen von allen. Sehen Sie hier Eindrücke vom Dreh auf dem Hof.

Leben auf dem Generationenhof Lindennaundorf
Dreh und "Lauschangriff" in der Scheune, dem Treffpunkt der Bewohner. "Als ich 13 war, bin ich noch auf Bäume geklettert!" Die Hofbewohnerinnen Angela (links) und Alisa tauschen sich beim Bastelnachmittag aus. Bildrechte: MDR/Toni Gräfe
Leben auf dem Generationenhof Lindennaundorf
Dreh und "Lauschangriff" in der Scheune, dem Treffpunkt der Bewohner. "Als ich 13 war, bin ich noch auf Bäume geklettert!" Die Hofbewohnerinnen Angela (links) und Alisa tauschen sich beim Bastelnachmittag aus. Bildrechte: MDR/Toni Gräfe
Leben auf dem Generationenhof Lindennaundorf
Sicht von oben: Der Vierseitenhof ist mehr als 150 Jahre alt. Er war ein Glücksgriff: Noch gut in Schuss und perfekt für ein Zusammenleben zwischen den Generationen. Bildrechte: MDR/Mitja Hagelüken
Leben auf dem Generationenhof Lindennaundorf
Sina Gado ist von Anfang an dabei, sie hat das Projekt gegründet. Das Interview gibt sie in ihrer Wohnung. Die war vor fünf Jahren noch der Heuboden - und es roch nach Kuh aus dem Stall darunter. Bildrechte: MDR/Toni Gräfe
Leben auf dem Generationenhof Lindennaundorf
Die andere Seite des Interviews: Autorin Jana Münkel hat sich kurz vorm Dreh das Sprunggelenk gebrochen - humpelnde Drehbedingungen. Bildrechte: MDR/Toni Gräfe
Leben auf dem Generationenhof Lindennaundorf
Die Kamera ist überall dabei: Oma Gertrud ist die älteste Hofbewohnerin und wohnt in der ehemaligen Westscheune. Sie lässt sich filmisch begleiten, während sie ihre berühmten Kräppelchen vorbereitet. Bildrechte: MDR/Toni Gräfe
Leben auf dem Generationenhof Lindennaundorf
Hier in der Scheune treffen sich Alt und Jung, um gemeinsame Aktivitäten zu starten. Einmal im Monat gibt es ein gemeinsames Abendessen. Danach werden beim Hoforgatreffen die Regeln des Zusammenlebens besprochen. Bildrechte: MDR/Toni Gräfe
Leben auf dem Generationenhof Lindennaundorf
"Darf ich auch mal hören?" Tonmann Daniel lässt Mia an die Kopfhörer. Für die Hofbewohner sind die drei Drehtage etwas ganz Besonderes. Bildrechte: MDR/Toni Gräfe
Leben auf dem Generationenhof Lindennaundorf
Kleine Drehpause vor dem ehemaligen Haupthaus: Hier ist heute die WG "Maxi" untergebracht. Sieben Kinder, die nicht bei ihren Eltern wohnen können, haben hier ihr Zuhause. Bildrechte: MDR/Toni Gräfe
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Leben auf dem Generationenhof Lindennaundorf
Dreh und "Lauschangriff" in der Scheune, dem Treffpunkt der Bewohner. "Als ich 13 war, bin ich noch auf Bäume geklettert!" Die Hofbewohnerinnen Angela (links) und Alisa tauschen sich beim Bastelnachmittag aus. Bildrechte: MDR/Toni Gräfe

Diese Reportageserie entstand im Rahmen der Abschlussfilme des MDR-Volontariat-Jahrgangs 2017/2019.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 29. Juni 2019 | 18:00 Uhr