Vater schneidet Nabelschnur durch / im OP mit Hebamme und Ärztin.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Frauen in der Medizin Sind Männer die besseren Chefärzte?

Mehr Frauen arbeiten in medizinischen Berufen, es studieren mehr Frauen Medizin - doch unter den Chefärzten sind hauptsächlich Männer zu finden. Ist Chefarzt eher ein Job für Männer so wie Hebamme einer für Frauen ist?

von Johanne Bischoff, Romy Heinrich, Wiebke Schindler

Vater schneidet Nabelschnur durch / im OP mit Hebamme und Ärztin.
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Yvonne Bauer hat es geschafft. Sie gehört zu den 30 Prozent an Oberärztinnen in Deutschland, sie leitet die Schlaganfallstation im Hufeland Klinik Mühlhausen. Der Weg war nicht leicht, sie bekam ihre drei Kinder vor dem Medizinstudium:

Ärztin in der Notaufnahme
Yvonne Bauer leitet die Schlaganfallstation in Mühlhausen Bildrechte: MDR/Frank Scheufler

Ich bin jeden Tag gependelt über die sechs Jahre Studium. Hab's durchgezogen in der Regelstudienzeit, meinen Doktor gemacht. Mit einer gewissen Portion Ehrgeiz funktionierte das. Ich bin dadurch, dass ich später studiert habe, nicht so blauäugig rangegangen wie mancher 18-Jährige, der frisch an die Uni kommt.

In den Chefetagen sitzen die Männer

Die Medizinkarriere ist nach wie vor männlich. Kinder gelten als Karrierehindernis.

Gundel Köbke Deutscher Ärztinnenbund

Doch meist sind es die Männer, die in den Chefetagen landen. Gerade in großen Kliniken und Universitäten. Sie hätten bessere Netzwerke, "da zumeist hohe Positionen eben auch mit Männern besetzt sind". Doch das ist nicht der einzige Grund für Ulrike Schramm-Häder von der Landesärztekammer Thüringen (LAEK): "Darüber hinaus haben Frauen teilweise auch andere Prioritäten als Macht und Einfluss." Außerdem sei das Zeitfenster für die Karriere der Frau ein anderes: "Eben nach der Familienzeit, wenn die Kinder schon relativ groß sind, und dann ist es schwer wieder neu anzudocken."

Nur zehn Prozent der Frauen sind in Führungspositionen vertreten.

Gundel Köbke Deutscher Ärztinnenbund

Dazu zählen Tätigkeiten von Oberärztin, über Lehrstuhltätigkeiten bis hin zur Klinikleitung. Außerdem gibt es auch große Unterschiede in den Fachbereichen, sagt Gundel Köpke vom Deutschen Ärztinnenbund (DÄB). Laut der DÄB-Studie "Medical Women on Top" sind in der Urologie nur drei Prozent aller Führungskäfte Frauen, in der Pädiatrie 16 Prozent.

Mehr Frauen in der Medizin

Dabei dominieren Frauen in medizinischen Berufen. Ob Krankenschwestern, Arztassistentinnen oder Altenpflegerinnen: Drei Viertel der über eine halbe Millionen Deutschen, die im Gesundheitsbereich arbeiten, sind Frauen (2016). Der gleiche Trend zeigt sich in den Hörsälen: Unter den fast 94.000 Medizinstudenten sind mit über 60 Prozent (2017) deutlich mehr Frauen, so die Angaben des Statistischen Bundesamts. Für Schramm-Häder ist diese Tendenz nicht überraschend:

In den letzten Jahren gibt es vermutlich den ganz einfachen Grund, dass die NC-Anforderungen eher von Mädchen erfüllt werden und deshalb Jungen/Männer beim Medizinstudium ins Hintertreffen geraten. Vielleicht sind auch Empathie, der Wunsch, anderen helfen zu wollen, eher weibliche Eigenschaften.

OP-Team
Viele junge Menschen entscheiden sich in medizinischen Berufen Fuß zu fassen. Frauen stoßen aber auch heute noch an die "gläserne Decke". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Arztberuf tätig sind deutschlandweit laut Bundesärztekammer (BAEK) zu 47 Prozent Frauen, in Thüringen laut LAEK sogar 51 Prozent. Erst einmal positiv: Eine recht ausgeglichene Geschlechterverteilung sowie ein konstanter Anstieg, 1991 lag der Frauenanteil laut BAEK noch bei rund einem Drittel. Insgesamt arbeiten mehr Frauen in Medizinberufen, mehr Frauen studieren Medizin. Doch am Ende kommen Frauen eben nicht in hohe Positionen.

Die LAEK hält eine Frauenquote für sinnvoll, um mehr Ärztinnen an die "oberen Hierarchie-Ebenen" zu bringen. Ansonsten gibt es nach eigener Aussage "keine Bewegung bei dem Thema". Außerdem verweist die Kammer darauf, dass Geschlechterstudien oft nur auf Chefärzte in großen Kliniken schauen. Tatsächlich sollte man auch die Vielzahl an niedergelassenen Ärztinnen betrachten, die natürlich in ihrer eigenen Praxis auch eine Chefposition innehaben.  

Männliche Hebamme unerwünscht?  

Hebamme füttert Baby mit Flasche.
Hebamme - ein traditioneller Frauenberuf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Sonderstellung in der Geschlechterfrage nehmen die Hebammen ein. Auch im Hufelandklinikum Mühlhausen arbeiten mit Jennifer Kannegießer ausschließlich Frauen als Hebammen. Für Männer ein Exotenjob. In ganz Deutschland arbeiten nur sechs Männer in dem Job als Entbindungspfleger. In ganz Mitteldeutschland gibt es aktuell eine männliche Hebamme in Sachsen. Ist das also umgekehrte Diskriminierung: Wird Männern der Beruf einfach nicht zugetraut? "Dass Männer unerwünscht wären von Seiten der Frauen und ArbeitgeberInnen, ist uns nicht bekannt", so Nina Martin vom Deutschen Hebammenverband (DHV).

Sie verweist darauf, dass Hebamme ein traditioneller jahrtausendealter Frauenberuf ist, der Männern erst seit den 1980er Jahren im Zuge der Genderregelung offen steht. Dass sich das gesellschaftlich gelernte Bild nur langsam wandelt, verwundert sie nicht, denn "dies braucht Zeit", so Nina Martin.

Männlicher Gynäkologe akzeptiert    

Gleichzeitig sind mit 120 von 440 Gynäkologen in Thüringen reichlich ein Viertel männlich. Ein Beruf, der ähnlich intim ist, auch sie sind in Krankenhäusern bei Geburten dabei. Warum scheint der männliche Gynäkologe gesellschaftlich akzeptiert, der Entbindungspfleger nicht? Martin vom DHV hat darauf eine einfache Erklärung, die zu der Vielzahl an männlichen Ärzten in Führungspositionen passt:

Der ärztliche Beruf bedeutet andere Karrierechancen und eine wesentlich höhere Vergütung und ist deshalb auch für Männer attraktiver.

Vielleicht ändert der Vorstoß von Gesundheitsminister Jens Spahn etwas, dass der bisherige Ausbildungsberuf Hebamme ein Studium werden soll. Der DHV begrüßt die Akademisierung, "der Beruf wird attraktiver für mehr BewerberInnen, da sich neue Karrierechancen und voraussichtlich sukzessive auch eine bessere Vergütung ergeben werden."  

Diese Reportageserie entstand im Rahmen der Abschlussfilme des MDR-Volontariat-Jahrgangs 2017/2019.   

Hebamme versorgt Neugeborenes. 15 min
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Ärztin im OP mit Mundschutz 15 min
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 02. März 2019 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Januar 2019, 09:08 Uhr