Kuriosität Das macht eine Simson-Plakette so wertvoll

Mit DDR-Mopeds ist man auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung schneller unterwegs - wenn die Plakette ein dafür zulässiges Baujahr ausweist. Alles andere am Rahmen kann Neuware sein. Die Ersatzteilproduktion boomt.

Simson
Seit 1990 wird die Simson S51 nicht mehr hergestellt. Noch heute sind die Zweiräder heiß begehrt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Simson-Mopeds sind Kult - und das obwohl die Fahrzeuge des Modells S51 seit 1990 nicht mehr produziert werden. Die Oldies haben eine unerschütterliche Fangemeinde. Das liegt auch daran, dass man mit ihnen schneller im Verkehr unterwegs sein kann als mit anderen Kleinkrafträdern. Der Einigungsvertrag macht es möglich. Simsons dürfen weiterhin mit 60 km/h durch die Straßen düsen, obwohl die Höchstgeschwindigkeit bei Kleinkrafträdern bis zu 50 Kubikzentimeter Hubraum 45 km/h beträgt. Das wurde für alle Kleinkrafträder der DDR, die vor dem 28. Februar 1992 erstmals in den Verkehr gekommen sind, so verankert, um sie den bundesdeutschen Kleinkrafträdern gleichzustellen. Noch ein Vorteil für die jüngeren Fahrer: So wird nur der Führerschein AM benötigt, der bereits auch mit 16 Jahren erworben werden kann.

Simson Plakette
Auf der Plakette ist das Baujahr dokumentiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Alte Plakette + neue Ersatzteile = Geschwindigkeitsvorteil

Aus dem Kult um die Simsons hat Tino Fuchs ein Geschäft gemacht. Er kauft schrottreife Mopeds der Marke, um sie in seiner Werkstatt in Neudietendorf bei Erfurt neu aufzubauen. Er zerlegt sie, bis nur der Rahmen übrig ist, auf der die Plakette haftet. Und dort bleibt sie auch, wenn er die neuen Ersatzteile drumherumbaut. "Über das Baujahr habe ich Beweis, dass ich hier mit diesem Fahrzeug, wenn es wieder aufgebaut ist, mit 60 km/h fahren darf", erklärt der Schrauber. Das praktisch neuwertige Moped kostet 3.000 Euro. Um den Geschwindigkeitsbonus zu erhalten, muss das Moped jedoch zuerst in der DDR zugelassen worden sein. Denn Re-Importe aus Ungarn oder Tschechien dürfen nur 45 km/h fahren.

Über das Baujahr habe ich den Beweis, dass ich hier mit diesem Fahrzeug, wenn es wieder aufgebaut ist, mit 60 km/h fahren darf.

Tino Fuchs, Simson-Tüftler

Tino Fuchs
Tino Fuchs baut alle Simsons wieder neu auf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Firma stellt fabrikneue Ersatzteile her

Aber die Suche nach Original-Simson-Ersatzteilen wird immer schwieriger, vor allem für ältere Modelle werden sie zunehmend knapp. Das hat eine Firma aus Meiningen als Geschäftszweig für sich entdeckt. Dort vertreibt die Firma MZA fabrikneue Ersatzteile. Heinz Recknagel war früher Produktentwickler bei Simson. Heute leitet er den Vertrieb der Ersatzteile. Und das Geschäft boomt.

Kunden weltweit werden beliefert und es gibt ein internationales System von Zuliefer-Firmen. "Felgen kommen aus Italien und Vietnam. Speichen kommen aus Taiwan und China und die Naben auch aus China", sagt Recknagel. Die Motoren selber werden in Meiningen produziert.

Simson 9 min
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Umschau Di 06.10.2020 20:15Uhr 09:13 min

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Original-Baupläne aus DDR-Zeiten

Alle Teile werden nach Original-Bauplänen aus DDR-Zeiten gefertigt. Für neuere Mopeds kann MZA 98 Prozent der Teile liefern. Bei älteren Modellen aber wird der Nachschub schwierig, wie bei einigen Teilen für die Schwalbe. "Da haben wir im Moment leider kein Angebot, die Werkzeuge sind verschrottet worden, leider. Der Neubau der Werkzeuge ist so teuer, das muss man sich gut überlegen", erklärt Recknagel. 

110 Mitarbeiter arbeiten bei MZA. Die Firma führt damit die Tradition des alten Simson-Werkes fort. Und Dank des Simson-Kultes scheint die Zukunft gesichert. "Man hat ja immer schon gedacht, das muss irgendwann mal zu Ende sein. Aber die Steigerungsraten, die MZA jedes Jahr erlebt, lassen nicht auf ein jähes Ende hindeuten", betont Recknagel.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 06. Oktober 2020 | 20:15 Uhr