Schiffswerft Rosslau
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Der Osten - Entdecke wo du lebst | MDR FERNSEHEN | 09.10.2018 | 20:45 Uhr Der weite Weg zum Meer – Schiffbau in Roßlau

Ein Film von Lutz Hofmann

Roßlau liegt fast 300 Kilometer vom Meer entfernt und trotzdem hat die Stadt in Sachsen-Anhalt eine bewegte 160jährige maritime Geschichte. 3.200 Schiffe liefen hier vom Stapel, 840 davon allein während der DDR-Zeit.

Schiffswerft Rosslau
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1844 gründen die drei Brüder Sachsenberg eine Maschinenfabrik in Roßlau an der Elbe. Werden dort noch Dampfmaschinen, Ziegelpressen und Destillationsgeräte hergestellt, so erweitern die Sachsenbergs 1866 ihr Unternehmen durch eine Schiffswerft. Von da an revolutionieren sie zunächst die Dampfschifffahrt und später den Stahlschiffbau. Sie erobern mit ihren Dampf- und Kettenschleppern, Raddampfern, Tank- und Seeschiffen erst Elbe, Saale, Rhein und Main, den Bodensee und später die Nord- und Ostsee und sogar die Weltmeere. Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Roßlauer Werft die größte Binnenwerft Europas.

Abbild der politischen Ereignisse

Tragflügelboot der Werft Roßlau
Das Modell eines Tragflügelbootes, konstruiert und gebaut in Roßlau Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Auf ihrem Erfolgsweg geraten die Unternehmer in alle politischen Strudel ihrer Zeit. Sie verlieren während der Weltwirtschaftskrise ihre Werft, kaufen sie fünf Jahre später wieder zurück. Eingegliedert in die Rüstungsindustrie, erhält der Betrieb zu Beginn des Zweiten Weltriegs Aufträge der Kriegsmarine. So konstruiert und baut man hier u.a. die ersten funktionstüchtigen Tragflügelboote der Welt - eine spektakuläre Ingenieurleistung des Schiffbaus des 20. Jahrhunderts.

Mit Ende des Zweiten Weltkriegs werden die Sachsenbergs von der russischen Militäradministration enteignet. Im Mai 1945 beginnt die Demontage ihrer Betriebe. Die Werft wird fortan als Volkseigener Betrieb geführt, als VEB Roßlauer Schiffswerft.

Aufschwung in der DDR

Dann geht es für die Schiffswerft erst richtig los. Als Teil des VEB Kombinat Schiffbau wird sie zur wichtigsten Binnenwerft der DDR. Die Rosslauer trotzen allen Hindernissen, manövrieren ihre immer größer werdenden Schiffe auf 300 Elbe-Kilometern bis zum Meer. Dieter Herrmann ist einer aus der 20köpfigen Überführungscrew, der die Schiffe bis nach Hamburg bringen durfte. Er erinnert sich, dass manche Schiffe mit Pontons erleichtert werden mussten, um nicht auf Grund zu laufen. Auch von Vorkommnissen aus dem deutsch-deutschen Grenzverkehr weiß er zu berichten:

Nicht selten gerieten wir auch zwischen die politischen Fronten: als wir mit der DDR-Flagge an Hamburg vorbeifuhren, hat uns die Wasserschutzpolizei aufgebracht.

Dieter Herrmann
Werft in Roßlau
Der VEB Kombinat Schiffbau wird zur wichtigsten Binnenwerft der DDR Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein vielseitiges Schiffbauprogramm bis Anfang der 1980er Jahre sorgt dafür, dass der Standort Roßlau in aller Munde ist: Nach Tunesien, Algerien, Indien, Dänemark, Norwegen und in viele andere Länder gehen die Schiffe. Sogar Eisbrecher stellen die Roßlauer her. So ist denn auch die Bilanz der Jahre zwischen 1946 und 1993 beeindruckend: mehr als 800 Schiffe, darunter 525 Seeschiffe mit insgesamt 197.000 Bruttoregistertonnen werden gebaut.

Im geeinten Deutschland steht die Werft erneut kurz vor dem Aus und wieder gibt es eine Rettung in buchstäblich letzter Minute: Die Rönner-Gruppe kauft die Weft und sichert somit ihren Fortbestand.

Spezialisten im Stahlhochbau

Heute wird in Roßlau kein Schiff mehr gebaut. Aus wirtschaftlichen Gründen musste man sich neue Geschäftsfelder erschließen und aus Schiffbauern wurden Spezialisten im Stahlhochbau. So fertigt man in Roßlau vor allem Brücken, Industrie- und Spezialkrananlagen, Schleusen, Hochwasserschutzanlagen und Schiffskräne. Maritime Aufträge gibt es dennoch: Auf der Werft werden Ersatzteile und Konstruktionen produziert, die dann in großen Schiffen verbaut werden. Und manchmal verlässt auch noch ein generalüberholtes Schiff das Werftgelände.

Der 1904 gebaute Dampfschlepper "Woltman" fährt im Hamburger Hafen an dem Kreuzfahrtschiff "Astor" vorbei, im Hintergrund rechts der Hamburger Michel.
Von Roßlau in die Welt: Der 1904 gebaute Dampfschlepper "Woltman" unterwegs im Hamburger Hafen Bildrechte: dpa

Schiffbauer und Montagearbeiter, Seeleute, Liebhaber der Roßlauer Dampfschiffe, Ingenieure und Unternehmer, der Enkel eines Zwangsarbeiters – sie alle erzählen aus ihrem Leben und dokumentieren im Film "Der weite Weg zum Meer – Schiffbau in Roßlau" die bewegte Geschichte der Roßlauer Schiffswerft.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - entdecke, wo Du lebst | 09. Oktober 2018 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2018, 08:49 Uhr