Wem gehört der Osten? Der Harz Brocken statt Mallorca: Harz erlebt Besucheransturm

Der größte Schatz des Harzes sind seine Wälder. Doch die Fichten sind durch die heißen Sommer der letzten Jahre stark geschädigt, ganze Nadelwälder sterben ab. Dennoch kommen seit einem Jahr deutlich mehr Besucher in den Harz als je zuvor.

Eine Burg und ein kleiner Ort im Harz.
Besuchermagnet Harz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So ganz allein ist man auf den Hauptwanderwegen im Harz, auf dem Brocken und der Rosstrappe eigentlich nie. Seit einem Jahr aber sind doch deutlich mehr Wandersleute im Harz unterwegs als in den Jahren zuvor. "Dass an besonders beliebten Orten das Aufkommen an Touristen doch viel höher ist als gewöhnlich, das ist schon wahrnehmbar für uns, die wir jeden Tag im Wald sind", sagt Christoph Lins, stellvertretender Forstbetriebsleiter des Landesforstbetriebs Ostharz in Harzgerode. "Das hängt sicher damit zusammen, dass die Leute kaum verreisen können, und dann natürlich die Erholungsgebiete in ihrer Region in Anspruch nehmen. Es kommen vor allem Tagestouristen aus den nahegelegenen Ballungsräumen Halle, Magdeburg, Braunschweig und Hannover zu uns in den Harz."

Brocken, Wernigerode, Hexentanzplatz

Der Harz, Deutschlands nördlichstes Mittelgebirge, das bis 1989 zerschnitten wurde von den Grenzanlagen der DDR, ist seit jeher ein beliebtes Urlaubsgebiet. Harzstädte wie Wernigerode, der Hexentanzplatz oder der mythische Bocken ziehen Jahr für Jahr Hunderttausende Besucher an. Der größte Schatz des Harzes aber sind seine ausgedehnten Wälder. Immerhin 85 Prozent der Fläche des Harzes ist von Wald bedeckt.

Der Brocken ist eines der beliebtesten Ausflugsziele in Mitteldeutschland.
Der Brocken ist eines der beliebtesten Ausflugsziele in Mitteldeutschland. Bildrechte: MDR

Der Harzwald heute zur Hälfte in Privatbesitz

Zum Ende der DDR befand sich beinahe der gesamte Wald im Harz in Volkseigentum und somit in staatlicher Hand. Heute gehören nur noch etwa 60 Prozent des Waldes Bund, Ländern, Städten oder Gemeinden. 40 Prozent des Harzwaldes sind von der Treuhand in den 1990er Jahren verkauft worden, zumeist an Industrielle und adlige Familien, die nach dem Krieg enteignet worden waren. Im Einigungsvertrag wurde die kostenlose Rückgabe für Waldflächen zwar ausgeschlossen, ab 1994 jedoch durften enteignete Waldbesitzer vorrangig und zu vergünstigten Konditionen Wald zurückkaufen.

Adliger Waldbesitzer im Harz

Einer der privaten Waldbesitzer im Harz ist Clemens Ritter von Kempski. Von Kempski kam 1994 aus Düsseldorf in den Osten. Denn hier gab es jetzt das, was er schon lange haben wollte: Wald. "Da standen auf einmal große Waldflächen zur Verfügung und das zu Preisen, die auch erschwinglich waren", erinnert sich Kempski. Von Kempski bewarb sich um den Kauf der bis dahin größten von der Treuhand ausgeschriebenen Waldfläche in Ostdeutschland: 1.650 Hektar in der Nähe von Stolberg. Anders als im Westteil des Harzes mit seinen Nadelholz-Monokulturen, stand hier ein Rotbuchenbestand zum Verkauf, der damals noch als unwirtschaftlich galt.

Clemens Ritter von Kempski vor einem herrschaftlich wirkenden Gebäude
Waldbesitzer Clemens Ritter von Kempski Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs

"Waldbesitz und Bewirtschaftung ist etwas ganz besonderes", sagt Clemens Ritter von Kempski. "Es ist eine schwere Arbeit. Da ist kein schnelles Geld zu machen, keine Spekulation, sondern das ist strukturiertes Arbeiten. Aber hier durch den Wald zu gehen, das verschafft mir eine Zusatzrendite." Heute ist der Wald im Harz weitestgehend verkauft. Der Preis für Buchenholz ist seit 1994 stark gestiegen und für alle damaligen Käufer heute ein einträgliches Geschäft. Von Kempskis Wald ist heute schon ein Vielfaches des damaligen Kaufpreises wert.

Sterbende Fichtenwälder im Harz

Die Fichtenwälder im Harz dagegen sind vom Aussterben bedroht. "Durch die großen Hitzesommer seit 2018, durch Trockenheit und den Befall durch Borkenkäfer sterben im Harz seither Fichtenwälder großflächig ab", sagt Christoph Lins vom Landesforstbetrieb in Harzgerode. Die heißen trockenen Sommer haben die jahrzehntealten Fichten extrem geschwächt. Die Ausbreitung des Borkenkäfers haben die extremen Wetterbedingungen dagegen sehr begünstigt. Kahle Bäume, wo einst dichte, dunkelgrüne Fichtenwälder standen. Das sind die Aussichten an vielen Orten im Harz. Und daran wird sich wohl sobald auch nichts mehr ändern. Daran werden sich Harz-Besucher gewöhnen müssen.

Blick auf den Nationalpark Harz mit teilweise abgestorbenen Fichten.
Waldsterben im Harz Bildrechte: dpa

Harz statt Mallorca

Entgegen manch anderslautender Berichte hat der Ansturm von Touristen seit Ausbruch der Pandemie allerdings kaum Auswirkungen auf Flora und Fauna im Harz, meint zumindest Christoph Lins. "Es gibt zwar viel mehr Leute, die sich in unserem Wald jetzt gern aufhalten, aber das sehen wir nicht als großes Problem. Das größere Schäden durch den stark angestiegenen Tourismus enstanden sind, kann ich jedenfalls nicht bestätigen. Dass es Zeitgenossen gibt, die meinen, mit dem Auto auch noch in den letzten Winkel des Waldes fahren zu müssen, ist ein ständiges Ärgernis, hat aber nichts mit der besonderen Situation seit einem Jahr zu tun."

Osterausflüge in den Harz

Für die kommenden Osterfeiertage erwartet Christoph Lins einen Ansturm Tausender Ausflügler und Wandersleute: "Da sind dann die Ordnungsämter gefragt, was zum Beispiel Menschenansammlungen betrifft. Aber im Wald verläuft sich das irgendwie und die Leute halten eigentlich Abstand voneinander."

Ein Problem gibt es allerdings doch. Riesige Mengen an Schadholz sind in den letzten Monaten aus dem Wald geholt worden, wodurch etliche Waldwege stark in Mitleidenschaft gezogen sind. "Das wird bei dem einen und anderen Osterspaziergänger sicherlich für Ärger sorgen, dass die Wege nach wie vor zerfurcht und matschig sind", sagt Christoph Lins. "Aber daran können wir im Augenblick nichts ändern."

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Dieses Thema im Programm: Wem gehört der Osten? Der Harz | 01. April 2021 | 22:00 Uhr