Schlagerwelt Hausbesuch Kerstin Ott über gleichgeschlechtliche Liebe: „Toleranz muss man immer wieder thematisieren!“

Sie ist Deutschlands wohl authentischste Schlagersängerin und damit unglaublich erfolgreich: Kerstin Ott. Zum exklusiven Schlagerwelt Hausbesuch lädt sie Reporter Peter Heller in ihre Lieblingsstadt Hamburg ein. An Deck eines riesigen Museumsschiffes im größten Hafen Deutschlands reden die beiden offen über Toleranz, handwerkliche Begabungen, Langeweile beim Shopping und Hass im Internet.

Kerstin Ott Hausbesuch
Kerstin Ott in ihrer Lieblingsstadt Hamburg. Bildrechte: MDR / Alexander Friederici

Wenn die Möwen beim Umrunden der Hamburger Hafenbecken laut kreischen, dann klingt es in etwa so, als würde eine Gruppe von Menschen sehr laut lachen. Alle durcheinander, einer lauter als der nächste. Das fällt mir als erstes auf, als ich von der Überseebrücke Richtung Museumsschiff laufe. Und es erscheint mir irgendwie passend, schließlich treffe ich heute die Frau, die vor 4 Jahren mit dem Titel „Die immer lacht“ in die Charts einstieg und seitdem dort auch längst nicht mehr wegzugdenken ist. Der Titel zählt zu den meistverkauften Singles in Deutschland überhaupt. Und doch ist Kerstin Ott noch immer so, wie sie vor ihrer rasanten Karriere war: offen, ehrlich und direkt. Typisch norddeutsch irgendwie. „Uns Norddeutschen sagt man ja schon nach, dass wir etwas kürzer angebunden sind. Wenn ich Interviews habe, wird mir oft ans Herz gelegt, ein paar Wörter mehr zu benutzen.“ Da ich Kerstin schon häufiger interviewt habe, bin ich vorbereitet und habe dafür umso mehr Fragen mitgebracht.

Schlagerwelt Hausbesuch Mit Kerstin Ott im Hamburger Hafen

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Auf dem Museumsschiff "Cap San Diego" trifft sich Reporter Peter Heller mit Kerstin Ott. Bildrechte: MDR / Alexander Friederici
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Auf dem Museumsschiff "Cap San Diego" trifft sich Reporter Peter Heller mit Kerstin Ott. Bildrechte: MDR / Alexander Friederici
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An Bord des Schiffes reden die beiden über Toleranz, handwerkliche Begabungen und die Langeweile beim Shopping. Bildrechte: MDR / Alexander Friederici
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Hamburg mit seinen Sehenswürdigkeiten, wie hier der Elbphilharmonie, ist Kerstin Otts Lieblingsstadt. Bildrechte: MDR / Alexander Friederici
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Kein Wunder, dass Hamburg Kerstins Lieblingsstadt ist. Hier hat sie ihrer Frau Karolina vor ein paar Jahren auch einen Heiratsantrag gemacht. Bildrechte: MDR / Alexander Friederici
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Zusammen mit Peter Heller erkundet sie jeden Winkel des 1961 erbauten Schiffes. Bildrechte: MDR / Alexander Friederici
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Kerstin Ott ist beeidruckt vom Maschinenraum. Sie ist zwar selbst handwerklich begabt, ist aber "eher der Holztyp". Bildrechte: MDR / Alexander Friederici
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An Deck, mit Blick auf den Hamburger Hafen, kommen die beiden ins Gespräch. Bildrechte: MDR / Alexander Friederici
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Am Wasser fühlt sie sich einfach zu Hause. Bildrechte: MDR / Alexander Friederici
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Am Bug des Schiffes machen es sich die beiden noch einmal gemütlich. Bildrechte: MDR / Alexander Friederici
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Bildrechte: MDR / Alexander Friederici

Wir schauen uns heute gemeinsam die „Cap San Diego“ an, das größte betriebsfähige Museumsfrachtschiff der Welt. Kerstin hat ihre Frau Karolina mitgebracht, ich meinen Kameramann Alexander. Die intime Atmosphäre lässt uns schnell ins Gespräch kommen. Das Rampenlicht, sagt Kerstin, sei noch immer nichts, woran sie sich komplett gewöhnt hat. Es ist eigentlich überhaupt nicht ihr Ding im Mittelpunkt zu stehen. Auch die Aufregung auf der Bühne lässt mit den Jahren nicht so richtig nach. Erst kürzlich war sie vor einem Auftritt so angespannt, dass nur eine Zigarette sie beruhigen konnte. Ein echter Rückfall, da die 38-Jährige eigentlich gerade mit dem Rauchen aufhören will.

Ich werde aber jetzt wieder starten. Mich nervt das so sehr. Es wird auch mal Zeit, dass ich das jetzt schaffe.

Kerstin Ott

Doch auch solche kleinen Rückschläge halten Kerstin nicht auf. Immerhin hat sie vor vielen Jahren schon eine Spielsucht überwunden. Und selbst gegen die homophoben Hasskommentare, die ihr im Internet hin und wieder entgegenströmen, hat sie ein wirksames Mittel gefunden. „Im Laufe der Zeit habe ich mir abgewöhnt, diese ganzen Kommentare auch zu lesen. Es trifft mich nicht mehr persönlich, weil ich nicht weiß, wer da am anderen Ende sitzt und was schreibt. Wenn jemand so dämliche Dinge von sich gibt, dann kann ich das nicht ernstnehmen.“

Stattdessen setzt sie mit ihrer Musik immer wieder klare Zeichen. In den Songs singt sie über die gleichgeschlechtliche Liebe und in den Videos küssen Frauen Frauen und Männer Männer – alles ganz normal.

Ich glaube, dass man gut daran tut, es immer wieder zu thematisieren. Es gibt so viele verschiedene Lebenskonzepte und es ist gut, dass das irgendwann auch zur Normalität gehört. Auch wenn es in den Musikvideos kleine Signale sind, so möchte ich doch meinen Teil dazu beitragen.

Kerstin Ott
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Kerstin Ott und Peter Heller im Maschinenraum Bildrechte: MDR / Alexander Friederici

Wir schauen uns den Maschinenraum an. Gewaltige Rohre, unzählige Ventile und Schrauben, alles blank poliert. Ein beeindruckendes Bild. Handwerklich begabt sei sie sehr, sagt Kerstin, als wir die langen Treppen zwischen den Maschinen hinabsteigen. „Aber ich bin eher der Holztyp“. Da werden im Hause Ott also auch mal Betten oder Schränke aufgebaut. Aber nicht nur die eines schwedischen Möbelhauses. „Komplett selbst gebaut?“, frage ich vorsichtig nach und bin begeistert, als sie das bejaht. Handwerken ist also ihr Ding. Beim Shoppen hat Ehefrau Karolina Ott dann eher die Nase vorn. Kerstin ist meistens dabei. „Ich gehe dann mit, weil ich mich so freue, wie sie sich freut. Ich bin nicht so der Shopping-Heini. Mir ist das immer zu anstrengend und zu voll alles. Ich mach nur mit, wenn ich mich dann nicht hundertmal an und ausziehen muss.“ Das kann ich gut verstehen und einmal mehr mag ich Kerstins Pragmatismus.

Wir sind inzwischen auf der Brücke angekommen und haben durch große abgerundete Glasfenster einen tollen Blick auf die blau-gelben Kräne im Hamburger Hafen. An der Seite glänzen das Gebäude vom König der Löwen-Musical und die gigantische Elbphilharmonie in der Sonne. Beide hat Kerstin noch nicht besucht – aber beide stehen auf ihrer Liste mit Dingen, die sie gern bald machen möchte. Ein neues Album steht da ebenfalls drauf. Daran wird bereits mit Hochdruck gearbeitet. Auch wegen der Corona-Zwangspause ist sie zurzeit viel bei ihren Produzenten im Studio.

Nach dem Album ist vor dem Album. Die Zeit jetzt zu nutzen, ist sehr sinnvoll. Man kann sich gerade auf seine Kreativität beruhen.

Kerstin Ott

Es dürfte also nicht mehr allzu lange dauern, bis eine neue Platte erscheint und dann ganz sicher auch wieder in den Charts landet. 

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Die Schlager des Monats | 09. Oktober 2020 | 20:15 Uhr