Reportage Wie Menschen mit Behinderung die Corona-Krise überstehen

Manchmal reicht Familie nicht. Manchmal müssen Helfer und Einrichtungen unterstützen – bei Menschen mit Behinderungen ist das oft der Fall. Auch sie sind von den Auswirkungen der Corona-Krise betroffen. Welche Konsequenzen die Kontakteinschränkungen für sie haben, wie es derzeit in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung aussieht und wie Angehörige und Familien die Isolation bewältigen – darüber berichtet "Nah dran".

von Franziska Kruse, MDR Religion & Gesellschaft

Magdalena und Ute Oertel auf einer Parkbank 7 min
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Nah dran Do 26.03.2020 22:40Uhr 06:32 min

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In der Diakonie am Thonberg in Leipzig leitet Manja Klopp die Abteilung "Unterstütztes Wohnen". Gemeinsam mit ihrem Team betreut sie über 100 Menschen in ihren Wohnungen in der ganzen Stadt. Ihre Arbeit ist auch ein wichtiger Anker für Angehörige und Familien. Die meisten ihrer Klienten haben eine geistige Behinderung oder eine Sinneseinschränkung.

Magazin Nah dran: Familienbande und "In Zeiten von Corona"
Manja Klopp, Diakonie am Thonberg der BBW-Leipzig-Gruppe Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Unsere Arbeit, die soziale Arbeit an sich, lebt davon, dass wir Kontakt zu Menschen haben, dass wir Menschen versorgen, uns um sie kümmern, sie dazu anleiten, selbstständig zu sein. Unser Mittel ist immer der Kontakt, das Gespräch, auch die Berührung. Und das ist nun massiv eingeschränkt.

Manja Klopp, Abteilungsleiterin "Unterstütztes Wohnen", Diakonie am Thonberg

Kontakt halten ist wichtig

Der Eingang eines Hauses
Diakonie am Thonberg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Viele der betreuten Menschen wohnen alleine. Für sie ist die Isolation besonders kritisch. Regelmäßiges Telefonieren ist in diesen Tagen deshalb wichtiger denn je. Manja Klopp versucht, ihren Klienten Halt und Struktur zu geben. Besonders jetzt, in einer Zeit der Verunsicherung und eines komplett veränderten Alltags.

Das sorgt mich, dass alle, die das betrifft, es nicht verkraften. Das ist jetzt noch nicht das Thema, aber in drei, vier Wochen, wenn alle dann Zuhause so eine Art Koller kriegen, werden diese Probleme der Vereinsamung zunehmen. Das wird in ganz massiv auf uns zukommen.

Manja Klopp

Ähnlich sieht das auch Bereichsleiter Christoph Schnabel. Er ist zuständig für die Behindertenwerkstatt und macht sich Sorgen um die Menschen, die jetzt hier nicht mehr tätig sein können.

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Christoph Schnabel, zuständig für die Behindertenwerkstatt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die erste Frage ist, wie werden die Beschäftigten die Wochen zu Hause überstehen. Welche psychischen Konflikte entstehen vielleicht auch in Familien. Ich denke, für viele Familien ist es schwierig, so lange dicht beieinander zu sein. Wir hoffen, dass es nicht zu häuslicher Gewalt kommt, zur Verwahrlosung. Dort muss man dran bleiben und aufpassen. Da muss man entsprechende Hilfe gewähren.

Christoph Schnabel, Bereichsleiter Diakonie am Thonberg Leipzig

In den Werkstätten arbeiten jetzt nur noch Menschen, die zwingend auf eine Tagesstruktur angewiesen sind. Alle anderen müssen im Wohnheim oder zu Hause bleiben. Magdalena Oertel gehört zu denen, die Zuhause betreut werden. Die 25-jährige war bisher in der Wäscherei der Diakonie am Thonberg beschäftigt. Jetzt verbringt sie ihren Tag zusammen mit ihrer Mutter Ute.

Sie ist traurig, dass sie nicht mehr arbeiten gehen darf. Ich muss ihr das jeden Tag neu erklären. Wieso, weshalb, warum, das so ist. (…) Dass ganz viele Leute krank sind, muss man kindgerecht erklären. Das funktioniert aber ganz gut.

Ute Oertel, Mutter

In wenigen Wochen feiert Magdalena ihren 26. Geburtstag. Diesmal wahrscheinlich ohne Gäste. Mutter und Tochter sind ganz auf sich gestellt.

Der Glaube hilft

Ute Oertel hat neben Magdalena noch zwei gesunde erwachsene Töchter. Und inzwischen auch fünf Enkelkinder. Aufgrund des Kontaktverbotes schicken sie sich regelmäßig Fotos und kleine Videos. Für Ute und Magdalena ein echter Lichtblick. Das Familienleben geht momentan nur auf Distanz – eine Aufgabe, die fordert und zehrt. Doch die Oertels haben schon viele Lebenskrisen bewältigt. Ihr Glaube hat sie dabei immer begleitet.

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Ute Oertel mit Tochter Magdalena Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir gehen sicher ein bisschen anders damit um, weil wir Christen sind: Wir beten viel, das kräftigt einen schon. Und wir wissen, dass die anderen auch alle an uns denken.

Ute Oertel

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran -Das Magazin | 26. März 2020 | 22:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. März 2020, 15:25 Uhr

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