Frank Martins "In terra pax": Hintergründe zum Werk

Anlässlich des Endes des 2. Weltkriegs vor 75 Jahren komponierte der Schweizer Frank Martin das ergreifende Oratorium "In terra pax". Eine Aufnahme des Werks mit den MDR-Ensembles unter Marcello Viotti vom 22. Oktober 1996 aus dem Leipziger Gewandhaus können Sie online nachhören. Hier finden Sie die Details zum Konzertmitschnitt sowie den Text aus dem MDR-Programmheft.

MDR-Sinfonieorchester und MDR-Rundfunkchor beim Saisoneröffnungskonzert 2019/20 im Leipziger Gewandhaus
Bildrechte: MDR/Hagen Wolf

Die Besetzung: Anne-Marie Rodde (Sopran)
Anne Gjevang (Alt)
Jean-Luc Viala (Tenor)
Philippe Rouillon (Bariton)
Christophe Fel (Bass)

MDR-Sinfonieorchester
MDR-Rundfunkchor
Einstudierung: Morten Schuldt-Jensen

Marcello Viotti (Dirigent)
22.10.1996

Frank Martin komponierte sein Oratorium „In terra pax“ im Auftrag von Radio Genf für den Tag des Waffenstillstands nach dem Zweiten Weltkrieg. Fertiggestellt war es schon im Oktober 1944, doch das Ende der Kriegshandlungen ließ auf sich warten. Am 7. Mai 1945 war das Werk dann erstmals im Radio zu hören, öffentlich fand die Uraufführung fast genau ein Jahr später in Basel statt.
Frank Martin vertonte in seinem Werk verschiedene Bibelstellen und schlug in seiner Musik den Bogen von den Schrecken des Krieges, von Angst und Verzweiflung bis zum Jubel über den Frieden, Hoffnung und einen Neuanfang. Gleichzeitig bezog er sich nicht nur auf den Zweiten Weltkrieg, sondern auf alle Kriege und bewaffneten Konflikte, denen er als Mahnung seine Musik entgegen setzen wollte: „Die Probleme, die Krieg und Frieden aufwerfen, sind ewig (...) und ist Friede nicht eine ständige Sehnsucht unserer Seelen?“, schreibt Martin über sein Werk.

Der in Genf aufgewachsene Komponist setzte in seinem Oratorium vier inhaltliche Schwerpunkte, welche sowohl seine Auswahl der Bibeltexte als auch die architektonische Struktur des Werkes beeinflussten. Er wählte die französische Sprache, da Textverständlichkeit für die erste Aufführung, die am Radio viele Menschen seines Landes erreichen sollte, ihm unabdingbar war; der Partitur gab er eine deutsche Übertragung bei und fügte gleichzeitig, wo es der veränderte Sprachrhythmus erforderte, alternative Singstimmenversionen bei.

Dunkle Zeiten des Krieges

Der erste Teil spricht von den »dunklen Zeiten des Krieges..., [der] Apokalypse mit ihrer Beschreibung der vier Pferde, die Krieg, Hunger, Krankheit und Tod tragen«. Hier werden (wie auch an späteren Stationen des Werkes) Psalmentexte den neutestamentlichen Episoden gegenübergestellt; der erzählenden, betrachtenden Darstellung, zunächst durch das Baritonsolo, folgt gemeinschaftliche Bitte, vielstimmige, die Solostimmen in den Chor einschmelzende, sich vervielfachende Anrufung Gottes.

Reue und Verheißung

Reuebezeugung und Verheißung des Friedens stehen im Mittelpunkt des zweiten Teiles; erneut erzielt Martin gerade auch in den langsamen Abschnitten, den oftmals homophonen Chorpassagen (mit ihren Akkordfortschreitungen) hohe Ausdrucksdichte und Eindringlichkeit. Er lässt aber auch Soli (Tenor, Sopran) in einem Zwiegesang die Gedanken gleichsam voneinander abnehmen. Und er steigert das Aussagevolumen, jede Stimme einbeziehend, weiter: Der doppelchörige Satz verdichtet sich, die Solostimmen vereinen (nur in diesem Moment, Satz 7) mehrere Gedanken in einem Ensemblesatz. Der ausgedehnte Solosatz des Alt öffnet durch Bevorzugung tiefer Lage wie Streicherstimmen eine neue Klangregion: »...es gibt noch mehr zu sagen, denn Friede ist nicht möglich ohne eine Rückkehr zum Selbst und ohne ein wirkliches Verzeihen. Hier verlassen wir die Welt, die äußere Welt von Krieg und Frieden, und befassen uns mit der innersten Seite unserer eigenen Überzeugungen. Deshalb finden wir bei Jesaia die lange Beschreibung des Dieners der Ewigkeit, eine Vorläuferfigur von Christus«, so Frank Martin. Die innere Welt, abseits des Erzählenden oder Betrachtenden, lässt er schließlich mit Teilen des „Vater unser“ sprechen.

Der nur einsätzige Schlussteil dann ist ganz der Verheißung des neuen Himmels, der neuen Erde, vielstimmigem Jubelgesang vorbehalten.

Dieses Thema im MDR-Programm: MDR KULTUR | MDR KLASSIK | 10.05.2020 | 19:30 Uhr