Geschichte Die DDR und der russische Impfstoff

Er würde sich jederzeit mit dem russischen Corona-Impfstoff Sputnik V impfen lassen, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident diese Woche in einem Zeitungsinterview. Schließlich habe man in Ostdeutschland jahrzehntelang Erfahrung mit russischem Impfstoff gemacht. Er selbst sei als Kind erfolgreich gegen Kinderlähmung geimpft worden, während es im Westen noch gar keinen Impfstoff dagegen gab. Doch sind die Impf-Erfahrungen aus DDR-Zeiten wirklich so positiv?

Impfen und Sozialismus – das passe wunderbar zusammen, sagt der Historiker Malte Thießen. In seinem Buch "Immunisierte Gesellschaft" beleuchtet er die deutsche Impfgeschichte der letzten beiden Jahrhunderte. Man könne sogar sagen, dass die Gesellschaft der DDR auf dem Impfen aufbaute, sagt Malte Thießen: "Denn das Impfen ist so die Vorstellung, dass man die kollektive Gesundheit planen, sozusagen die Zukunft gestalten kann." Nach seiner Einschätzung spielte das in der DDR als Leitspruch "Sozialismus ist die bessere Prophylaxe" eine ganz zentrale Rolle.

DDR-Impfstoffe stammten aus der Sowjetunion

Bis zu 20 Impfungen bekamen DDR-Bürger im Laufe ihres Lebens. Zwar wurden auch in den Dresdner Serum-Werken Impfstoffe hergestellt. Die meisten stammten aber aus der Sowjetunion, sagt Thießen.

Man kann eigentlich sagen, dass es sich bei fast allen Impfstoffen, die neu eingeführt wurden in der DDR, um Direktimporte aus der Sowjetunion handelte.

Malte Thießen Historiker und Buchautor

Die Impfstoffe seien dann später zum Teil in Lizenz in der DDR hergestellt worden, aber der Transfer zwischen Sowjetunion und DDR wäre jahrzehntelang sehr intensiv gewesen.

Ein berühmtes Beispiel – an das auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff jüngst erinnerte, als er für den russischen Corona-Impfstoff warb – ist Polio, also Kinderlähmung. Im Osten ging die Zahl der Erkrankten dank der Impfung ab den 1960er-Jahren schnell zurück. Anders im Westen, wo die Impfung erst später eingeführt worden sei, sagt Thießen.

Entwicklungshilfe aus der DDR

"In der DDR gab man sich dann großzügig und machte Konrad Adenauer ein Angebot, Entwicklungshilfe zu leisten", führt er Historiker weiter aus. "Man würde umgehend drei bis vier Millionen Impfstoffdosen bereitstellen, gerade weil man selbst im Osten ja frei von der gefährlichen Seuche war, wie man in diesem Angebot dann natürlich auch öffentlichkeitswirksam verkündete."

Ein Propaganda-Coup für DDR und Sowjetunion, sagt Karl-Heinz Leven, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Erlangen-Nürnberg. Seiner Meinung nach war da auch viel Ideologie dabei: "Denn oft hatte man gar nicht genug Impfstoffe, und oft hatte man auch nur Impfstoffe für eine bestimmte Krankheit und die musste man dann verimpfen", erklärt der Wissenschaftler. Aber man hätte dann gegen viele andere Krankheiten keine Impfstoffe gehabt, weil das bei der Planwirtschaft auch nicht alles so gut gelaufen sei.

DDR später auf Westimporte angewiesen

Spätestens ab den 70er-Jahren habe der Westen mit Mehrfach-Impfungen aufgeholt, sagt Historiker Thießen. Die DDR habe dagegen zunehmend Probleme gehabt: "Man kommt zum Teil mit der Produktion nicht nach, auch in der Sowjetunion nicht." Die Qualität sei sehr wechselhaft gewesen. Und während der 80er-Jahre sei die DDR zum Teil sogar auf Westimporte angewiesen gewesen. "Das natürlich nur klammheimlich. Man möchte ungern zugeben, dass der Systemgegner einem sozusagen aushilft im Kampf gegen die Seuche."

Impfstoff-Entwicklung ist "außenpolitisches Prestige"

Thießen sieht auch bei der aktuellen Diskussion um den russischen Corona-Impfstoff Sputnik V Parallelen zur Vergangenheit. "Ich glaube, was tatsächlich vergleichbar ist, ist, dass es bei Sputnik nicht nur um Gesundheit geht, sondern eben auch um außenpolitisches Prestige." Es gehe darum, darzustellen, wer eben das bessere Gesundheitssystem und damit auch die bessere Gesellschaft vertrete. "Insofern sind da, glaube ich, auch durchaus Parallelen zu den 60er-Jahren mit Händen zu greifen", ist sich Thießen sicher.

Anders könne er sich nicht erklären, dass der russische Impfstoff ausgerechnet "Sputnik" heißt – so wie der erste Satellit im Weltall, mit dem die Sowjetunion einst einen großen Propaganda-Erfolg gegenüber dem Westen feierte.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. März 2021 | 06:00 Uhr

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