Corona-Pandemie Geschlossene Kitas: So groß ist die Belastung für Alleinerziehende

Kanzlerin Merkel und die Regierungschefs der Länder sind der Empfehlung der nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina gefolgt, dass Kitas vorerst geschlossen bleiben sollen. Doch gerade für Eltern kleiner Kinder – und erst recht für Alleinerziehende – ist die Krise eine besondere Herausforderung. Ein Lagebericht.

Leeres Zimmer mit Spielgeräten in Kita
Die Spielzimmer in den Kitas bleiben erstmal weiterhin leer. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Was soll man tun als alleinerziehende und vielleicht noch selbstständige Mutter, wenn man sein Kind tagsüber nicht abgeben kann? Wenn man neben seinem Job noch Lehrerin und Ganztagsbetreuerin sein muss?

Viele seien am Limit und wüssten nicht mehr weiter, das berichtet die Selbsthilfegruppe für Alleinerziehende (SHIA) in Leipzig. Der Verein sammelt die Hilferufe der Betroffenen in der Stadt und leitet sie an die politischen Entscheidungsträger weiter.

Alleinerziehende überfordert

Einige der Beschwerden liegen MDR AKTUELL in anonymisierter Form vor. So schreibt eine alleinerziehende Person von drei Kindern:

"Ich kann nicht mehr. Eine permanente Dauerbetreuung zu Hause inkl. Haushalt, Einkauf ist nicht zu schaffen. Die Lebensmittelpreise steigen, da das preiswerte nicht mehr zu kaufen ist, nur teure Produkte! Ich habe keine freie Minute mehr, muss mit allen Kindern zum Einkaufen. Eine Betreuung gibt es nicht für meine Kinder, nicht mal eine Notbetreuung. Das Jugendamt sagt, das wäre mein Problem, sie könnten nichts für Corona."

Viele Mütter fühlen sich von der Politik alleingelassen und fordern eine Notbetreuung per Gesetz. Familien mit zwei Elternteilen könnten die Situation noch besser meistern, aber auch sie kämen an ihre Grenzen, heißt es vom sächsischen Familienverband.

Entlastung vs. Infektionsgefahr

Die Vorsitzende des Verbands, Eileen Salzmann, sagt: Klar, es würde die Familien entlasten, würden die Kitas wieder öffnen. Aber so einfach sei das eben nicht: "Ich denke, das Bewusstsein ist bei allen gestiegen." Es sei ein Dilemma, dass sich Eltern einerseits freuen würden, zum Normalzustand zurückzukehren und wieder der eigenen Berufstätigkeit nachgehen zu können.

Andererseits, glaubt Eileen Salzmann, sei jedem in den vergangenen Wochen klargeworden, "dass das Ganze einem höheren Zweck dient und man mit Augenmaß an Lockerungen herangehen muss."

Mütter fürchten in Arbeitslosigkeit zu rutschen

Ganz Ähnliches kann Petra Beck aus Thüringen berichten. Sie ist dort die Chefin des Verbandes Alleinerziehender Mütter und Väter. Die Mütter hätten natürlich Angst, sagt Beck. Sie seien zum Teil überfordert, hätten Sorgen, in die Arbeitslosigkeit abzurutschen.

Sie hätten aber auch Angst, ihre Kinder gesundheitlichen Risiken auszusetzen, sagt Beck, oder, dass über ihre Kinder das Coronavirus weiterverbreitet werde. Dass die Kitas geschlossen sind, stoße auf Verständnis: "Das liegt vielleicht auch an unserer Sozialisation, dass dann doch erst mal die Sicherheit gesehen wird. Aber jeder wünscht sich natürlich einen abgesteckten Zeitraum, also 14 Tage, drei Wochen. Das kann man alles aushalten." Wenn sich aber eine Aussichtslosigkeit abzeichne, "ist das ein Problem".

Rückfall in traditionelles Rollenbild der Frau

In ihrem Verband habe sich bis jetzt auch niemand über die ausbleibende Kita-Betreuung beschwert, sagt Beck. "Niemand" heißt: keine Frau. Denn der Verband betreut fast ausnahmslos Mütter.

Der Erfurter Soziologieprofessor Marcel Helbig betrachtet das mit Sorge. Helbig, der auch für Allmendinger arbeitet, bemerkt einen Wandel der Rolle der Frau, der durch die Corona-Krise verstärkt werde. Für Beck würden die geschlossenen Kitas im schlimmsten Fall bedeuten:

Dass ganz viele Frauen zu Hause bleiben müssen beziehungsweise nicht arbeiten und kein Homeoffice machen können, weil sie sich einfach um kleine Kinder zu kümmern haben.

Um Kinder im Alter zwischen zwei und sechs Jahren müsse man sich fast den ganzen Tag kümmern, meint Beck: "Da ist nicht einfach mal 'Kind, mach dich mal für ein paar Stunden vom Acker und ich setze mich an den Laptop'. Und so rutschen wir ein Stück weit wieder in was doch sehr traditionell Westdeutsches ab."

Ob die Kitas wieder öffnen sollten, darüber erlaubt sich Helbig kein Urteil. Wohl aber darüber, dass das Familienwohl in den Debatten rund um Exit-Strategien in der Corona-Krise eine größere Rolle spielen sollte.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. April 2020 | 05:00 Uhr