Chance für alte Autos Klimaneutral Auto fahren: Sind synthetische Kraftstoffe eine Lösung?

Der Elektromobilität gehört die Zukunft. Doch sind auch synthetische Kraftstoffe ein Baustein zur Lösung der CO2-Problematik und damit des Klimawandels? Ein Pilotprojekt zeigt welches Potential in der Technologie steckt.

Viele Autos stehen in einer Schlange im Stau.
Synthetischer Kraftstoff könnte eine Lösung für weltweit mehr als eine Milliarde Autos mit Verbrennungsmotoren sein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bis zu 30 Jahre alte Autos können mit klimaneutralem Benzin betankt werden – ohne Umrüstung und wie mit normalem Benzin. Dies geht mit synthetischem Kraftstoff. "Mit diesem Kraftstoff können Fahrzeuge betankt werden, und bei der Verbrennung entsteht CO2, was wir vorher der Atmosphäre entzogen haben. Also ein Nullsummenspiel", sagt Professor Bernd Meyer von der Bergakademie Freiberg.

Der Direktor des Instituts für Energieverfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen forscht an der europaweit größten Pilotanlage zur Herstellung synthetischen Benzins an der Bergakademie Freiberg. Diese Art Kraftstoff könnte eine Lösung für weltweit mehr als eine Milliarde Autos mit Verbrennungsmotoren sein. Während in Deutschland immer mehr Autos mit E-Motor produziert werden, werden Diesel und Benzin in ärmeren Ländern nicht so schnell verschwinden. Betrieben mit synthetischem Kraftstoff würden sie aber CO2-neutral fahren und eine Ergänzung zu batteriebetriebenen Elektroautos darstellen.

Chemische Produktionsanlage
Die europaweit größte Pilotanlage zur Herstellung synthetischen Benzins steht an der Bergakademie Freiberg. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sorgen bereiten hohe Strompreise

Denn bis die weltweit derzeit etwa "1,4 Milliarden Fahrzeuge durch E-Mobile ablösen können […] müssen wir unbedingt etwas tun. Und damit müssen wir eben jetzt beginnen", stellt der Vorstand der Porsche AG, Michael Steiner, seine Vision vor.

Die Herstellung des synthetischen Kraftstoffs: Synthetischer Kraftstoff kann auf zwei verschiedenen Wegen entstehen. Zum einen durch die Verbrennung von organischen Abfällen von Altholz bis hin zu Klärschlamm. Für den zweiten Weg nimmt man Kohlendioxid [CO2] – bestenfalls aus Industrieabgasen, die sonst die Atmosphäre belasten würden, sowie Wasser und grünen Strom. Daraus kann Methanol hergestellt werden. Dieses Methanol wird dann in synthetisches Benzin umgewandelt.

Doch in der momentanen Realität gibt es mit dieser Vision noch große Probleme. Der in Deutschland aktuell extrem hohe Strompreis würde auch den Preis des klimaneutralen Kraftstoffs in die Höhe treiben. Ein Ausweg: "Den Strompreis für diese klimaneutralen Anlagen zu senken", sagt der Leiter Verfahrenstechnik im Chemieanlagenbau Chemnitz, Mario Kuschel. "Zum Beispiel durch die Reduzierung der EEG-Umlage und Abgaben, die den Strompreis mitgestalten. Alles ist CO2 neutral und ohne Erdöl."


Herstellung: Synthetisches Benzin kostet 1,10 Euro

Der Chemieanlagenbau Chemnitz hat die Pilotanlage in Freiberg entwickelt. "Wir haben Beispielrechnungen durchgeführt, wie sich der Preis unseres synthetischen Benzins gestalten würde", sagt Kuschel. "Dabei sind wir bei größeren industriellen Anlagen auf einen Preis von circa einen Euro pro Liter gekommen."

Andreas Scheuer. Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur
Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer kann sich unter bestimmten Bedingungen Steuererleichterungen für synthetische Kraftstoffe vorstellen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Liter synthetisches Benzin würde in der Herstellung 1,10 Euro kosten. Ein Liter Benzin aus Erdöl benötigt 40 Cent. Wenn der Staat wegen des ökologischen Aspekts auf dieses sogenannte Grüne Benzin beim Verkauf keine Steuern erheben würde, wäre dieser Preis marktfähig. Doch ist das eine Option für die Bundesregierung?

"Natürlich ist das eine Überlegung für die nächste Wahlperiode", sagt Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) gegenüber dem ARD-Magazin FAKT. "Um die Klimaziele zu erreichen, brauchen wir alles, was dazu beiträgt, die Mobilität sauberer und klimaneutraler zu machen."


Experte sieht Zukunft bei elektrischen Autos

Die Freiberger Anlage kann jährlich eine Million Liter synthetischen Kraftstoff produzieren. Damit ist sie zwar die größte in Europa, aber immer noch klein. Nötig sind viel größere Anlagen, aber dafür hat sich aufgrund der Probleme bei der Wirtschaftlichkeit in Deutschland noch kein Investor gefunden.

"Man wird wenige oder keine Investoren im groß skalierten Maßstab finden", sagt der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer. Aus seiner Sicht mache es wenig Sinn in synthetische Kraftstoffe zu investieren. Bis man damit in industrieller Größenordnung in frühestens fünf Jahren am Markt sei, sei die Zeit dieses Kraftstoffes schon vorbei. "Denn dann hat das batterieelektrische Auto wirklich seinen großen Auftritt."


Porsche und Siemens bauen Anlage in Chile

Trotzdem wird Porsche gemeinsam mit Siemens in Chile nun mit dem Bau einer Industrieanlage für jährlich 600 Millionen Liter beginnen. Um die Gegend Punta Arenas in Patagonien läuft ein starkes Windband, so dass Strom aus Windkraftanlagen kontinuierlich erzeugt werden kann. "Die Kraftstoffpreise spielen natürlich eine große Rolle bei all diesen Überlegungen", sagt Porsche-Vorstand Steiner. "Und wenn wir nach 2026 schauen, wo wir großindustriell agieren wollen, dann ist unser fester Plan, auch in eine wettbewerbsfähige Preisregion zu kommen."

Solche Industrieanlagen rentieren sich im windarmen Deutschland kaum. Außer es gibt politische Unterstützung: "Ja, wir haben jetzt mehrere Standorte im Blick.  Ich habe unlängst mit den Mineralölkonzernen viel geredet, was an Planungen da ist. Es wird nicht am Geld scheitern", sagt Verkehrsminister Scheuer. Die Förderung stehe bereit. Es sei die Frage, wo es Standorte gebe, an denen Fabriken in der Größe von Raffinerien hingestellt werden könnten.

Quelle: MDR Investigativ/ mpö

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 27. Juli 2021 | 21:45 Uhr

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