Wirtschaft Gaskonzern VNG will langfristig aus Verträgen mit Russland raus

Der Krieg in der Ukraine stellt die Energielieferanten in ganz Europa vor neue Herausforderungen. Auch die VNG blickt angesichts der unsicher werdenden Geschäftsbeziehungen zum Erdgaslieferanten Russland in eine unvorhersehbare Zukunft. Abseits des Krieges will der Gaskonzern die Energiewende stemmen und investiert in neue Technologien. Das Unternehmen konnte 2021 seine Jahresbilanz verbessern und profitierte dabei von den steigenden Energiepreisen.

Gasdruckmess- und Regelstrecke Bad Lauchstädt
Um unabhängiger von russischem Erdgas zu werden, will der Gashandelkonzern VNG die Entwicklung von Wasserstoffspeichern vorantreiben. Als Leuchtturmprojekt gilt der Energiepark in Bad Lauchstädt (Sachsen-Anhalt). Bildrechte: VNG Gasspeicher GmbH

Der Gaskonzern VNG hat für das Jahr 2021 kräftig Gewinne gemacht. Das Unternehmen mit Sitz in Leipzig konnte den Umsatz im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppeln, erklärte Finanz-Vorstand Bodo Rodestock am Dienstag auf einer Pressekonferenz. Die Steigerung von 9,8 auf rund 18,5 Milliarden Euro sei auch durch den rasanten Anstieg der Erdgaspreise beeinflusst worden. Zudem erzielte das Unternehmen einen Gewinn von 146 Millionen Euro. 2020 waren es laut Rodestock 46 Millionen Euro gewesen.

Ukraine-Krieg als Zäsur

Abseits der positiven Wirtschaftsbilanz stellt der Krieg in der Ukraine die VNG vor neue Aufgaben. Die Bilanz-Meldungen wirkten vor dem "Leid der Menschen in der Ukraine beinah unwichtig", sagte VNG-Vorstandsvorsitzender Ulf Heitmüller auf der Pressekonferenz. "Die Bilder der humanitären Katastrophe machen fassungslos. Der Krieg ist auch eine Zäsur für die VNG", so Heitmüller weiter.

Die Bilder der humanitären Katastrophe machen fassungslos. Der Krieg ist auch eine Zäsur für die VNG.

Ulf Heitmüller Vorstandsvorsitzender VNG

Versorgungssicherheit als oberstes Gebot

Die Versorgungssicherheit stehe nun "ganz oben auf der Liste", erklärte Heitmüller. Auch wenn das Vertrauen in Russland als Wirtschaftspartner "massiv beschädigt" worden sei, müsse ein Lieferstopp vermieden werden. Die Auswirkungen seien zu gravierend. Russisches Erdgas könne nicht einfach ersetzt werden, betonte der VNG-Chef. Rund 20 Prozent Erdgas beziehe die VNG direkt aus Russland. Aber auch das Erdgas, das auf den Märkten eingekauft wird, komme zu 50 Prozent aus Russland. Eine vollständige Unabhängigkeit von russischem Erdgas bis 2024, wie sie Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck gefordert hatte, hält Heitmüller für herausfordernd.

Wichtiger sei es jetzt, alternative Bezugsquellen ausbauen. Ein wesentlicher Teil der Erdgaslieferungen komme bereits aus Norwegen. Neue Verträge mit Russland will die VNG in der jetzigen Situation nicht mehr abschließen.

Grüne Transformation

Um die Energiewende vor dem Hintergrund des Klimawandels vorzuantreiben, will die VNG mehr Arbeit in die Weiterentwicklung "grüner Gase" stecken, betonte Heitmüller. 197 Millionen Euro hat das Unternehmen der Bilanz zufolge 2021 in die Geschäftsbereiche Transport und Biogas investiert, sagte Finanz-Vorstand Rodestock.

Neue Biogas-Anlage bei Leipzig

Zwei neue Biogasanlagen, darunter einer in der Nähe von Taucha, konnten 2021 fertiggestellt werden. 38 Anlagen betreibt die VNG inzwischen, sagte Hans Joachim Polk, Vorstandsmitglied für Infrastruktur und Technik. Damit gehöre die VNG zu den größten Biogaserzeugern in Deutschland. Aber auch in die Wasserstoff-Infrastruktur und die Produktion von Bio-LNG (Verflüssigung von Biomethan) soll weiter investiert werden, so Polk weiter.

Deutschland ist der weltweit größte Importeur von Erdgas. 1 min
Bildrechte: Aktuell Grafik
1 min

Deutschland ist der weltweit größte Importeur von Erdgas. Größter Lieferant ist Russland.

Mo 21.02.2022 14:10Uhr 01:03 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/wirtschaft/video-online-grafik-erdoelversorgung-deutschland-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Forschungskooperationen durch Ukraine-Krieg beeinträchtigt

Allerdings habe der Krieg in der Ukraine auch auf der Forschungsebene zu Einschnitten geführt. "Alle wissenschaftlich-technischen Kooperationen mit Russland haben wir ruhendgestellt", so Polk. "Und es wird auch keine neuen geben, solange die Situation so ist", ergänzte VNG-Chef Heitmüller.

Umsetzungsdiskussion und schwierige Prognose

Um die "grüne Transformation" zu beschleunigen, müsse auch die Bundesregierung ein "politisch verbindliches Zielbild entwickeln", betonte Heitmüller. "Überregulierung brauchen wir nicht. Der Wettbewerb ist wichtig", ergänzte er. Wichtiger als die Diskussion über Ziele sei eine Diskussion über die Umsetzung der Energiewende, auch auf Europäischer Ebene.

Eine Prognose für 2022 sei vor dem Hintergrund des Krieges und der damit entstandenen Unsicherheit schwierig, so Heitmüller. Die Zielstellung sei jedoch klar: "Die Versorgungssicherheit rückt für Gegenwart und Zukunft stärker in den Fokus, LNG (Flüssigerdgas) erfährt einen Boom, russisches Erdgas hingegen wird zukünftig an Bedeutung verlieren", fasst Heitmüller zusammen. Erdgas bleibe aber für die Umsetzung der Energiewende weiter wichtig, auch wenn sich die Transformation hin zu grünen Gasen und Wasserstoff beschleunigen müsse.

MDR (mar)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 05. April 2022 | 19:00 Uhr

Mehr aus Deutschland

Zwei Männer knieen neben einem Moped 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK