Inzidenz erstmals seit Mai über 50 Corona-Fallzahlen steigen in der vierten Welle rasant an, regional aber unterschiedlich stark

Manuel Mohr
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Die vierte Corona-Welle in Deutschland wird anhand immer schneller steigender Fallzahlen von Tag zu Tag deutlicher. In welchen Regionen bald Maßnahmen-Verschärfungen drohen und welche Gründe es für langsam wieder steigende Impfzahlen geben könnte, das und mehr im aktuellen Corona-Daten-Update.

Computer-Visualisierung des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2. Im Vordergrund steht der Schriftzug "Corona-Daten-Update".
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Die aktuelle Lage

Guten Tag zur aktuellen Ausgabe des Corona-Daten-Updates. Die vierte Corona-Infektionswelle hat Deutschland erfasst und wird von Tag zu Tag sichtbarer. Das geht aus dem neuesten ausführlichen Lagebericht des Robert Koch-Instituts (RKI) vom vergangenen Donnerstag hervor. Insbesondere durch Infektionen innerhalb der jungen erwachsenen Bevölkerung nimmt die Welle dem RKI zufolge an Fahrt auf:

Deutlich wird diese Entwicklung auch beim Blick auf das zuletzt immer weiter gesunkene mittlere Alter der Menschen, die sich in den vergangenen Wochen infiziert haben und aufgrund schwerer Krankheitsverläufe stationär oder intensivmedizinisch behandelt werden müssen:

Fallzahlen wachsen rasant

Momentan wachsen die Infektionszahlen mit einer Rate von etwa 60 Prozent pro Woche, das ist schneller als noch bei der dritten Welle im Frühjahr. Dieses exponentielle Wachstum wird auch anhand der Reproduktionszahl R deutlich, die nach RKI-Angaben bereits seit Anfang Juli über 1 liegt, aktuell bei etwa 1,3. Das bedeutet umgerechnet, dass 100 infizierte Personen 130 weitere Personen anstecken.

Unverändert hoch ist die Verbreitung der Delta-Variante des neuartigen Coronavirus. Deutschlandweit waren in der vergangenen Woche 98 Prozent der durch Stichproben ermittelten Virus-Mutationen der Delta-Variante zugeordnet.

Laut RKI schützen alle Impfstoffe, die zurzeit in Deutschland zur Verfügung stehen, bei vollständiger Impfung wirksam vor einer schweren Erkrankung. Für vollständig Geimpfte wird die momentane Gefährdung der Gesundheit deswegen aktuell als moderat eingeschätzt, für nicht oder nur einmal geimpften Personen allerdings weiterhin als hoch.

Inzidenzen: Große regionale Unterschiede

In Deutschland liegt die 7-Tage-Inzidenz am Samstag mit 51,6 erstmals seit dem 25. Mai wieder bei über 50. Die Lage in den Bundesländern ist allerdings äußerst unterschiedlich. Während Nordrhein-Westfalen (91,8), Hamburg (72,8) und Berlin (67,0) die höchsten Werte aufweisen, sind die Werte in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen momentan die niedrigsten aller Bundesländer:

Und auch innerhalb der Bundesländer gibt es teilweise großer Unterschiede. In Sachsen-Anhalt beispielsweise liegt im Landkreis Harz der Inzidenz-Wert aktuell noch bei 5,6 – in Halle hingegen schon bei 27,6:

Sachsen-Anhalt will zur Beurteilung der Pandemiesituation künftig neben der 7-Tage-Inzidenz auch andere Kriterien betrachten. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) teilte am vergangenen Dienstag mit, dass künftig für verschärfte Eindämmungsmaßnahmen auch die Auslastung der Intensivbetten, die Schwere der Verläufe, die Zahl der beatmeten Patientinnen und Patienten sowie die Impfquote in den jeweiligen Landkreisen und Regionen eine Rolle spielen sollen. 

Spürbar mehr Erstimpfungen

Eine neue Entwicklung zeigt sich seit einigen Tagen bei der Anzahl der täglichen Erstimpfungen. Während diese bis zum 10. August auf rund 75.000 pro Tag (7-Tage-Durchschnitt) sank, werden im Schnitt mittlerweile über 90.000 Erstimpfungen pro Tag verabreicht. Insgesamt sinkt das Impftempo in Deutschland momentan aber weiterhin:

Für den neuerlichen Anstieg der Impfrate können mehrere Gründe eine Rolle spielen. So haben Bund und Länder beispielsweise am 10. August beschlossen, dass kostenlose Schnelltests für alle ab 11. Oktober 2021 nicht mehr angeboten werden.

Zudem enden in immer mehr Bundesländern die Sommerferien, sodass möglicherweise mehr Menschen nach der Rückkehr aus dem Urlaub das Impfangebot wahrnehmen werden. Und schließlich empfahl die Ständige Impfkommission Anfang der Woche die Impfung für Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis 17 Jahren.

Dass gerade diese Altersgruppe sowie die Kinder unter zwölf nicht nur von eigenen Impfungen, sondern auch von einer möglichst hohen Impfquote der erwachsenen Bevölkerung profitiert, zeigt eine neue Modellierung des RKI. Je mehr Personen aus der Altersgruppe 18 und älter vollständig geimpft sind, desto größer ist auch der indirekte Schutz für Kinder und Jugendliche, die erst seit Kurzem oder aber auch gar nicht durch eine Impfung geschützt werden können.

Intensivstationen füllen sich wieder

Vor rund einem Monat wurden deutschlandweit rund 350 Menschen infolge einer COVID-19-Erkrankung intensivmedizinisch behandelt. Inzwischen sind es wieder rund 650:

Der Kölner Intensivmediziner Christian Karagiannidis von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) betonte kürzlich in einem Interview mit dem SWR noch einmal, dass das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf für Ungeimpfte weitaus höher ist als für eine geimpfte Person.

So wurden nach neuesten RKI-Zahlen Ende Juli bis Mitte August 309 COVID-19-Patienten auf Intensivstationen behandelt, lediglich 17 (5,5 Prozent) von ihnen waren geimpft.

Deshalb kann ich nur dringend dazu raten, sich Impfen zu lassen. Wir kommen daran nicht mehr vorbei. Die Delta-Variante ist so infektiös, dass wir entweder geimpft sind, oder irgendwann diese Infektion erleiden.

Christian Karagiannidis, Intensivmediziner SWR-Interview am 19.08.2021

Mehr Informationen zur Corona-Situation in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen finden Sie hier:

Generelle Einschätzung der Daten

Es handelt sich sowohl regional als auch international um eine sehr dynamische Datenlage. Beinahe stündlich liefern einzelne Kommunen, Landesbehörden oder internationale Stellen neue Zahlen. Dazu kommt ein teils erheblicher Meldeverzug, weshalb sich Angaben verschiedener Quellen unterscheiden können. Grundsätzlich stellt eine Daten-Übersicht wie diese deshalb immer nur eine Momentaufnahme dar.

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MDR/Manuel Mohr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. August 2021 | 19:00 Uhr

11 Kommentare

Denkschnecke vor 14 Wochen

Sie biegen sich die Fakten doch zurecht, wenn Sie einerseits sagen, dass die Zahlen der Impfdurchbrüche "eine andere Sprache sprächen", andererseits aber nur "vorerst" und "dem Sinn nach".
Klar ist erstens: eine absolute Sicherheit vor der Infektion gibt es nicht (aber die gibt es auch nicht vor Lungenkrebs für im Grünen lebende Nichtraucher).
Klar ist zweitens: Das Risiko ist extrem verringert. Nach Zahlen des RKI ist (nach über einem halben Jahr Impferfahrung) bislang exakt EIN unter 60-Jähriger Deutscher an einem Impfdurchbruch verstorben, verglichen mit bisher über 22000 ungeimpften Todesfällen unter 60.
Vergleichen Sie beides und machen Sie sich Ihre eigenen Gedanken.

Denkschnecke vor 14 Wochen

"Weil man so diese Inzidenz schlichtweg durch die variierende Testanzahl beeinflusst."
Das stimmt doch nicht. Wenn man sich die frei vom RKI verfügbaren Daten anschaut, sieht man, dass die gesamten Testzahlen seit drei Monaten stetig geringer geworden sind und aktuell nur halb so hoch sind wie Anfang Mai, aber der Anteil der positiven Tests gerade munter ansteigt und sich alle 14 Tage verdoppelt. Das ist doch wirklich nicht schwer zu verstehen.
Für Maßnahmen sind die Testpositiven ebenso wichtig wie die ärztlich festgestellt Erkrankten - schließlich laufen genau die ja infektiös in der Welt herum. Wenn man alles nur an der Zahl der Hospitalisierungen festmacht, findet man nur heraus, was man vor vier Wochen verpasst hat zu tun.

DermbacherIn vor 15 Wochen

Die Inzidenz als medizinischer Indikator für Erkrankte pro 100.000 wird hier komplett missbraucht, weil man hier lediglich auf Testpositive pro 100.000 schaut und nicht Erkrankte. Das sollte mittlerweile doch auch die letzte JournalistIn des MDR verstanden haben!
Warum ist das ein Problem? Weil man so diese Inzidenz schlichtweg durch die variierende Testanzahl beeinflusst. Das ist doch wohl nicht so schwer zu verstehen, oder?
Weiterhin wird sich hier wieder mal auf eine Modellrechnung bezogen, wo jegliche Validierung der Ausgangsparameter fehlt und durch nichts belegt wird. Und das ausgerechnet auch noch die Leute des DIVI die ihre Expertise ja eindrucksvoll durch das Datenchaos, welche sie zu verantworten haben, " belegt" haben.
Es geht immer munter so weiter. Planlos durch die Pandemie. Kann man sich nicht ausdenken, so eine Story.

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