Datenanalyse Corona-Pandemie: Der ruhige Sommer ist vorbei

Ein junger Mann blickt in die Kamera.
Bildrechte: MDR/David Muschenich

In der Corona-Pandemie kommt die vierte Welle auf uns zu. Alle Indikatoren deuten darauf hin. Neben der Inzidenz auch die neue Hospitalisierungsrate. Das und mehr im aktuellen Corona-Daten-Update.

Zwei Ärzte bereiten auf der Intensivstation des Corona-Zentrum am Marienhospital ein Patientenbett vor.
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Die aktuelle Lage

Guten Abend zur aktuellen Ausgabe des Corona-Daten-Updates. Nachdem die Kennzahlen der Corona Pandemie seit der ersten Woche im Juni sehr niedrig waren, scheint der ruhige Sommer nun vorbei. Das Robert Koch-Institut (RKI) spricht bereits von einer vierten Welle, die vor allem die Jüngeren treffe. Das zeigt auch die 7-Tage-Inzidenz: In ganz Deutschland ist sie auf 83,8 gestiegen und damit rund viermal höher als vor einem Monat. Innerhalb der Bundesländer unterscheiden sich die Inzidenzwerte aber stark voneinander. In Bremen liegt die 7-Tage-Inzidenz aktuell am höchsten, bei 124,4. Am niedrigsten ist die Inzidenz aktuell in Sachsen-Anhalt mit 25,7.

Aber künftig soll nicht mehr die 7-Tage-Inzidenz die Grundlage für politische Entscheidungen sein, weil sich die Lage grundlegend verändert hat. Eine hohe Inzidenz bedeutet mittlerweile etwas anderes als vor einem Jahr. Auch wenn die Impfquote noch nicht die Ziele erreicht haben, sind doch viele Menschen geimpft oder genesen. Dadurch kann sich das Virus nicht so schnell verbreiten und wenn die Geimpften doch erkranken, dann zumindest nicht so schwer. Das entlastet das Personal in den Krankenhäusern.

Die Inzidenz der Hospitalisierungen

Darum soll – statt der 7-Tage-Inzidenz der Infizierten — bald die Hospitalisierungsrate maßgeblich für die Coronapolitik in Deutschland sein. Sie ist — wie die 7-Tage-Inzidenz — ein berechneter Wert. Der beruht auf der Zahl der Menschen, die innerhalb von sieben Tagen in ein Krankenhaus eingeliefert wurden und mit Covid-19 infiziert waren. Es geht dabei nicht nur um die Patienten, die ins Krankenhaus müssen, weil sie an Corona erkrankt sind, sondern um jede Person, die ärztliche Hilfe im Krankenhaus benötigt und bei der der Corona-Test positiv ausfällt. Da in einwohnerstarken Regionen insgesamt mehr Menschen mit Corona erkranken, wird die Zahl noch ins Verhältnis zu den Einwohnern der Region gesetzt. Dadurch ist auch die Hospitalisierungsrate regional vergleichbar. Wie eine Recherche des MDR zeigt, interpretieren die Regionen die Vorgaben aber unterschiedlich.

Anders als bei der Inzidenz hat die Bundesregierung künftig keinen einheitlichen Grenzwert vorgesehen, an den sich alle Bundesländer halten müssen. Regional gibt es unterschiedliche Kapazitäten in den Krankenhäusern: manche haben mehr, andere weniger Betten oder Personal. Deswegen sollen die Regionen das selbst entscheiden. RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher sagte, dass die Hospitalisierungsrate demnächst tagesaktuell abrufbar sein soll. Bisher veröffentlicht das RKI die Zahlen nur donnerstags.

Aus den vom RKI veröffentlichten Daten zeigt sich zwar, dass sich die Zahl der Krankenhauspatienten mit Covid-19-Infektion pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen in den vergangenen Tagen gesunken ist, insgesamt aber höher liegt als noch vor einem Monat. Der aktuellste Wert vom Donnerstag liegt bei bundesweit bei 1,89. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist derr Wert niedriger. Thüringen weist mit aktuell 1,56 den höchsten Wert in Mitteldeutschland auf. Sachsen und Sachsen-Anhalt liegen beide unter 1, bei 0,76 beziehungsweise bei 0,64.

Die Hospitalisierung steigt voraussichtlich etwas später als die Infektionszahlen. Denn wenn eine infizierte Person wegen Corona ins Krankenhaus muss, dann liegen zwischen der Infektion und der Krankenhauseinweisung ein paar Tage. Darum sollen nach dem neuesten Beschluss von Bundestag und unter Zustimmung des Bundesrats weitere Faktoren berücksichtigt werden.

Mehr Infektionen bei den Jüngeren

Bei den Infektionszahlen zeigt sich, dass sich nicht nur die Bundesländer stark unterscheiden. Auch zwischen den Altersgruppen schwanken die Werte enorm. Das Robert Koch-Institut bietet auf seiner Website einen Datensatz an, der die Corona-Fälle in ganz Deutschland aufführt.

MDR SACHSEN-ANHALT hat die Angaben ausgewertet und mit den Bevölkerungszahlen des Statistischen Bundesamts berechnet, wie viele Personen von jeder Altersgruppe sich pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen infizierten. Da auch nachträgliche Korrekturen berücksichtigt werden, weicht die Inzidenz von den tagesaktuell gemeldeten Zahlen ab. Auch die heute aktuellen Zahlen können nachträglich verändert werden. Meist müssen sie erhöht werden.

Darum lohnt es sich, etwas zurückzuschauen. Die Daten geben unter anderem an, wie alt die infizierten Personen sind und aus welchem Bundesland sie kommen. Auffällig ist, dass in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen die Inzidenz in der Altersgruppe der 5- bis 14-Jährigen an dem Tag besonders stieg, als im jeweiligen Bundesland die Schule anfing.

Am Anfang der vergangenen Woche, bevor die Schule in Sachsen-Anhalt wieder begann, lag die Inzidenz dort bei den 5- bis 14-Jährigen in Sachsen-Anhalt bei 21 Infektionen pro 100.000 in sieben Tagen. In der Woche danach stieg die Inzidenz aber schnell an. Vor dem ersten Schultag, Mittwoch 1. September, lag sie bei 40. Und am ersten Schultag dann bei 53. Mittlerweile liegt die Inzidenz bei mehr als 60 und durch die Nachmeldungen ist es wahrscheinlich, dass die eigentlichen Fallzahlen höher liegen. In derselben Zeit stieg die Inzidenz für die gesamte Bevölkerung in Sachsen-Anhalt von 16 Montag vergangener Woche auf rund 26 an.

Auch in Sachsen zeigen die Daten einen starken Anstieg zum Schulanfang am 6. September in der zweitjüngsten Altersgruppe. Aber anders als in Sachsen-Anhalt infizierten sich lange mehr Menschen im Alter von 15 bis 34 Jahren in Sachsen. Erst am Freitag stieg die Inzidenz der 5- bis 14-Jährigen darüber. Allerdings stieg die Inzidenz unter ihnen in den vergangenen drei Wochen deutlich stärker an, von 15,3 auf 69,5 am vergangenen Freitag.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in Thüringen. Am ersten Schultag, 6. September, stieg auch dort die Inzidenz unter den 5- bis 14-Jährigen deutlich an. Aber im Gegensatz zu Sachsen und Sachsen-Anhalt verlaufen die beiden Altersgruppen mit den höchsten Inzidenzwerten seit geraumer Zeit relativ parallel. Auffällig ist außerdem, dass in allen drei Ländern die zwei höchsten Altersgruppen die niedrigsten Inzidenzen aufweisen.

Dass aktuell besonders bei den jüngeren Altersgruppen Infektionen nachgewiesen werden, könnte daran liegen, dass zurzeit in den Schulen mehr getestet wird. In den Schulen wird wieder vor Ort unterrichtet, wie in den Zeiten vor der Pandemie. Um das zu gewährleisten und dabei das Infektionsgeschehen dabei im Auge zu behalten, gilt in den Schulen eine Testpflicht. Gerade jetzt, zu Beginn des Schuljahres, müssen die Schülerinnen und Schüler mehrfach Mal pro Woche checken, ob sie mit dem Coronavirus infiziert sind. Dadurch fallen Infektionen auf, die ansonsten unentdeckt geblieben wären. Die Dunkelziffer der Infizierten wird also kleiner.

Eine andere Erklärung ist, dass die Altersgruppen besonders ansteckend sind, weil weniger Menschen in dem Alter geimpft sind. Die unter 12-Jährigen besonders viele anstecken, da sie keine Impfung bekommen. Und bei den bis 18-Jährigen liegt die Impfquote in Deutschland laut dem RKI aktuell bei 24,7. Bei den drei Ländern ist es sogar noch weniger: in Sachsen-Anhalt gelten 14,3 Prozent als voll geimpft, in Sachsen 14,8 und in Thüringen 18,6.

Mehr Informationen zur Corona-Situation in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Deutschland finden Sie hier:

Generelle Einschätzung der Daten

Es handelt sich sowohl regional als auch international um eine sehr dynamische Datenlage. Beinahe stündlich liefern einzelnen Kommunen, Landesbehörden oder internationale Stellen neue Zahlen. Dazu kommt ein teils erheblicher Meldeverzug, weshalb sich Angaben verschiedener Quellen unterscheiden können. Grundsätzlich stellt eine Daten-Übersicht wie diese deshalb immer nur eine Momentaufnahme dar.

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Zum Schluss empfehlen wir Ihnen noch unseren Newsletter zum Thema: In unserem Update zur Corona-Lage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fassen wir für Sie zusammen, was am Tag wichtig war und was für Sie morgen wichtig wird – montags bis freitags um 20 Uhr per Mail in Ihr Postfach. Hier geht es zur Anmeldung.

Grafik: Der Corona-Daten-Update Newsletter
Bildrechte: MDR | Grafik Florian Leue/Martin Paul

MDR, David Muschenich

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13 Kommentare

Felix vor 4 Wochen

Ja, der relativ ruhige Sommer (je nachdem, wo man wohnt bzw. wo man im Urlaub war) ist vorbei. Warum ist das so? Weil für Reiserückkehrer u. speziell nach den Ferien überall im Land wieder strengere Regeln gelten mit jede Menge Testpflichten. Gerade die Kinder werden quasi gefoltert mit Maßnahmen (mehrmals pro Woche Tests, Masken, ...) - es ist einfach furchtbar. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn auch d. Inzidenzen nach oben gehen u. dies vor allem bei den Kindern und Jugendlichen. Hätte man die Regeln nicht verschärft/die Testungen nach oben gefahren,wäre es höchstwahrscheinlich immer noch ein ruhiger Sommer.Das sieht man auch an den niedrigen Krankenhaus- und Todeszahlen. Immerhin wird dies wenigstens etwas im Artikel erwähnt (Anstieg Testzahlen). Warum wird aber nicht hinterfragt, warum wir jetzt zahlenmäßig schlechter dastehen als letztes Jahr - obwohl letztes Jahr niemand geimpft war? Warum sind die paar Ungeimpften jetzt das Problem, wo letztes Jahr alle ungeimpft waren?

DermbacherIn vor 4 Wochen

Wenn man als dominierenden Glaubenssatz hat, dass der Weg aus der Pandemie einzig darin besteht, die ganze Welt am Segen der aktuellen Impfstoffe teilhaben zu lassen, ist das Wegwerfen von Impfstoffen natürlich eine Katastrophe und ein Beweis für die Verderbtheit des Systems, dem stimme ich zu.
Wenn man das Thema Pandemiebekämpfung allerdings als eine Auseinandersetzung mit einem hochkomplexen Prozess betrachtet, die eine permanente Anpassung und Neuausrichtung der Maßnahmen erfordert, insbesondere eine Diversifizierung der pharmakologischen Mittel, haben diejenigen, denen die Impfstoffe entgehen, die gerade im Einsatz ist, vielleicht gar keinen gravierenden Nachteil.
Es ist wirklich traurig, dass die Pandemiebekämpfung so unterkomplex abgehandelt wird.

Mustermann vor 5 Wochen

Der ruhige Sommer ist vorbei??? Von wegen... Wenn dem tatsächlich so wäre, dann würde heute am 11.9.2021 nicht 34.000 Zuschauer in Leipzig einem Fussballspiel beiwohnen. Und das, obwohl die geforderte Inzidenz - wenn auch nur geringfügig - überschritten wurde.

Können solche Meldungen in Zukunft weg (sprich - sind nur Panikmache) oder kann man diese noch für voll nehmen?

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