Datenanalyse zur Corona-Virus-Pandemie Weniger neue Corona-Impfungen, mehr Corona-Fälle

Ein junger Mann blickt in die Kamera.
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Die Zahl gemeldeter Corona-Infektionen steigt wieder, wenn auch langsam. Die anfangs kaum zu stillende Nachfrage bei den Impfungen gegen das Virus sinkt hingegen, obwohl die Herdenimmunität noch längst nicht erreicht ist. Alexander Kekulé vermutet im MDR-Podcast, dass die Inzidenz weiter steigt. Allerdings sei nicht klar, ob das auch Krankenhäuser belaste. Dafür lohne ein Blick nach Großbritannien. Das und mehr im aktuellen Corona-Daten-Update.

Ampullen mit dem Corona-Impfstoff Comirnaty des Herstellers Biontech Pfizer
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Die aktuelle Lage

Guten Tag zur aktuellen Ausgabe des Corona-Daten-Updates. Die Corona-Lage ist ruhig, aber ungewiss. Die 7-Tage-Inzidenz in Deutschland stieg laut dem Robert Koch-Institut (RKI) in der vergangenen Woche von 5,5 auf 8,0 an. Am Freitag meldete das RKI 1.456 neue Covid-19-Fälle. Das sind 53 Prozent mehr als in der Vorwoche.

Am vergangenen Freitag war die Inzidenz noch in allen Bundesländern einstellig, mittlerweile liegt sie in Berlin, Bremen, Hamburg und Hessen wieder über 10. Am niedrigsten ist die Inzidenz von aktuell 2,3 in Sachsen-Anhalt. Auch Sachsen (2,9) und Thüringen (3,3) liegen unter dem deutschlandweiten Durchschnitt (8,0).

Alexander Kekulé schätzt die Lage als bedenklich ein. Im MDR-Podcast am Dienstag sagte der Epidemiologe: "Die Lage schlägt gerade so langsam um in Richtung steigende Inzidenz", und das, obwohl die warme Jahreszeit und die Impfungen gegen das Corona-Virus wirken.

Er gehe trotzdem davon aus, dass die Inzidenz weiter steigt. Zwar müsse man in der Pandemie je nach Phase die Lage neu betrachten, aber er halte es für falsch, dass die politischen Signale "jetzt vor den Wahlen Richtung Lockerung gehen." Dabei bestehe bei Urlauberinnen und Urlaubern die Gefahr, dass sie sich im Ausland, wo die Inzidenz aktuell deutlich höher ist als in Deutschland, anstecken und das Virus mit nach Hause bringen.

Schule geschlossen wegen Delta-Variante

Weltweit tritt das neuartige Corona-Virus in verschiedenen Varianten auf. Anfang des Jahres verbreitete sich verstärkt das Corona-Virus mit der Mutation B.1.1.7, mittlerweile Alpha-Variante genannt. Doch in den vom RKI untersuchten aktuellen Proben dominiert inzwischen die Delta-Variante in Deutschland. Durch ihre Mutation ist sie ansteckender. Nach Angaben des RKI machte die Delta-Variante 74 Prozent aller untersuchten Infektionen in der 26. Kalenderwoche (28. Juni bis 4. Juli) aus.

Nach mehreren Infektionen mit der Delta-Variante ist in Sachsen-Anhalt im Saalekreis die Sekundarschule in Landsberg geschlossen worden. Das sagte eine Sprecherin des Kreises am Freitag MDR SACHSEN-ANHALT. Man könne nicht sagen, wie viele Schüler genau betroffen sind, aber insgesamt gebe es in der Stadt derzeit 20 Fälle. Im Saalekreis ist die Inzidenz mit 7,1 aktuell am höchsten in Sachsen-Anhalt.

In den Daten des Robert Koch-Instituts zeigt sich ein möglicher Zusammenhang zwischen Infektionen und Auslandsreisen. Bei jedem zehnten Delta-Fall sei nachverfolgbar, dass sich die Person im Ausland aufgehalten habe. Dabei sei Spanien am häufigsten von den Infizierten genannt worden. In Spanien war das Infektionsgeschehen zunächst ähnlich wie in Deutschland, bis Ende Mai hatte Spanien sogar weniger Fälle. Aber seit einigen Wochen steigen die Fallzahlen wieder stark, und zum Beispiel auf Mallorca liegt die Inzidenz mittlerweile bei mehr als 200, wie ARD-Korrespondent Oliver Neuroth bei MDR AKTUELL berichtet.

Immer weniger Impfungen verabreicht

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen liegt die Impfquote unter dem deutschen Durchschnitt. Jede zweite Person hat in diesen Bundesländern mittlerweile die erste Spritze bekommen, und Brandenburg bildet mit 41,8 Prozent das Schlusslicht bei den zweiten Impfungen. Allerdings verlangsamt sich das Impftempo zurzeit.

War vor ein paar Monaten der Impfstoff überall knapp und es schwer, einen Impftermin zu bekommen, zeichnet sich nun ein anderes Bild ab. Immer weniger Menschen lasse sich impfen. Seit rund einem Monat ist die Anzahl der verabreichten Impfdosen in Deutschland rückläufig. Mitte Juni waren es noch rund sechs Millionen Impfdosen in Deutschland pro Woche, mittlerweile sind es rund vier Millionen. Da die Impfzentren nicht mehr ausgelastet sind, setzen einige Städte auf mobile Impf-Angebote.

Die Regierung in Sachsen-Anhalt gibt an, sie wolle dem entgegenwirken. Impfen soll an "jeder Ecke" möglich werden, wie es Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD) ausdrückt. Über die Umsetzung möchte sie am kommenden Montag bei einem Impfgipfel mit Landrätinnen und Landräten, weiteren politischen Akteuren und der Kassenärztlichen Vereinigung beraten. Und auch in Sachsen soll am 20. Juli bei einem Impfgipfel beraten werden.

Vielleicht blicken die Teilnehmer dabei auch nach Chemnitz: Vor dem Stadion des Fußball-Regionalligisten Chemnitzer FC konnten sich am Donnerstag Fans ohne Anmeldung impfen lassen. Der Verein wolle sich neben dem Fußball auch um gesellschaftliche Belange kümmern, erklärte Vorstandsvorsitzende Romy Polster.

Eine Entlastung fürs Gesundheitssystem

Wer eine vollständige Impfung erhalten hat, ist zwar nicht hundertprozentig vor einer Infektion mit dem Corona-Virus geschützt. Aber zumindest zeigen die bisherigen Zahlen, dass ein schwerer Verlauf bedeutend unwahrscheinlicher wird. Das entlastet das Gesundheitssystem deutlich.

Aktuell, da die Inzidenz in Deutschland so niedrig ist, ist auch die Anzahl der Covid-19-Patienten in Intensivbetten geringer – zumindest verglichen mit der Anzahl der Covid-19-Fälle vor ein paar Monaten.

Sollten weniger Menschen so schwer erkranken, dass sie ins Krankenhaus müssten, dann könnte es sein, dass die Belastung für das Gesundheitssystem niedrig bleibt, auch wenn die Inzidenz wieder steigt. Zumindest ist es aktuell in Großbritannien so, dass die Fallzahlen seit Wochen stark steigen, aber die Zahl der Covid-19-Patienten in Krankenhäusern niedrig ist. Am Montag sollen dort die Beschränkungen durch Corona aufgehoben werden, hat Regierungschef Boris Johnson beschlossen.

Im Podcast Kekulés Corona-Kompass von MDR AKTUELL rät Epidemiologe Kekulé, zu beobachten, wie die Lockerungen in Großbritannien funktionieren und je nach Erfolg oder Misserfolg die Strategie in Deutschland anzupassen. "Wir gucken uns da ein interessantes Experiment auf der Insel an, und ich hoffe, dass es gut geht."

Mehr Informationen zur Corona-Situation in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Deutschland finden Sie hier:

Generelle Einschätzung der Daten

Es handelt sich sowohl regional als auch international um eine sehr dynamische Datenlage. Beinahe stündlich liefern einzelnen Kommunen, Landesbehörden oder internationale Stellen neue Zahlen. Dazu kommt ein teils erheblicher Meldeverzug, weshalb sich Angaben verschiedener Quellen unterscheiden können. Grundsätzlich stellt eine Daten-Übersicht wie diese deshalb immer nur eine Momentaufnahme dar.

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Grafik: Der Corona-Daten-Update Newsletter
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MDR, David Muschenich

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 16. Juli 2021 | 19:00 Uhr

9 Kommentare

DermbacherIn vor 9 Wochen

Wenn man sich mit aktuellen Studien z. B. der Universität Dresden zu „Long Covid“ anschaut, sieht man, dass die Situation wohl doch ganz anders aussieht. Die zeigt nämlich, dass ca 35 % aller Jugendlichen „Long Covid“-Symptome aufweisen, unabhängig davon, ob serologisch eine Infektion nachweisbar war oder nicht.
Auch die Long Covid-Ambulanzen sprechen ganz ähnlich von ihren Diagnosen. Long Covid lässt sich nämlich keineswegs einfach diagnostizieren oder an irgendwelchen Symptomen festmachen, sondern wird als Ausschlussdiagose dann herangezogen, wenn man keine anderen körperlichen Ursachen findet.

DermbacherIn vor 9 Wochen

Was ist Komplexitätsforschung?
Schlichtweg komplexe Mathematisierung von allem und jedem. Komplexitätsforschung arbeitet mit Simulationsmodellen, die sozusagen jeden Inhalt haben können.
Die Ergebnisse spielen natürlich nur jene Annahmen, Korrelation, Kausalitäten usw. wieder, die vorher in mathematisches Formelkleid gegossen wurden. Ist schon bei reinen Naturphänomenen die Aussagekraft begrenzt, scheitern Modellrechnungen bereits an Phänomenen wie der Ökonomie, so noch mehr an der Wechselwirkung Natur - Gesellschaft.

DermbacherIn vor 9 Wochen

Hätte es ohne diese (!) Maßnahmen tatsächlich nennenswert mehr Tote gegeben?
Noch im Spätherbst '20 war das Pflegepersonal in vielen Pflege- und Altenheimen mit selbst genähten Masken und äußerst lückenhaft getestet unterwegs.
Dafür wurden die Schulen geschlossen (obwohl Covid-19 für Kinder keine ernsthafte Gefahr darstellt und ihre Rolle bei der Weiterverbreitung keine besonders Große ist). Es gab Ausgangssperren (ist das Virus erst nach 9 am Abend aktiv?). Und Geschäfte waren geschlossen (als ob dort eine nennenswerte Zahl von Ansteckungen stattfinden würde).
Man sieht's ja in den USA: Bundesstaaten, in denen man sich schon im Herbst '20 von den "Maßnahmen" weitgehend verabschiedet hat, schneiden nicht so viel anders ab als die Vertreter der "reinen Lehre".

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