Wenige Strafverfahren Impfärzte beklagen Aggression und Drohungen

Verbale Attacken, Drohbriefe, Tätlichkeiten - Impfärzte in Mitteldeutschland sehen sich zunehmender Aggression ausgesetzt. Ihre Kammern versuchen zu helfen. Anklagen vor Gericht sind die Ausnahme.

Quedlinburg. Am Mittag wurde das Impfzentrum wegen einer Bombendrohung vorsorglich evakuiert
Anfang Januar gab es eine Bombendrohung gegen das Impfzentrum in Wernigerode Bildrechte: dpa

Impfende Ärzte in Mitteldeutschland sind zunehmend Aggressionen ausgesetzt. Wie die Sprecherin der Thüringer Landesärztekammer, Ulrike Schramm-Häder, dem MDR sagte, berichten die Mediziner vor allem von Drohbriefen, aber auch von direkten verbalen Aggressionen. In Impfzentren sei es wohl auch zu Tätlichkeiten gekommen.

Bislang hätten sich mehr als 100 Ärzte bei der Kammer gemeldet. Die meisten davon impften gegen das Coronavirus. Die Kammersprecherin sagte, derartige Drohungen seien für die Thüringer Ärzte neu. Vor der Pandemie sei das Thema Gewalt gegen Ärzte kaum thematisiert worden. Die Kammer habe inzwischen eine eigene E-Mail-Adresse eingerichtet, an die sich betroffene Mediziner wenden können. Die Kammer berate zum Umgang mit derartigen Attacken und zu möglichen juristischen Schritten. Darüber hinaus biete die Kammer Workshops zur Gewaltprävention an.

Ähnliche Vorfälle berichten die Landesärztekammern von Sachsen und Sachsen-Anhalt. Ein Sprecher in Dresden sagte, besonders die Mitglieder der Sächsischen Impfkommission sowie der sächsische Kammerpräsident bekämen "fast täglich Briefe oder E-Mails mit bedrohlichem Inhalt". Im Fokus stünden außerdem landesweit Mediziner, die als Impfärzte bekannt seien oder sich öffentlich für Impfungen ausgesprochen hätten. In den Drohschreiben werde meist gefordert, das Impfen zu beenden. Auch in sozialen Medien oder auf Internetseiten seien Ärzte Beschimpfungen ausgesetzt. Häufig stünden Einzelpersonen, zum Teil aber auch organisierte Gruppen, hinter diesen Anfeindungen. Die Formulierungen in den Texten ähnelten sich meist, offenbar handele es sich um Kopien.

Polizei winke mit Begründung "anonym" ab

Ein Kammersprecher aus Sachsen-Anhalt sagte, problematisch sei es, wenn die Polizei Anzeigen der Ärzte mit der Begründung ablehne, sie könne nichts machen, da die Drohschreiben anonym seien. Das mache die Mediziner hilflos. Es gebe Ärzte, die um ihre Sicherheit fürchteten, wenn sie für ihr Impfen eine "gerechte Strafe" angedroht bekämen. Die Kammer überlege zurzeit, wie sie mit dieser Situation umgehen könne.

Thüringer Fall vor Anklage bei Gericht

Recherchen des MDR ergaben, dass offenbar nur wenige Attacken auf Ärzte geahndet werden. Auf eine Umfrage unter den Thüringer Staatsanwaltschaften berichtete lediglich die Behörde in Mühlhausen von entsprechenden Ermittlungen. Wie Sprecher Dirk Germerodt sagte, hatte eine Frau mutmaßlich mehr als 20 Briefe an Ärzte und die Kassenärztliche Vereinigung in Thüringen versandt und darin Strafen angedroht, sollte das Impfen nicht beendet werden. Die Staatsanwaltschaft werte das als versuchte Nötigung, der Fall stehe vor der Anklage.

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