RKI-Zahlen unterschätzen reale Lage Warum die Hospitalisierungsrate in der jetzigen Form als neue Corona-Kennzahl untauglich ist

Manuel Mohr
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Ab sofort soll statt der 7-Tage-Inzidenz nun die Zahl der Covid-19-Fälle in Kliniken entscheidend für alle Corona-Schutzmaßnahmen sein. Doch die offiziellen Angaben zur sogenannten Hospitalisierungsrate sind viel zu ungenau und unterschätzen die reale Situation in den Krankenhäusern. Die wichtigsten Fragen und Antworten auf einen Blick.

Hospitalisierungsrate – Was ist das genau?

"Hospitalisieren" bedeutet in einfachen Worten das Einweisen ins Krankenhaus. Mit Hospitalisierung ist also die ans Robert Koch-Institut (RKI) übermittelte Anzahl der Covid-19-Fälle gemeint, die ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen. Damit die Werte auch zwischen Regionen mit unterschiedlicher Bevölkerungs- und damit auch Fallzahl vergleichbar sind, werden die Krankenhauseinweisungen als Rate jeweils immer für den Zeitraum der vergangenen sieben Tage addiert und auf 100.000 Einwohner umgerechnet. So setzt sich der Begriff Hospitalisierungsrate zusammen. Synonym verwenden offizielle Stellen auch die Begriffe Hospitalisierungsinzidenz oder 7-Tage-Inzidenz der Hospitalisierungen.

Weshalb sind Daten zur Hospitalisierung jetzt wichtig?

Die Hospitalisierungsrate gilt künftig als neuer, wesentlicher Maßstab für etwaige Corona-Schutzvorkehrungen. So hat es der Bundesrat am 10.09.2021 beschlossen, das bundesweite Infektionsschutzgesetz wurde dahingehend geändert. Statt den bisher bekannten Inzidenz-Grenzwerten sollen künftig vor allem die regional noch zu beschließende Grenzwerte im Bezug auf Krankenhauseinweisungen von Coronapatientinnen und -patienten maßgeblich sein. Nicht mehr so relevant für künftige Schutz- und Eindämmungsmaßnahmen ist damit die Zahl der Neuinfektionen, bekannt als die 7-Tage-Inzidenz.

Hintergrund dafür ist, dass mittlerweile die Mehrheit der Bevölkerung einen vollständigen Impfschutz gegen eine Covid-19-Erkrankung besitzt. Die Impfung schützt zwar nicht vollständig vor einer Infektion, das Risiko für einen schweren und sogar tödlichen Krankheitsverlauf sinkt allerdings sehr deutlich. Vergleichsweise hohe Fallzahlen, sprich positive PCR-Tests, haben also nicht mehr wie bislang zwangsläufig eine erhöhte Belastung des Gesundheitssystems zur Folge. Um eben dieses vor möglichen Überlastungen zu schützen, rückt künftig die Hospitalisierungsrate in den Fokus.

Gleichwohl hält der Bundesrat in seinem Beschluss darüber hinaus fest, dass als Ergänzung zu den Krankenhauseinweisungen auch künftig weitere bereits bekannte Indikatoren eine Rolle spielen sollen. Dazu gehören:

  • Zahl der Neuinfektionen differenziert nach Alter
  • verfügbare intensivmedizinische Behandlungskapazitäten
  • Zahl der gegen Covid-19 geimpften Personen

Warum sind die Angaben in der aktuellen Form unbrauchbar?

Bereits Anfang August berichtete der SWR über methodischen Schwächen bei der Hospitalisierungsrate. Das Problem damals wie auch heute noch: Zur Berechnung der Rate wird nicht der Zeitpunkt der Krankenhausaufnahme herangezogen, sondern das Meldedatum des positiven Testergebnisses. Nach RKI-Angaben dauert es allerdings bei der Hälfte aller Covid-19-Fälle länger als vier Tage von Symptombeginn bis zur Klinikeinweisung. Ergebnis: Wer heute ins Krankenhaus eingeliefert wird, wurde je nach Krankheitsverlauf bereits Tage oder Wochen zuvor getestet und fällt damit aus der Betrachtung der vergangenen sieben Tage raus.

Diesen Missstand bestätigen sowohl Recherchen von ZEIT Online als auch die des SPIEGELs und des Hessischen Rundfunks. Alle kommen zu dem Ergebnis, dass zahlreiche aktuelle Fälle zwar in der jeweils laufenden Woche ins Krankenhaus kommen, nach RKI-Berechnung aber einer der vorherigen Wochen zugerechnet werden. Dadurch wir die tagesaktuelle Hospitalisierungsrate und damit auch die Belastung des Gesundheitssystems im Durchschnitt um etwa 70 bis 79 Prozent unterschätzt. Nach und nach werden die Angaben dann zwar nach oben korrigiert, doch liegen diese Daten dann bereits in der Vergangenheit und werden in der tagesaktuellen Betrachtung kaum mehr wahrgenommen.

Sichtbar wird dieses Phänomen, wenn man sich die Hospitalisierungsrate für zwei verschiedene Tage anschaut und vergleicht, wie sich die Werte durch Nachmeldungen verändern. Am 09.09.2021 sah es noch so aus, als wäre die Rate deutlich rückläufig. Eine Woche später wird klar: Die Werte wurden durch Nachmeldungen massiv nach oben korrigiert. Statt 1,89 beträgt der Wert nun 3,04, eine nachträgliche Steigerung um knapp 61 Prozent:

Das RKI ist sich all dessen bewusst, hält aber weiterhin am bisherigen Vorgehen fest. Und das, obwohl in einer Pandemie etwaige Schutzmaßnahmen immer als Reaktion auf das aktuelle Infektionsgeschehen folgen. Mit Daten, die mindestens für die vergangenen 14 Tage quasi unbrauchbar sind, ist das schlichtweg nicht möglich.

#MDRklärt So entsteht die Hospitalisierungsrate

Das Problem: Es gilt nicht der Zeitpunkt der Krankenhausaufnahme, sondern das Meldedatum des positiven Tests.
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Das Problem: Es gilt nicht der Zeitpunkt der Krankenhausaufnahme, sondern das Meldedatum des positiven Tests.
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Allerdings können zwischen dem Testergebnis und der Krankenhausaufnahme Tage oder sogar Wochen liegen.
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Wer zum Beispiel acht Tage vor seiner Krankenhausaufnahme getestet wurde, zählt nicht mehr in die Hospitalisierungsrate.
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Dadurch wird die tagesaktuelle Hospitalisierungsrate im Durchschnitt um etwa 70 bis 79 Prozent unterschätzt.
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Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 16. September 2021 | 12:00 Uhr

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Welche Rolle spielt die Hospitalisierung in den Corona-Verordnungen von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen?

In Thüringen wird bereits seit Ende August mit Einführung eines Frühwarnsystems neben der 7-Tage-Inzidenz als Leitindikator auch die lokale Hospitalisierungsrate – nicht die des Robert Koch-Instituts – und die landesweite Auslastung der Intensivbetten als Zusatzindikatoren berücksichtigt. Inwieweit den Krankenhauseinweisungen in der kommenden Corona-Verordnung eine zentralere Rolle beigemessen wird, ist momentan noch unklar.

In Sachsen soll kommende Woche eine neue Corona-Schutzverordnung veröffentlicht werden. Aus einem Entwurf der neuen Verordnung geht unter anderem hervor, dass die Definitionen der bereits bekannten Vorwarn- und Überlastungsstufe um die Hospitalisierungsrate ergänzt werden sollen. Künftig soll die Vorwarnstufe zusätzlich bei einer Rate von sieben Krankenhauseinweisungen pro Woche auf 100.000 Einwohner greifen, die Überlastungsstufe bei einer Hospitalisierungsrate von 12.

In der kürzlich aktualisierten Verordnung in Sachsen-Anhalt taucht die Hospitalisierungsrate nicht explizit auf. Laut Landesregierung sollen die Landkreise und kreisfreien Städte bei der Beurteilung des Infektionsgeschehens und der Belastung des Gesundheitswesens folgende Indikatoren berücksichtigen:

  • 7-Tage-Inzidenz
  • Impfquote
  • Intensivbetten-Auslastung
  • Anzahl der schweren Krankheitsverläufe
  • Bettenbelegung in den Krankenhäusern

Die zwei zuletzt aufgeführten Kenngrößen sind allerdings nicht deckungsgleich mit der RKI-Definition der Hospitalisierungsrate. Auf MDR-Anfrage teilt das zuständige Sozialministerium mit, dass die Bettenbelegung allgemein auf alle Patientinnen und Patienten bezogen ist. Bei den "schweren Krankheitsverläufen" hingegen handelt es sich um die Hospitalisierungsrate, allerdings gekürzt um alle Covid-19-Fälle, die aufgrund anderer Ursachen stationär in einer Klinik aufgenommen und nur "zufällig" positiv diagnostiziert wurden und damit unter Umständen auch asymptomatisch waren.

MDR/Manuel Mohr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 17. September 2021 | 12:00 Uhr

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