Neue Grenzwerte, alte Probleme Hospitalisierungsrate: Warum der wichtigste Corona-Wert systematisch zu niedrig liegt

Manuel Mohr
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Die Corona-Infektionslage in ganz Deutschland spitzt sich von Tag zu Tag weiter zu. Jetzt haben sich Bund und Länder auf umfassende Eindämmungsmaßnahmen verständigt. Diese sind an die Hospitalisierungsrate gekoppelt, obwohl diese nicht die reale Situation an den Kliniken abbildet. Warum es tatsächlich viel mehr Krankenhaus-Aufnahmen durch Corona-Infektionen gibt.

Junger Mann mit Mund-Nasen-Maske rauft sich aus Verzweiflung die Haare.
Seit mehreren Tagen erreichen die Corona-Fallzahlen neue Höchstwerte. Die Lage in den Kliniken spitzt sich vielerorts immer weiter zu. Bildrechte: MDR/Unsplash/Heike Trautmann

Guten Abend zur aktuellen Ausgabe des Corona-Daten-Updates. Schon jetzt verzeichnet die vierte Infektionswelle bedeutend höhere Neuinfektionsraten als alle bisherigen Höhepunkte der Corona-Pandemie in Deutschland. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen werden bereits seit vergangener Woche immer wieder neue Höchstwerte bei der 7-Tage-Inzidenz vermeldet.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) betrifft der hohe Infektionsdruck zunehmend auch besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen. Dazu zählen Vorerkrankte und besonders gefährdete Menschen in den höheren Altersgruppen. Die Folge: ein deutlicher Anstieg der schweren Krankheitsverläufe und der Todesfälle.

RKI: Bevölkerung muss eigenverantwortlich Kontakte reduzieren

RKI-Präsident Lothar Wieler verdeutlichte am Freitag erneut den Ernst der Lage: "Es geht hier schon lange nicht mehr um einzelne regionale Ausbruchsgeschehen – ganz Deutschland ist ein einziger großer Ausbruch, das ist eine nationale Notlage".

Es sei auch damit zu rechnen, dass sich der starke Anstieg der Fallzahlen innerhalb der nächsten Wochen noch fortsetzen wird. Laut RKI könnte die Entwicklung nur gestoppt werden, wenn die gesamte Bevölkerung ergänzend zu den angeordneten Schutzmaßnahmen eigenverantwortlich die Kontakte reduziert. Außerdem müssten konsequent Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden. So könne dabei geholfen werden, den momentanen Infektionsdruck auf alle so schnell wie möglich zu reduzieren.

Hospitalisierungsrate entscheidet über 2G und 2G+

Angesichts der vielerorts dramatisch steigenden Corona-Fallzahlen und der daraus resultierenden Be- und Überlastungen des Gesundheitssystems haben Bund und Länder am Donnerstag umfangreiche Maßnahmen zur Eindämmung beschlossen. Künftig soll es nun drei bundeseinheitliche Schwellenwerte geben, mit deren Überschreiten jeweils weitergehende Maßnahmen eingeführt werden. Maßstab dafür ist die sogenannte Hospitalisierungsrate, auch Hospitalisierungsinzidenz genannt.

Hospitalisierungsrate – Was ist das genau?

"Hospitalisieren" bedeutet in einfachen Worten das Einweisen ins Krankenhaus. Mit Hospitalisierung ist also die ans Robert-Koch-Institut (RKI) übermittelte Anzahl der Covid-19-Fälle gemeint, die ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen. Die Werte sollen auch zwischen Regionen mit unterschiedlicher Bevölkerungs- und damit auch Fallzahl vergleichbar sein. Dazu werden die Krankenhauseinweisungen als Rate jeweils immer für den Zeitraum der vergangenen sieben Tage addiert und auf 100.000 Einwohner umgerechnet – so wie die 7-Tage-Inzidenz.

So setzt sich der Begriff Hospitalisierungsrate zusammen. Synonym verwenden offizielle Stellen auch die Begriffe Hospitalisierungsinzidenz oder 7-Tage-Inzidenz der Hospitalisierungen.

Werden die Beschlüsse des Bund-Länder-Treffens eins zu eins umgesetzt, sind künftig folgende Schwellenwerte der Hospitalisierungsrate in den Bundesländern entscheidend:

Landesweiter Wert über 3: Flächendeckende 2G-Regelung

  • Nur noch Geimpfte und Genesene dürfen Veranstaltungen besuchen, in gastronomische Einrichtungen gehen und körpernahe Dienstleistungen wie beim Friseur in Anspruch nehmen.


Landesweiter Wert über 6: Verschärfung auf 2G+-Regelung

  • Um weiterhin Zutritt zu den oben aufgeführten Einrichtungen und Veranstaltungen zu erhalten, müssen Geimpfte und Genesene zusätzlich einen negativen Corona-Test vorweisen.


Landesweiter Wert über 9: Länder können eigenverantwortlich weitere Maßnahmen erlassen

  • Es greift die sogenannte Länderöffnungsklausel. Die betroffenen Bundesländer können dann weitere individuelle Maßnahmen und Einschränkungen beschließen.


Sofern der Schwellenwert an fünf Tagen in Folge unterschritten wird, kann von den jeweils geltenden Regelungen wieder abgesehen werden. Für Personen, die nicht geimpft werden können, sowie für Personen, für die keine allgemeine Impfempfehlung vorliegt, sind Ausnahmen vorgesehen, um eine Teilhabe an entsprechenden Angeboten zu ermöglichen. Auch für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren sind Ausnahmen möglich.

Aktuell liegen die Werte nach RKI-Angaben in Sachsen-Anhalt und Thüringen über 9, in Sachsen hingegen unter 3. Das große Problem: Die Hospitalisierungsrate spiegelt nicht das reale Geschehen an den Kliniken wider.

Hospitalisierungsrate wird systematisch unterschätzt

Bereits Anfang August berichtete der SWR über methodischen Schwächen bei der Hospitalisierungsrate. Das Problem damals wie heute: Zur Berechnung der Rate wird nicht der Zeitpunkt der Krankenhausaufnahme einer Person herangezogen, sondern das Datum ihres positiven Coronatests. Zwischen beiden Ereignissen liegen manchmal nur wenige Stunden, oftmals aber ein oder mehrere Tage. Ergebnis: Wer heute ins Krankenhaus eingeliefert wird, wurde je nach Krankheitsverlauf bereits Tage zuvor getestet und fällt damit womöglich aus der Betrachtung der vergangenen sieben Tage raus.

Diesen Missstand bestätigen sowohl Recherchen von ZEIT Online als auch die des SPIEGEL und des Hessischen Rundfunks. Alle kommen zu dem Ergebnis, dass zahlreiche aktuelle Fälle zwar in der jeweils laufenden Woche ins Krankenhaus kommen, nach RKI-Berechnung aber einer vorangegangenen Woche zugerechnet werden. Dadurch wird die tatsächliche Hospitalisierungsrate und damit auch die Belastung des Gesundheitssystems im Durchschnitt um etwa 70 bis 79 Prozent unterschätzt. Und das systematisch.

Mittlerweile hat das RKI – um den Trend der Hospitalisierungen besser bewerten zu können – eine Schätzung der zu erwartenden Anzahl an verzögert berichteten Krankenhauseinweisungen aufgestellt. Und diese Schätzung fällt gerade für den aktuellen und die jüngst zurückliegenden Tagen deutlich höher aus als die offiziell vermeldeten Zahlen.

Liniendiagramm mit der berichteten 7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz und der Schätzung der adjustierten Hospitalisierungsinzidenz unter Berücksichtigung von verzögert berichteten Hospitalisierungen.
Besonders am Berichtstag sowie in den unmittelbaren Tage davor liegt die berichtete Hospitalisierungsrate deutlich unter der Schätzung des tatsächlichen Werts. Bildrechte: MDR/Robert Koch-Institut

Die Politik hat das grundsätzliche Problem bislang nicht behoben. Denn auch die Schätzwerte ersetzen nicht die werktäglich veröffentlichen Hospitalisierungsraten des RKI, die weiterhin deutlich zu niedrig sind. Trotzdem entscheiden diese Raten gemäß Infektionsschutzgesetz darüber, welche Corona-Regelungen je nach überschrittenem Schwellenwert gelten.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft mahnt bei der Nutzung der Zahlen über die Klinikeinweisungen von Corona-Patienten ebenfalls zur Vorsicht. Sie verweist auf ein weiteres Problem: "Die Hospitalisierungsraten, die wir haben, sind zum Teil deutlich verzögert. Wir haben bis heute kein digitales Meldeverfahren. Das ist ein Versäumnis", sagte ihr Vorstandsvorsitzender Gerald Gaß der Nachrichtenagentur Reuters. "Die Daten müssen händisch eingegeben werden." Man solle die Daten mit Vorsicht interpretieren.

Intensivstationen bald bei nie da gewesener Auslastung

Aktuell verzeichnet Deutschland nach Angaben des DIVI-Intensivregisters rund 3.500 mit Covid-19-Fällen belegte Intensivbetten. Bei einem wöchentlichen Wachstum von mehr als 20 Prozent steuert Deutschland nach Angaben des Science Media Centers auf einen neuen Höchststand der Auslastung in zwei bis drei Wochen zu.

Da zudem das Wachstum der Inzidenzen in den Altersgruppen 60+ wieder deutlich höher war, ist diese Entwicklung der Auslastung vermutlich nicht mehr zu stoppen. In Thüringen, Bayern und Sachsen sind bereits mehr als 28 Prozent der Intensivkapazitäten mit Covid-19-Fällen belegt.

RKI: Entwicklung "sehr besorgniserregend" Laut RKI ist zu befürchten, dass es zu einer weiteren Zunahme schwerer Erkrankungen und Todesfälle kommen wird und die verfügbaren intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten überschritten werden. Dies betrifft auch die intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten für schwere Erkrankungen anderer Ursache.

Das RKI rät dringend dazu, größere Veranstaltungen und enge Kontaktsituationen abzusagen bzw. zu meiden sowie alle anderen nicht notwendigen Kontakte zu reduzieren.

Mehr Informationen zur Corona-Situation in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Deutschland finden Sie hier:

Generelle Einschätzung der Daten

Es handelt sich sowohl regional als auch international um eine sehr dynamische Datenlage. Beinahe stündlich liefern einzelne Kommunen, Landesbehörden oder internationale Stellen neue Zahlen. Dazu kommt ein teils erheblicher Meldeverzug, weshalb sich Angaben verschiedener Quellen unterscheiden können. Grundsätzlich stellt eine Daten-Übersicht wie diese deshalb immer nur eine Momentaufnahme dar.

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MDR/Manuel Mohr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 19. November 2021 | 19:00 Uhr

14 Kommentare

nicht vergessen vor 26 Wochen

Wir haben doch Divi und da ist ersichtlich wieviele Hüften repariert wurden und wieviele Covid haben .
Und das bei einer Pandemie, oder Nationalen Notlage.
Alle haben keine Krebs.

Jan-Lausitz vor 26 Wochen

Dann werter MDR beantworten Sie doch meine schon zweimal gestellte Frage zu der Entwicklung der Bettenanzahl auf den Intensivstationen in den letzten zwei Jahrzehnten ...
Oder widerspricht diese Frage einer Ihrer Regeln ?

ule vor 26 Wochen

Jeder kann infektiös sein - das ist nicht der Streitpunkt.
Der Streitpunkt kernt darin , dass man vorraussetz, dass jeder Infektiös sein kann, diese Vorraussetzung aber auf eine Vermutung basiert. Letzendlich basiert wiederum die Aktuelle Rechtslage auf diese Vermutung,
In jedem Bundesland gibt es dazu andere Regeln. Vermutlich gibt es auch in jedem Bundesland andere Wissenschaftler und andere Viren.

Wenn das Verfassungsrecht umgangen werden muß, die Notwendigkeit im einzelnen dargestellt und im speziellen Fall streitet ja niemand ab, muß aber der Ausnahmezustand zuvor hergestellt werden und gerade dieser Endet am 25.11. . . . Keine Pandemie, kein Ausnahmezustand.
Jedes Bundesland experimentiert mit sich selbst herum und dann wundert man sich, dass die Menschen den Glauben verlieren.

So scheint es, wie in der Vergangenheit geschehen, wird das eigentliche Virus und das Virusgeschehen der Natur überlassen und man versucht nur dass "System" aufrecht zu erhalten.

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