Impfstoff-Produktion Was der Impfstoff-Beauftragte bisher geleistet hat – und was nicht

Seit März hat Deutschland einen Impfstoffbeauftragten. Christoph Krupp sollte die Impfstoffproduktion unterstützen. Doch was hat er bisher geleistet – speziell in Mitteldeutschland?

 Eine Arbeiterin in der Impfstoffproduktionsanlage von Biontech in Marburg. Das Mainzer Unternehmen Biontech hat in seinem neuen Werk im hessischen Marburg mit der Produktion seines Corona-Impfstoffs begonnen.
Impfstoff-Produktion von Biontech in Marburg – inzwischen gibt es viel Impfstoff, doch im Februar war dieser noch Mangelware. Bildrechte: dpa

Der Impfstoffbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Krupp, kann seine selbst gesteckten Ziele offenbar bisher nicht erreichen. Eigentlich sollte bis Mai ein Konzept zu Produktionskapazitäten in Deutschland ab 2022 erstellt werden. Doch das Ziel war wohl zu ehrgeizig – denn noch steht das Konzept nicht, wie eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) dem MDR sagte. Es befinde sich in der internen Abstimmung.

Krupp war Anfang März, rund ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie, als Impfstoff-Koordinator eingesetzt worden. Damals gab es in Deutschland eine heftige Debatte über die schleppende Impfstoffversorgung. Krupp, Vertrauter von SPD-Bundesfinanzminister Olaf Scholz und eigentlich Sprecher des Vorstands der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, soll mit einer Taskforce im Bundeswirtschaftsministerium dafür sorgen, dass sich Deutschland ab 2022 selbst mit Impfstoff versorgen kann. Schon im März sollte ein "Monitoring der Produktion" eingeführt werden, um Störungen zu verhindern oder zumindest schnell erkennen und beseitigen zu können.

Senatskanzleichef Christoph Krupp lächelt in die Kamera.
Christoph Krupp ist der Impfstoffbeauftragte der Bundesregierung. Bildrechte: dpa

Aus dem BMWi heißt es, seit Anfang März stehe die Taskforce im engen Austausch mit den Impfstoffherstellern, aber auch den Zulieferern, um frühzeitig bei Produktions- und Lieferproblemen zu helfen. Sie habe Unternehmen bereits bei Visa- und Zollfragen oder auch Baugenehmigungen unterstützt, so eine Sprecherin. Aus Sicht des BMWi fällt die Zwischenbilanz nach zwei Monaten positiv aus: Die Impfstoffproduktion in Deutschland sei in den letzten Wochen deutlich gestiegen. "Hierzu hat die Taskforce wesentlich beigetragen", so die Sprecherin.

Kritik aus der Opposition

Ganz anders sehen das allerdings Teile der Opposition im Bundestag: Die FDP-Bundestagsabgeordnete Katrin Helling-Plahr sagte dem MDR, "Es ist symbolpolitisch nett, dass die Bundesregierung nach Monaten der strukturlosen Pandemiebekämpfung einen Impfstoffbeauftragten benannt hat." Von dessen für Mai angekündigtem Konzept zu Produktionskapazitäten habe man im Gesundheitsausschuss aber leider bisher nichts gehört. Weiter sagte Helling-Plahr, die Mitglied im Gesundheitsausschuss und Obfrau ihrer Partei im Covid-19-Unterausschuss ist: "Ein Impfstoffbeauftragter, der von den Gremien im Bundestag völlig abgekoppelt arbeitet, scheint mir wenig zu einer effektiveren Coronastrategie beizutragen und bestätigt nur, dass die Bundesregierung in Sachen Pandemiebekämpfung ihr Süppchen immer noch ohne die gebotene parlamentarische Beteiligung kocht."

Katja Kipping
Katja Kipping fordert einen Beauftragten für Impfstoffgerechtigkeit. Bildrechte: dpa

Ebenfalls im Covid-19-Unterausschuss sitzt die sächsische Bundestagsabgeordnete und langjährige Linken-Chefin Katja Kipping. Sie sagte dem MDR, dass Christoph Krupp bisher weder im Gesundheitsausschuss, noch im Covid-19-Unterausschuss aufgetreten sei. "Deshalb habe ich ihn selber noch gar nicht in Aktion erlebt." Die Aufgabe des Impfstoffbeauftragten, die Produktion in Deutschland zu erhöhen, sei an sich richtig. "Herr Krupp ist recht spät eingestellt worden, allerdings besser spät als nie. Dennoch war dies wohl eher eine wirtschaftspolitische Entscheidung und keine Frage der Pandemiebekämpfung oder des Zugangs zu Impfstoff", sagte Kipping.

Laut der Linken-Politikerin Kipping gäbe es viel stärkere Produktionskapazitäten, wenn die Impfstoffpatente freigegeben würden. Dauerhafte Patente seien ein Hemmnis für eine stärkere Produktion. "Außerdem gibt es mit Herrn Krupp zwar einen Beauftragten der Regierung für die Impfstoffproduktion, wir brauchen aber auch einen Beauftragten für Impfgerechtigkeit“, so Kipping. Man wisse, dass ärmere Menschen bei Coronainfektionen ein größeres Risiko für schwerere Krankheitsverläufe hätten. Deshalb brauche man niedrigschwelligere Impfangebote, etwa Impfbusse, wie sie nun in Köln-Chorweiler eingesetzt würden.

Unterstützung für Impfstoffproduzenten

In der Opposition regt sich also Kritik, doch was hat der Impfstoff-Beauftragte bisher tatsächlich geleistet? Aus dem BMWI heißt es, zum aktuellen Stand bei einzelnen Unternehmen und Standorten könne man keine Auskunft geben. Ein paar Informationen gibt es aber doch: Mit Unterstützung der Taskforce sei es gelungen, beim Hersteller IDT Biologika in Dessau Kapazitäten für Impfstoffe zu schaffen. Es sei sehr schnell ermöglicht worden, dass dort neben Johnson & Johnson nun auch Astrazeneca abgefüllt werden könne. Außerdem habe die Taskforce die Produktion von Johnson & Johnson bei IDT Biologika und von Biontech/Pfizer bei Allergopharma in Reinbek begleitet. 

Dessau - IDT Biologika
Mit IDT Biologika in Dessau hatte die Taskforce Kontakt. Bildrechte: dpa

IDT Biologika stehe "in engem Kontakt mit dem Koordinator der Bundesregierung", bestätigte Geschäftsführer Jürgen Betzing. Dass aktuell bei IDT der Impfstoff von Astrazeneca abgefüllt wird, sei durch eine Kooperation mehrerer Partner möglich geworden. "Hier spielte die Bundesregierung eine vermittelnde Rolle", so Betzing. Der Ausbau der Produktion bei IDT war dagegen bereits seit längerer Zeit geplant und wird von dem Unternehmen eigenständig realisiert und finanziert.

Die Firma Mibe, die zum Unternehmen Dermapharm gehört, produziert im sachsen-anhaltischen Brehna den Impfstoff von Biontech/Pfizer. Die Kapazitäten sind nahezu ausgeschöpft, sagte Firmenchef Hans-Georg Feldmeier zuletzt MDR SACHSEN-ANHALT. Man werde die Produktion aber über das, was ursprünglich zugesagt wurde, erhöhen. Allerdings ohne Unterstützung des Bundes. Auf Nachfrage heißt es aus der Pressestelle von Dermapharm: "Auf uns ist bis dato keine Taskforce zugekommen."

Bei Wacker in Nünchritz in Sachsen wäre es grundsätzlich möglich eine weitere Impfstoffproduktion aufzubauen, falls seitens der Kunden Bedarf dafür besteht, heißt es aus der Pressestelle des Unternehmens. "Stand heute hat uns kein Impfstoffhersteller Bedarf an zusätzlichen Kapazitäten signalisiert, daher gibt es für den Aufbau einer Impfstoffproduktion derzeit weder konkrete Pläne noch gar feste Entscheidungen." Zwischen Vertretern der Taskforce und Experten von Wacker habe es mehrere Gespräche gegeben. Deren Inhalt sei aber vertraulich.

Förderprogramm für Herstellung von Glasvials

Ein spezielles Förderprogramm hatte das Bundeswirtschaftsministerium kürzlich für die Produktion von Glasfläschchen aufgelegt. Insgesamt bis zu 90 Millionen Euro stehen zur Verfügung, um Investitionen in Produktionsanlagen für das Vorprodukt Borosilikatrohrglas und für Glasvials zu fördern, heißt es aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

Ein Hersteller solcher Glasfläschchen ist Pharmaglas aus Neuhaus am Rennweg. Das Unternehmen steckt mitten im Ausbau: Zwei neue Fertigungslinien sind im vergangenen und diesem Jahr in Betrieb genommen worden, bis Ende 2022 sollen zwei weitere stehen. "Problematisch ist: Die aktuell möglichen Lieferzeiten für unsere gerade bestellten zwei neuen Anlagen übersteigen den 30.06.2022 als letztmögliches Datum für die Inbetriebnahme und damit fallen wir zwangsläufig nach aktuellem Stand bei diesem Förderprogramm hinten runter", so Geschäftsführer Steffen Meinel. Lange hatte er darauf gewartet, dass die Taskforce auch seine Firma anspricht. In der vergangenen Woche sei der Kontakt zustande gekommen.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. Mai 2021 | 08:11 Uhr

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