Corona - und dann? Dramatische Zustände in armen Ländern - Muss der Patentschutz für Impfstoffe aufgehoben werden?

Der Patentschutz für Corona-Impfstoffe soll aufgehoben werden, fordert die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen". Im Interview mit MDR THÜRINGEN erklärt der Rettungsmediziner und Internist Dr. Tankred Stöbe, der sich seit Jahren für die Organisation einsetzt, warum die Pandemie anders nicht in den Griff zu bekommen sei und welche verheerenden Auswirkungen Corona in ärmeren Ländern hat.

Impfstoffe
Deutschland ist eines der wenigen Länder, die die Aufhebung des Patentschutzes bei Corona-Impfstoffen blockieren. Bildrechte: imago images/ANP

Der Mediziner Tankred Stöbe von der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" fordert von der deutschen Regierung eine Aufgabe der Blockadehaltung beim Patentschutz für Corona-Impfstoffe. Im Interview mit MDR THÜRINGEN sagte er, es müsse endlich gewährleistet sein, dass auch arme Länder die bekannten Impfstoffe produzieren könnten. Dazu müssten die bestehenden Patente freigegeben werden.

In afrikanischen Ländern ist nicht mal das medizinische Personal geimpft

Stöbe sagte, Frau Merkel habe sich "in vielen Krisen als eine gute Krisenmanagerin erprobt. Aber leider sehen wir in den letzten Wochen, dass sie da war, vielleicht der Mut verlässt und sie eben da nicht mehr mitgeht." Die Impfstoffe seien vor allem durch Steuergelder erforscht und entwickelt worden. Jetzt würde eine Handvoll Firmen daran verdienen, ohne aber ausreichend Impfstoff herzustellen.

Ein Mann wird gegen Covid-19 geimpft.
In manchen afrikanischen Ländern liegt die Durchimpfung bei gerade einmal zwei Prozent. Bildrechte: dpa

Weltweit plädiert die Mehrheit der Länder für eine entsprechende Aufhebung von Patenten, darunter auch die USA. Unter den wenigen Ländern, die die entsprechende Resolution ablehnen, ist Deutschland.

Im Interview sagte Stöbe, "wir kriegen diese Pandemie anders nicht in den Griff. Wir sehen ja, überall auf allen Kontinenten steigen die Infektionszahlen." Die Schere zwischen armer und reicher Welt gehe weiter auseinander. Afrikanische Länder hätten teilweise eine Durchimpfung von zwei Prozent. Das bedeute, dass an Brennpunkten noch nicht einmal das ärztliche Personal geimpft sei. Von einer Herdenimmunität, wie Deutschland sie anstrebe, seien diese Länder "noch sehr weit entfernt".

Interview Stöbe 1 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 31.07.2021 06:00Uhr 01:20 min

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Dramatische Lage in politisch instabilen Ländern

Stöbe war in der Zeit der Corona-Pandemie in mehreren Ländern Asiens, darunter in der Krisenregion Jemen sowie in Malawi und Sierra Leone in Afrika. Die Pandemie dominiere dort nicht so sehr die Gesellschaft wie in Deutschland, sagte der Arzt. Der Grund sei, dass diese Länder "weitere existenzielle medizinische Überlebensfragen" hätten. Dabei sei die Lage, so Stöbe, für Covid-Patienten vergleichsweise schlecht.

In dem afrikanischen Staat Malawi würden bis zu 80 Prozent der Gesundheitsausgaben aus dem Ausland als Hilfen kommen. Für Notfallpatienten stünde kaum ausreichend Sauerstoff in den Kliniken bereit, es fehlten Beatmungsgeräte, die Überlebenschancen für Menschen mit schweren Covid-Verläufen sei denkbar schlecht.

Dramatisch sei die Lage besonders in Ländern mit instabiler politischer Lage oder weiteren verheerenden Epidemien. Im Jemen beispielsweise hätten Patienten mit schweren Covid-Verläufen ohne die Hilfe von ausländischen Organisationen kaum Überlebenschancen. "Die allermeisten im Jemen sind daran verstorben", sagt Stöbe.

Coronaserum-Impfstoffdosen von Vaxzevria. Corona-Impfstoff 18 min
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Im ebenfalls krisengeschüttelten Kongo würde Covid-19 erst auf Platz vier der momentan gefährlichsten Seuchen stehen. Tausende Kinder würden an Masern sterben, größere Probleme bereite auch die Cholera. Außerdem habe das Land kürzlich seine zwölfte Ebola-Epidemie erlebt.

Im MDR-Interview sagt Stöbe, in Deutschland seien wir oft durch die Pandemie überfordert. Das sei im Grund nicht von der Hand zu weisen. "Aber viele Länder, die weniger Ressourcen haben, müssen tatsächlich sehr viel mehr stemmen."

Corona mit erheblichen sozialen Folgen

Staatliche Einschränkungen habe es auch in diesen Ländern gegeben, mit Lockdown oder Maskenpflicht. Die Konsequenzen seien teilweise dramatisch. Oft gebe es kein Homeschooling, weil entsprechende digitalen Möglichkeiten oder selbst Strom fehlten. Viele Menschen könnten ihre Berufe nicht ausüben, es gebe kaum soziale Absicherung, weder Überbrückungskredite noch Kurzarbeit wie in Deutschland. Junge Frauen würden zur Prostitution gezwungen, um Geld für die Familie zu erwirtschaften. Stöbe sagt, "da ist eben der Puffer zur absoluten Armut und zur existenziellen Krise sehr kurz".

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 31. Juli 2021 | 06:00 Uhr

12 Kommentare

goffman vor 11 Wochen

Das ist halt das Problem einer konservativen, rechten, wirtschaftsliberalen Politik. Um die Interessen einiger weniger Kapitalgeber zu schonen werden wirksame und dringend notwendige Maßnahmen verzögert oder blockiert.

Das sehen wir bei Corona, der Klimakatastrophe usw. usf.

goffman vor 11 Wochen

Ihre Argumentation enthält Lücken.
1. Was würde die Patentfreigabe bringen? Welche anderen Länder könnten schon die Impfstoffe produzieren? Viele unserer Medikamente und Impfstoffe werden in Entwicklungsländern wie Indien gefertigt. Die Chance, dass eine Patentfreigabe zu mehr global verfügbarem Impfstoff führt ist gegeben. Wenn nicht, wenn kein anderer die neuen Impfstoffe herstellen könnte, würde es aber zumindest auch nicht schaden.
2. Refinanzierung, Enteignung: Da die Forschungsinvestitionen zu großen Teilen aus Steuergeldern stammen, würde der Staat sich hauptsächlich selbst enteignen. Was kostet den Staat mehr? Verzicht auf die Erlöse oder andauernde globale Pandemie - inkl. geringer Kaufkraft unserer Handelspartner?
3. Verhindern zukünftiger Investitionen: Sie verkennen, dass es mehr Gründe für das Handeln der Menschen gibt. Neben dem von Ihnen dargelegtem zweckrationalen Handeln, gibt es auch wertrationales, traditionales, affektuelles und altruistisches Handeln.

wo geht es hin vor 11 Wochen

"Die Impfstoffe seien vor allem durch Steuergelder erforscht und entwickelt worden. Jetzt würde eine Handvoll Firmen daran verdienen, ohne aber ausreichend Impfstoff herzustellen."
Da wird die Motivation zum "Gesundheitsschutz der Menschheit" völlig richtig benannt. Endlich sagt es mal jemand.
"Unter den wenigen Ländern, die die entsprechende Resolution ablehnen, ist Deutschland."
Was soll ich nach so einer Aussage von der Verlautbarung von Merkel halten, die Pandemie ist erst beendet, wenn die ganze Welt geimpft ist? Bedeutet das, es besteht gar kein Interesse daran, die Pandemie schnellstmöglich zu beenden? Wozu dann die Eile hier in D, wenn große Teile der Welt sowieso nie dorthin kommen sollen/dürfen? Manche würden sagen, das widerspricht sich. Manche würden von Verlogenheit sprechen.

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