Impf-Unentschlossene Angst vor sozialer Ausgrenzung hält Menschen von Impfung ab

Robin Hartmann
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Manche Menschen trauen sich nicht, sich impfen zu lassen. Sie haben Angst davor, von ihrem sozialen, tendenziell ungeimpften, Umfeld ausgegrenzt zu werden. Ein Leipziger Sozialpsychologe rät dazu, sich Impfwilligen zuzuwenden. Auch eine allgemeine Impfpflicht könnte Abhilfe schaffen.

Eine Teilnehmerin einer Protestkundgebung der Initiative «Querdenken» trägt auf dem Cannstatter Wasen ein Schild gegen Impfungen auf ihrem Rücken.
Aus Angst davor, vom sozialen Umfeld ausgeschlossen zu werden, zögern Menschen bei der Entscheidung für die Impfung gegen das Coronavirus. Bildrechte: dpa

Warum lassen sich Menschen nicht impfen? Über diese Frage ist viel diskutiert worden. Die einen leugnen das Virus an sich, die anderen vertrauen den Impfstoffen nicht oder haben Angst vor vermeintlichen Langzeitfolgen. Da klingt es fast paradox, dass es auch Menschen gibt, die sich impfen lassen wollen – aber nicht trauen.

Das komme vor allen in Gegenden vor, wo Impfgegner besonders laut auftreten, sagt der Sozialpsychologe Professor Immo Fritsche von der Universität Leipzig. Die Menschen hätten Angst, "soziale Beziehungen zu verletzen, zu verlieren, ausgeschlossen zu werden, marginalisiert zu werden. Vielleicht sogar bestraft zu werden."

Verheimlichen der Impfung aufgrund Impfgegner-Umfeld

Zwar gäbe es keine Erhebungen, wie viele Menschen sich tatsächlich aus diesen Gründen nicht impfen lassen, doch in Gesprächen hätten er und andere Sozialwissenschaftler immer wieder von dem Phänomen gehört. Auch Silke Seeliger vom DRK in Löbau spürt diese Angst in ihrer täglichen Arbeit.

Sie organisiert die mobilen Impfteams im Landkreis. Unter ihren Impflingen waren schon mehrfach welche, die Angst hatten, gemobbt zu werden, weil ihre Freunde oder Kollegen gegen das Impfen sind. "Ich kenne Leute, die sich haben impfen lassen, aber Angst haben, dass das wiederum bekannt wird." Menschen seien zu ihr gekommen und hätten Angst, jemand könnte sie im Impfzentrum gesehen haben. "Es scheint also schon gewissen Druck zu geben aus dem Umfeld."

Zugehörigkeitsgefühl ausschlaggebend

Das Ganze führe zu ganz absurden Situationen. So wisse sie von Menschen, die in den sozialen Netzwerken Stimmung gegen das Impfen machen, aber längst geimpft seien. Auch bei ihnen seien die Ängste groß, ausgeschlossen zu werden. Dabei handelt es sich Seeliger zufolge nicht um Politiker, die auf Stimmenfang gehen oder Menschen die mit Stimmungsmache Geld verdienen, sondern um Menschen, die einfach dazu gehören wollen.

Dieses Zugehörigkeitsgefühl sieht auch Sozialpsychologe Fritsche als Hauptgrund, warum der Druck Menschen vom Impfen abhält: "Wir streben nicht nur danach, positive interpersonale Beziehungen aufzubauen und zu erhalten zu uns wichtigen anderen. Ein weiteres Ziel ist Gruppenzugehörigkeit. Also Teil eines größeren zu sein. Und daraus leite ich auch ab, was für mich das richtige Verhalten oder die richtigen Einstellungen sind."

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Kontakt zu Pro-Impfen-Gruppen suchen

Wenn die Familie, das Kollegium, der Sportverein oder auch eine gesamte Region so auftritt, als sei sie geschlossen gegen eine Impfung, würde das einen starken sozialen Druck auf Menschen mit anderen Ansichten aufbauen. Wichtig sei es daher, dass Menschen auch Kontakt zu anderen Gruppen finden, sagt der Sozialpsychologe. "Ein Weg ist möglicherweise, sich in andere Kontexte zu begeben. Also festzustellen, dass zumindest im Sportverein eine große Mehrheit für das Impfen ist."

Das soziale Umfeld, an dem man sich orientiert, bedeute ebenso Flexibilität, erklärt Fritsche. Somit sei sozialer Einfluss und Druck nicht in Stein gemeißelt. "Also man kann da durchaus die Menschen daran erinnern, dass sie auch Mitglied in anderen Gruppen sind."

Impfpflicht könnte Ausrede schaffen

Auch eine Impfpflicht könnte in dieser Situation hilfreich sein. So würde für die Menschen, die sich eigentlich impfen lassen wollen, eine Ausrede geschaffen, eine gesichtswahrende Lösung. Wenn die Entscheidung zum Impfen von außen kommt, sei das soziale Gefüge sei geschützt, so der Sozialpsychologe.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Dezember 2021 | 10:07 Uhr

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