Corona und dann? Impf-Arzt: Politiker müssen in Corona-Krise Vertrauen schaffen

Vieles sei falsch gelaufen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie, kritisiert Stefan Windau. Der Vorsitzende der Kreisärztekammer Leipzig leitet eine Corona-Schwerpunktpraxis. Tausende Menschen hat er geimpft oder getestet. Viele seiner Patienten hätten, so berichtet er, das Vertrauen in die Politik verloren.

Ein Mann im Interview 2 min
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In seiner Praxis erlebe er, dass viele Menschen das Vertrauen in die Politik verloren hätten, sagt Stefan Windau. Die Patienten seien "weniger verunsichert über Faktenlagen, sondern wie mit Fakten umgegangen wird".

Nach seinen Worten wünschen sich alle Menschen Klarheit, Orientierung und Verlässlichkeit in dieser neuartigen Situation einer Pandemie. Anfangs konnte demnach niemand wissen, auch Politiker nicht, was die Pandemie für die Menschen bedeuten würde. Auch heute noch habe niemand eine absolute Wahrheit, wie sich die Corona-Lage entwickeln werde, so Windau. Aber die Politik habe oft Vorgaben gemacht, nur um sie kurze Zeit später wieder kassieren zu müssen.

Eine Spritze, im Hintergrund ein Mediziner.
Lockdown, impfen, boostern - die Corona-Pandemie stellte die Menschen vor immer neue Herausforderungen. Bildrechte: imago images/Die Videomanufaktur

Fehler zugeben und kommunizieren

Natürlich seien diese Fehler verzeihbar. Auch er, sagt Windau, mache als Arzt Fehler, "leider". Für Politiker sei es schwierig, aktuelle Situationen in der Pandemie zu beurteilen, Monate später seien meist alle schlauer.

Aber wenn man merke, dass politische Entscheidungen nicht richtig getroffen wurden, dann müssten Politiker dies auch einräumen und die Fehler klar kommunizieren. "Wenn ich mich aber in Phrasendrescherei ergehe und in nebulösen Ausflüchten, dann wird das nicht verziehen", kritisiert der Arzt. Stefan Windau ist sich sicher: Auch wenn viele Menschen die fachlichen, medizinischen Zusammenhänge nicht eindeutig verstehen könnten, so hätten sie doch ein Gespür dafür, was ihnen wie gesagt werde - ob es authentisch sei oder nicht.

Stefan Windau
Stefan Windau wünscht sich für seine Patienten Orientierung in der Corona-Pandemie. Bildrechte: SLÄK/fotografisch

Hin und Her bei Booster-Impfung

Als Beispiel nennt Windau die Kampagne für die Booster-Impfung. Erst werde gesagt, dass sich alle Menschen boostern lassen sollten, dann werde bemerkt, dass der Impfstoff gar nicht ausreichend vorhanden sei, weil man sich verrechnet und die Situation falsch eingeschätzt habe.

Statt den Fehler zuzugeben, hätten die Verantwortlichen "mit skurrilen und absurden Begründungen" einen anderen Impfstoff beworben, der - angeblich oder tatsächlich - genauso gut wirke. Die Reaktion hätten die Ärzte in den Praxen gespürt. Viele Patienten hätten geglaubt, dass der Ersatzimpfstoff weniger tauge und ihnen jetzt ersatzweise angedreht werden solle. Den Menschen "wurde wieder eine Halbwahrheit zugemutet" und das spürten sie, sagt Windau.

Ein Apotheker bereitet eine Spritze mit einer Dosis des Impfstoffs von Moderna vor bei einer Impfaktion in der Zentrale des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Rheinland-Pfalz. 24 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 05.02.2022 06:00Uhr 23:43 min

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Die Politik sollte dringend darüber nachdenken, wie sie wieder Vertrauen bei der Bevölkerung schaffen könne. Das gehe seiner Meinung nach nur über Offenheit, Klarheit und Ehrlichkeit. Der Arzt ist sich sicher, Fehler würden verziehen, ein "Rumeiern" aber nicht.

Immer wieder Verschwörungsmythen über Corona

Wie stark die Vertrauenskrise in der Bevölkerung stecke, bemerke er immer wieder bei seinen Patienten. Abgesehen von wilden Verschwörungstheorien höre er immer wieder "absurdeste, abstruse Vorstellungen" über Coronaviren und die Pandemie. "Die sind jenseits von Gut und Böse, die Menschen können sie eigentlich gar nicht selber glauben, aber sie glauben sie, sie ignorieren und verfremden die Realität und deuten sie um." Das mache ihm Angst.

Zugleich spüre er, dass die Menschen Halt suchten. Dann helfe es meist, "wenn Sie einräumen, dass Sie bestimmte Dinge wissen und andere nicht wissen, dass Sie eben auch als Arzt ein Suchender sind und genau differenzieren zwischen dem, was gesichert ist, und dem, was offen bleiben muss."

MDR (dvs)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 05. Februar 2022 | 06:00 Uhr

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