Corona-Daten-Newsletter | Dienstag, 22. Juni 2021 Zwei Hiobsbotschaften zum Homeschooling

MDR SACHSEN-ANHALT Autor Reporter Radio Online André Plaul
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Heute im Corona-Daten-Update: Homeschooling ist wieder in den Schlagzeilen. Eine Studie sagt, es bringt wenig. Was steht genau drin? – Und: Minister Spahns Ankündigung zu Homeschooling im Herbst sind ein Missverständnis. Rekonstruktion einer Falschmeldung.

Ein Mädchen sitzt verzweifelt an einem Schreibtisch vor ihrem Laptop
Im Hebst ein neuer Anlauf beim Homeschooling? Diese angebliche Ankündigung, die Medien verbreitet haben, hat Gesundheitsminister Jens Spahn gar nicht gemacht. Bildrechte: IMAGO / photothek

Guten Abend liebe Abonnentinnen und Abonnenten,

nur noch 30 Tage, dann beginnen in Sachsen-Anhalt die Sommerferien. In Sachsen und Thüringen geht es vier Tage später in die große Pause. Die haben sich Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer auch verdient. Hinter ihnen liegt eines der durchwachsensten und kräftezehrendsten Schuljahre überhaupt. Die Monate waren geprägt von Verzweiflung im Homeschooling, dem Kampf um Noten und der Sorge um Abschlüsse.

Jetzt, kurz vor den Ferien, geht das Thema Homeschooling wieder durch die Schlagzeilen. Eine aktuelle Studie sagt, der Distanzunterricht sei so effektiv wie Sommerferien. Ich gucke für Sie in die Details der Studie.

Außerdem: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat am Wochenende für Irritationen gesorgt. Es verbreitete sich die Meldung, dass der Unterricht im neuen Schuljahr wieder im Wechselbetrieb stattfinden könnte. Was ist da dran? – Nicht viel. Auch dazu gleich mehr.

Wir starten zunächst mit den aktuellen Zahlen. Und, wo wir schon bei Hiobsbotschaften sind, mit diesem Video-Tipp:

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Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Innerhalb eines Tages wurden dem Robert Koch-Institut (RKI) deutschlandweit 455 Neuinfektionen gemeldet. Die meisten davon wurden in Bayern (84) und Nordrhein-Westfalen (71) festgestellt. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz bei den Corona-Infektionen ist auf 8,0 gesunken. Der gesamte Osten Deutschlands liegt unter diesem Schnitt. Der bundesweit geringste Wert entfällt mit 2,1 weiter auf Mecklenburg-Vorpommern. Der Höchstwert der Inzidenz liegt im Ländervergleich bei 11,9. Er wird für Baden-Württemberg und das Saarland verbucht.

In unseren drei mitteldeutschen Ländern liegen die Inzidenzen bei 7,2 in Thüringen, 4,7 in Sachsen und 3,1 in Sachsen-Anhalt. Für Sachsen-Anhalt gibt es noch eine weitere positive Meldung: Hier gab es in den vergangenen 24 Stunden keine einzige Neuinfektion mehr und auch keinen neuen Corona-Todesfall. So eine Lage gab es zuletzt am 24. Mai 2020.

Eine Inzidenz von 0,0 – die gibt es Stand heute einzig in der kreisfreien Stadt Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt. Und zwar schon den fünften Tag in Folge. Die höchste Inzidenz in Mitteldeutschland hat der Unstrut-Hainich-Kreis in Thüringen – mit 34,2.


Hier nun die Zahlen aus unseren drei Bundesländern nach Angaben der Sozialministerien. (Die Werte weichen in der Regel von denen des RKI ab, da sie etwas aktueller sind. Außerdem ordnet das RKI nachgemeldete Zahlen dem tatsächlichen Erkrankungs- oder Meldedatum zu, auch wenn sie dadurch aus der Zeitspanne der sieben Tage herausfallen.)

Sachsen

  • Aktive Fälle: 1.199 
  • COVID-19-Intensivpatienten: 70, davon 55 beatmet
  • Intensivbetten: 1.217 belegt, 254 frei, davon 128 Covid-spezifisch
  • Impfquote: 45,5 Prozent (Erstimpfung), 31,4 Prozent (Zweitimpfung)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 10.128 (+19)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 274.970 (+160)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 286.297 (+x)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 568 
  • COVID-19-Intensivpatienten: 26, davon 21 beatmet
  • Intensivbetten: 576 belegt, 98 frei, davon 43 Covid-spezifisch
  • Impfquote: 49,3 Prozent (Erstimpfung), 29,7 Prozent (Zweitimpfung)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 4.368 (+7)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 124.349 (+140)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 129.285 (+22)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 182 
  • COVID-19-Intensivpatienten: 11, davon 10 beatmet
  • Intensivbetten: 668 belegt, 121 frei, davon 55 Covid-spezifisch
  • Impfquote: 48,9 Prozent (Erstimpfung), 30,8 Prozent (Zweitimpfung)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 3.421 (+3)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 95.623 (+31)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 99.226 (+9)

Alle Grafiken und weiteren Zahlen finden Sie hier in den Übersichten der Kolleginnen und Kollegen.

Hiobsbotschaften zum Homeschooling

Unterricht zu Hause per Internet – sogenanntes Homeschooling – das ist in der Vorstellung vieler Kinder so etwas wie Ferien mit betreuter Freizeit. Ganz Unrecht haben sie damit nicht, belegt eine aktuelle Studie der Frankfurter Goethe-Universität. Sie hat dem Distanzunterricht denkbar schlechte Noten ausgestellt. Einer der Autoren, Professor Andreas Frey, erklärte, die Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler sei "als Stagnation mit Tendenz zu Kompetenzeinbußen zu bezeichnen und liegt damit im Bereich der Effekte von Sommerferien". Kurz gesagt: Der Lerneffekt liegt bei plus minus Null.

Bevor aber das Homeschooling – das auch Eltern und Schulen vor enorme Herausforderungen stellt – endgültig verteufelt wird, lohnt sich ein Blick in die Details der Studie. Dabei handelt es sich um ein Review, also die Auswertung anderer Studien, die die Folgen coronabedingter Schulschließungen untersucht haben, mit Bezug auf die Leistungen und Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern.

Halbe Lernzeit zu Hause

Wären Ferien also generell besser gewesen als alle Anstrengungen zum Distanzunterricht? – Mitnichten. Das hat Studien-Mitautor Frey im Interview bei radioeins vom RBB erklärt. Das sei weder pandemisch noch pädagogisch sinnvoll gewesen. Ein weiteres Ergebnis: Besonders stark zu beobachten seien Kompetenzeinbußen bei Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Elternhäusern. "Die soziale Schere ist hier noch ein bisschen weiter aufgegangen", konstatiert Frey. Während im Gesamtschnitt die investierte Lernzeit der Schülerinnen und Schüler bei rund 50 Prozent im Vergleich zum Unterricht in der Schule gelegen habe, seien die Werte bei sozial benachteiligten Kindern noch geringer gewesen.

Gleichwohl, betont Frey, zeigten andere Studien, dass gut gemachter Online-Unterricht auch diese Kinder mitzieht. "Das Ganze ist also nicht hoffnungslos", so Frey. Und überhaupt: Die Ergebnisse dieser Studie beziehen sich allein auf den Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020. Für die zweite Lockdownphase liefen noch die Untersuchungen. "Ich persönlich erwarte zwar keine glorreichen Entwicklungen", erklärt der Wissenschaftler, aber ganz so drastische Befunde wie in der ersten Welle seien nicht zu erwarten. Die Lernzeit etwa sei bereits auf 58 Prozent gestiegen.

Und was kommt im nächsten Schuljahr?

Die sich ausbreitende Delta-Variante des Corona-Virus' lässt die Sorgen auf steigende Inzidenzen im Herbst wachsen. Und in diesem Zusammenhang wirkte eine Meldung vom Wochenende plausibel und ernüchternd zugleich. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) soll bei einer Online-Tagung gesagt haben, dass für die Schulen in Herbst und Winter weiterhin Maßnahmen nötig seien, wie Maskenpflicht und Wechselunterricht.

Nun ruderte Spahn zurück. Seine Aussage sei aus dem Zusammenhang gerissen worden. Die Kommentarspalten der Zeitungen waren heute Morgen dennoch voller kritischer Reaktionen:

Was war da los? Das hat die Tagesschau in einem Faktenfinder rekonstruiert. Demnach basierte die Ursprungsmeldung auf einem Missverständnis, das die Süddeutsche Zeitung verbreitet hatte. Andere Medien konnten diese Information nur schwer verifizieren, da der Mitschnitt dieser Tagung erst am Montag ins Netz gestellt wurde. Darin wird klar: Spahn nannte nur Beispiele, noch keine Beschlüsse. "Wir werden nicht völlig ohne Schutzmaßnahmen – sei es Maske, Abstand, Wechselunterricht, Tests vor allem auch – wieder in den Schulbetrieb gehen können", so der Wortlaut des Ministers, der betonte, dass konkrete Maßnahmen jetzt noch nicht definiert würden. Also: abwarten.

Kinderschutzbund fordert Ideen

Der Kinderschutzbund in Deutschland jedenfalls fordert, dass bereits Vorkehrungen getroffen werden sollten, damit Schulen im Falle einer weiteren Welle gut vorbereitet sind. Er mahnte zu mehr Vorbeugung und besserem Schutz an Schulen. Auch in dieser Phase der Pandemie werde dafür politisch wieder nicht genug unternommen – etwa durch bessere Digitalausstattung oder den rechtzeitigen Einbau von Lüftungen, sagte Verbandspräsident Heinz Hilgers dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Was heute außerdem los war

Die UEFA sieht rot, weil Deutschland die Regenbogenflagge zeigen will. Das Fußballstadion in München darf beim EM-Spiel der deutschen Mannschaft morgen gegen Ungarn nicht in Regenbogenfarben beleuchtet werden. Die Münchner Politiker wollten mit der Aktion ein Signal für Vielfalt setzen. Der Antrag wurde aber abgelehnt. Nun gibt es Kritik von allen Seiten. Und die Sache könnte für die Europäische Fußball-Union als Eigentor ausgehen, denn: Weitere Städte wollen ihre Stadien nun entsprechend leuchten lassen – zum Beispiel das Berliner Olympiastadion.

Und sonst:

  • Mieterinnen und Mieter in Deutschland müssen die Zusatzkosten durch den CO2-Preis auf Öl und Gas vorerst doch weiter allein tragen. Die Einigung in der Koalition ist gescheitert.
  • Mit einer Kranzniederlegung hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der Opfer des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion vor 80 Jahren gedacht. Auch der russische Präsident Putin erinnerte an den Angriff – in einem Gastbeitrag auf deutsch.

Zum Schluss: Eine Warnung

Bundesgesundheitsministerium unterschlägt Millionen Geimpfte

Bei Zahlen und Namen passieren die häufigsten Fehler, ich spreche da aus eigener Erfahrung. Aber: Fehler passieren. Und sie passieren leider auch da, wo es sie nicht geben sollte. Ein Beispiel: Am Freitag wurde die 50-Prozent-Marke bei den Erstimpfungen, gemessen an der Gesamtbevölkerung Deutschlands, geknackt. – Kleiner Einschub: Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen liegen weiter knapp unter dieser Marke. – Aus diesem Anlass hat das Bundesgesundheitsministerium ein Erfolgsvideo für seine Kanäle bei Instagram, Facebook und Twitter erstellt und ins Netz geladen. Mir wurde dieses Video gestern noch per Sponsoring in die Timeline gespült. Und bei Sekunde zehn wurde ich stutzig: Mit dem 18. Juni wurde eine Erstgeimpften-Zahl von 4.000.000 angegeben. Das wären ja nur fünf Prozent Erstgeimpfte.

Ich habe beim Bundesgesundheitsministerium nachgefragt und erhielt heute Morgen eine Antwort. "Die Grafik wurde aufgrund des Fehlers von allen Plattformen entfernt", heißt es und man bedanke sich für meinen Hinweis. Au Backe! Es hat also drei Tage gedauert, die falschen Daten wieder aus dem Netz zu löschen. Immerhin: Zehntausende haben dieses Video allein bei Instagram gesehen. Und obwohl es mit dem Hinweis "finanziert von" versehen ist, soll für die Verbreitung kein Werbebudget verwendet worden sein, erklärte das Ministerium.

Natürlich habe ich einen Screenshot für Sie gemacht. Als Mahnung dafür, was eine einzelne Null doch anrichten kann.

Panne bei Werbung zu Impffortschritt auf Instagram
Die Zahlen stimmten nicht. Nach drei Tagen wurde das Video wieder gelöscht. Bildrechte: Instagram/Bundesgesundheitsministerium

Ich hoffe, Sie haben in meiner Newsletter-Premiere heute keine Fehler entdeckt. Und wenn doch, dann schreiben Sie mir. Allerdings werde ich mit der Korrektur dann keine drei Tage warten.

Machen Sie sich einen schönen Abend und viel Erfolg beim weiteren Herunterkühlen der Wohnung.

Ahoj!

André Plaul

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 22. Juni 2021 | 07:36 Uhr

1 Kommentar

rika vor 4 Wochen

Einiges aus dieser Studie mag für den 1. Lockdown richtig sein aber spätestens bei der 2. Schließung der Schulen war der soziale Hintergrund nicht mehr relevant. Es fehlte einfach die Perspektive und Motivation - egal aus welchem Umfeld die Kinder kamen. Heute, nach 15 Monaten auch mal die Kinder und Schüler in den Mittelpunkt zu stellen, ist ziemlich spät. Das hätte man sich auch sparen können. Es hat 15 Monate keinen interessiert, wie Kinder, Schüler und Familien klar kommen.

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