Corona-Daten-Newsletter | Montag, 4. Mai 2021 Sind wir über den (Zahlen)berg?

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Die Zahlen sinken – in Thüringen weniger als in Sachen oder Sachsen-Anhalt. Ist das schon ein dauerhafter Trend, wie manche meinen? Und wie kann eine Herdenimmunität erreicht werden? Das sind Thema im Corona-Daten-Newsletter.

Arbeiter mit Gesichtsmasken auf Bergen mit Blick nach vorn
Bildrechte: imago images/Ikon Images | Grafik: MDR

Guten Abend liebe Abonnentinnen und Abonnenten,

die guten Nachrichten möchte ich gleich an den Anfang stellen. Die Zahlen sinken – sowohl die Inzidenzen und damit zusammenhängend natürlich auch die Zahlen der täglich gemeldeten Neuinfektionen. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hat sogar davon gesprochen, dass der Sommer "sehr gut" werde.

Im Deutschlandfunk-Interview sagt er: "Ich glaube, dass wir im Sommer tatsächlich das Gröbste dieser Pandemie hinter uns haben." Die Zahlen würden deutlich sinken und der Effekt der Impfungen immer stärker sichtbar werden.

Das sind doch hoffnungsvolle Zeichen.

Die Kolleginnen und Kollegen von MDR um 11 haben sich auf einer Intensivstation in Thüringen umgeschaut, ob die Trendwende auch schon in den Krankenhäusern angekommen ist.

Aber ist denn nun der Abwärtstrend endlich wirklich in den Zahlen ablesbar? Heute möchte ich mit Ihnen einen genaueren Blick auf die Zahlen werfen.

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Die aktuellen Zahlen

Im Vergleich zum Dienstag in der vergangenen Woche ist die deutschlandweite 7-Tage-Inzidenz um etwa 15 Prozent gesunken – von 167,6 am 27. April auf aktuell 141,4.

  • Sachsen-Anhalt folgt dem bundesweiten Trend ziemlich genau und liegt heute am 4. Mai bei 152,7.
  • In Sachsen sinkt die 7-Tage-Inzidenzen um rund zehn Prozentpunkte auf 204,2.
  • In Thüringen sinkt die Inzidenz nur um einen Prozentpunkt auf 217,2 im Vergleich zur Vorwoche.

Aber: Durchschnittlich sind bisher etwa 2,4 Prozent der Menschen, bei denen eine Sars-CoV-2-Infektion gemeldet wurde, an oder im Zusammenhang mit der Erkrankung gestorben. Für Deutschland sind das 83.591 Menschen.

In Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen liegt die Prozentzahl bisher zwischen 3 und 3,5 Prozent.

Und die Neuinfektionen?

7.534 Fälle sind dem RKI gemeldet worden. Das heißt, die täglich neu gemeldeten Corona-Infektionen sind um fast ein Drittel im Vergleich zu den Fallzahlen am Dienstag, den 27. April (10.976) zurückgegangen. Zwischenzeitlich waren die Zahlen zwar wieder gestiegen – auf rund 24.000 – aber wir werden sehen, wie es sich weiter entwickeln wird.

Das Auf und Ab der gemeldeten Neuinfektionen können Sie auch hier in dieser Grafik gut nachvollziehen.

Die meisten neuen Fälle werden nach wie vor aus Nordrhein-Westfalen gemeldet (2.209). Deutlich ist jedoch der Abstand zu den anderen Ländern.

Danach folgt Baden-Württemberg (807) und Bayern (784). Spannend ist tatsächlich, dass drei Länder heute unter 100 Neuinfektionen liegen: Mecklenburg-Vorpommern (93), das Saarland (64) und Bremen (40).

Ob das wirklich schon die Trendwende ist – ich würde es sehr gern glauben und mich sehr darüber freuen.

Im Folgenden nun die Zahlen nach Angaben des Landesamtes für Verbraucherschutz, der Sozialministerien und Landkreise aus unseren drei Bundesländern.

Die Werte weichen in der Regel von denen des RKI ab, da sie etwas aktueller sind. Außerdem ordnet das RKI nachgemeldete Zahlen dem tatsächlichen Erkrankungs- oder Meldedatum zu, auch wenn sie dadurch aus der Zeitspanne der sieben Tage herausfallen.

Bei den Inzidenzwerten, die als Grundlage für die Maßnahmen aus dem Notbremsengesetz gelten, rechnet das Robert Koch-Institut mit sogenannten "eingefrorenen" Werten. Dadurch fließen die von den Landkreisen an das RKI nachgemeldete Zahlen nicht in diese Inzidenzen ein und es kommt regelmäßig zu niedrigeren "offiziellen" Inzidenzen, als sie in den Bundesländern tatsächlich vorliegen.

Sachsen

  • Aktive Fälle: 18.874 ↘ (-1.237 zum Vortag)
  • Covid-19-Intensivpatienten: 410 (+13) , davon 231 (+/-0)
  • Intensivbetten: 1.337 belegt, 143 frei, davon 68 Covid-spezifisch
  • Impfquote: 26,1 Prozent (Erstimpfung), 10,5 Prozent (Zweitimpfung)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 9.265 (+22)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 239.500 (+2.200)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 267.639 (+985)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 10.336 ↘ (-206 zum Vortag)
  • Covid-19-Intensivpatienten: 186 (-6), davon 115 (+2) beatmet
  • Intensivbetten: 634 belegt, 68 frei, davon 36 Covid-spezifisch
  • Impfquote: 26,6 Prozent (Erstimpfung), 11,8 Prozent (Zweitimpfung)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 3.932 (+23)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 104.593 (+573)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 118.861 (+390)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 6.269 ↘ (-245 zum Vortag)
  • Covid-19-Intensivpatienten: 126 (-6), davon 83 (-1) beatmet
  • Intensivbetten: 706 belegt, 91 frei, davon 45 Covid-spezifisch
  • Impfquote: 28,8 Prozent (Erstimpfung), 7,7 Prozent (Zweitimpfung)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 3.142 (+29)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 82.933 (+643)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 92.344 (+427)

Wenn man die Werte für Sachsen-Anhalt und Sachsen und Thüringen sich anschaut, stellt man fest, dass es tatsächlich abwärts geht – zumindest bei den aktiven Fällen. Todesfälle und die Intensivbettenbelegung sind immer noch auf einem hohen Niveau.

Wenn Sie sich die Entwicklung in Ihrem Bundesland anschauen wollen, dann folgen Sie einfach den Links. Hier haben die Kolleginnen und Kollegen alle wichtigen Zahlen und Grafiken zusammengefasst.

Impfkampagne und sinkende Zahlen

Worum es geht

Noch einmal zurück zu dem Interview mit Karl Lauterbach im Deutschlandfunk. Im Wesentlichen ist der Epidemiologe und SPD-Gesundheitspolitiker ziemlich positiv gestimmt.

  • Er sagt: "Die Fallzahlen werden deutlich sinken Mitte, Ende Mai. Dann werden wir tatsächlich auch einen Impfeffekt stärker noch wahrnehmen als jetzt. Wenn mehr als 40, 50 Prozent der Bevölkerung Erstimpfungen haben, dann gehen die Fallzahlen auch durch die Impfung herunter. Von daher wird im Sommer tatsächlich die Situation sehr gut sein."

Und trotzdem gibt es ein paar Aber

  • Was die Fallzahlen betrifft: "Die Fallzahlen sind weiterhin beunruhigend. Sie gehen jetzt zwar langsam zurück, aber wir sind nach wie vor auf einem sehr hohen Niveau unterwegs. Das ist gerade jetzt eine besonders kritische Phase, in der wir sind, weil wir haben teilweise Geimpfte, viele sind ja erst einmal geimpft und haben noch nicht die zweite Impfung, und es ist aber trotzdem mit sehr hohen Fallzahlen noch zu rechnen. Somit ist das eine Phase, in der wir unterwegs sind, wo es Mutationen besonders leichtfällt, sich zu verbreiten."

  • Außerdem das zu frühe Lockern: "Ich warne einfach davor, dass wir jetzt auf den letzten Metern das Erreichte nicht verspielen, indem wir zu früh alles lockern. Die Rückgabe der Grundrechte an die Geimpften ist davon aber unberührt. Das muss sein. Das ist ein Individualrecht, was wir nicht einschränken dürfen."

  • Und dann auch zum Thema Herdenimmunität: "Wir sind noch sehr weit von der Herdenimmunität entfernt. Wir haben bisher weniger als ein Drittel der Bevölkerung einmal geimpft. Das heißt, zwei Drittel der Bevölkerung sind noch gar nicht geimpft. Wir haben vielleicht 28 oder 29 Prozent, die bisher insgesamt einmal geimpft sind."

Und wie kann es weitergehen?

  • Die Kolleginnen und Kollegen vom Spiegel haben sich den Fortschritt hin zur Herdenimmunität angeschaut und bezieht sich dabei auf Modellrechnungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung.

  • Demnach könnten bis Mitte Juni drei Viertel der Impfberechtigten mit einer ersten Impfung versorgt sein. Eigentlich klingt das ja gut, aber wie in dem Artikel weiter aufgeführt wird – wird es wahrscheinlich bis zu einer Herdenimmunität doch nicht so leicht.


Gründe dafür sind unter anderem:

  • Wenn Kinder und Jugendliche nicht geimpft werden, dann muss die Impfquote höher als die bisher angenommenen 75 bis 80 Prozent liegen.

  • Und: Vermutlich wird sich nicht jeder tatsächlich impfen lassen, der es könnte.

Die Professorin Cornelia Betsch, Heisenberg-Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt und Initiatorin des Projekts "COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO)", in der die Impfbereitschaft in der Bevölkerung erfragt wird, sagt dem Science Media Center zum Thema Impfbereitschaft:

  • "Die Entscheidung, die jeder in dieser Pandemie zu treffen hat, ist: Krank werden oder Impfung. Die Entscheidung bleibt eine Risikoabwägung, keine der beiden Alternativen ist ‚absolut sicher‘. Daher sollte über beide Risiken – auch vergleichend – aufgeklärt werden. Die Impfnebenwirkungen sind neu, wecken naturgemäß starke Aufmerksamkeit und erfolgen auf eine Handlung (Impfung) – und sind daher nicht ‚Schicksal‘, so wie es oft wahrgenommen und dann auch eher hingenommen wird, wenn man krank wird. An das Virus haben wir uns jetzt gewöhnt, trotzdem sind viele plötzlich geschockt, wenn sie zum Beispiel in Dokumentationen die Realität auf den Intensivstationen sehen. Das zeigt, dass die Erkrankung mittlerweile möglicherweise doch eher abstrakter und als nicht so gefährlich wahrgenommen wird. Auch die Folgen der Erkrankung – Long-COVID – sollten daher deutlicher kommuniziert werden. Außerdem sollte sehr deutlich gemacht werden, dass Impfen nicht nur eine egoistische Entscheidung ist, sondern vor allem eine solidarische: Wer sich impfen lässt, schützt – mit hoher Wahrscheinlichkeit – auch andere."


Für mich klingt das schlüssig – jeder sollte für sich entscheiden können, ob sie oder er geimpft werden will – und dabei auch den Nutzen mit den Risiken abwägen – für sich selbst und für andere. Wir werden sehen, wie sich die Pandemie noch entwickelt. Ich hoffe wirklich sehr, dass der Spuk bald vorbei ist – und wir möglich viel gelernt haben.

Zum Schluss

Da Kekulés Corona-Kompass pausiert, möchte ich Ihnen den aktuellen NDR Podcast "Coronavirus-Update", heute mit der Virologin Sandra Ciesek, empfehlen – aber nicht nur deswegen. Die Themen des Podcasts behandeln ziemlich genau auch die Fragen aus dem Newsletter.

  • Sinkende Inzidenzen: Grund für Optimismus? Wann Impfstoffe wirken – und welche Risiken bleiben. Außerdem: Alles über Impfreaktionen. Und: Nochmal Kinderimpfung.

Wenn Sie eine ruhige Stunde haben, hören Sie rein. Mir helfen die sachlichen und auch fachlichen Einordnungen mit der Expertin oft sehr, um meine eigenen Fragen und Unsicherheiten etwas zu "erden".

Morgen lesen Sie an dieser Stelle meine Kollegin Johanna Daher.

Vielen Dank für Ihre Zuschriften und Ihre Aufmerksamkeit.
Ihr Martin Paul

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