Corona-Daten-Newsletter | Freitag, 17. September 2021 Angst, Trotz, "Querdenker" – Warum sich Menschen nicht impfen lassen

Im multimedialen Corona-Daten-Update: Warum sich Menschen nicht impfen lassen, warum die Hospitalisierungsrate nichts taugt und warum wir unseren Zahlenblock neu gemacht haben.

Gegendemo - Schild mit Aufschrift - Maske statt Alu-Hut.
Bildrechte: imago images/Hartenfelser

Einen schönen guten Abend!

*Stellen Sie sich hier einen Riesen-Seufzer vor*

Ja, es gibt Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen.

Sie sind in der Minderheit: In Deutschland sind etwa drei Viertel der Menschen ab 18 Jahren vollständig geimpft. Von den Zwölf- bis 17-Jährigen sind es etwa ein Drittel.

Um sie soll es heute gehen. Außerdem haben wir unseren Zahlen-Block neu sortiert und ich schreibe Ihnen, warum. Und wir schauen kurz in zwei Berichte des RKI.

Nicht-Geimpfte?

Wie kann das sein? Wer sind die Menschen, die sich nicht impfen lassen? Und warum? Das Y-Kollektiv von funk hat sie für ein Youtube-Video gefragt.

Funk ist ein Angebot von ARD und ZDF, das sich vor allem an junge Menschen richtet. Aber Gründe, weshalb sich Menschen nicht impfen lassen, unterscheiden sich wohl kaum zwischen den Altersgruppen. Deshalb schauen Sie sich das Video gern an. Mir gefällt daran vor allem, wie unaufgeregt man darüber sprechen und berichten kann.

Gründe sind:

  • Angst vor Langzeitwirkungen,
  • Unbehagen über die schnelle Zulassung des Impfstoffes,
  • Trotz, weil es einen öffentlichen Druck zur Impfung gibt (Das ist aber etwas anderes als Zwang und Impfpflicht!),
  • fehlende Informationen, wo man sich impfen lassen kann
  • die Meinung, dass man nicht schwer erkrankt
  • Unzufriedenheit mit der Regierung (18 Prozent der Nicht-Geeimpften drücken damit ihre Unzufriedenheit mit der Regierung aus. Hierbei gibt es keine Unterschiede zwischen Ost und West. Das ist ein Befund des aktuellsten "COVID-19 Snapshot Monitoring" der Uni Erfurt)

Im funk-Video ist mir auch aufgefallen, dass es bei vielen eher um ein Gefühl als um Fakten geht.

Bei "Spiegel Online" hat sich auch Sascha Lobo in dieser Woche mit Nicht-Geimpften auseinander gesetzt: Er schreibt, es sei okay, wenn sie bei der Coronaimpfung zögerten. Sie schuldeten der Gesellschaft nicht, sich impfen zu lassen. Aber sie schuldeten ihr, sich mit der eigenen Skepsis auseinanderzusetzen.

Sein Tipp:

  • "Bewaffnen Sie sich bei der Recherche mit der Frage: Stimmt das wirklich? Gibt es diese Studie, von der jemand auf Facebook gesprochen hat, überhaupt? Und steht da tatsächlich das drin, was diese Person behauptet? Betreiben Sie also Quellenstudium. Das bedeutet: Schauen Sie sich immer den oder die Absender an. Würden Sie denen auch vertrauen, wenn es etwa um andere Medikamente geht, die Sie wie selbstverständlich nehmen?"

Sein Rat:

  • "Sprechen Sie mit jemandem, der Corona überlebt hat oder bei einem schweren Verlauf dabei war. Oder sprechen Sie mit einer Ärztin oder einem Arzt, dem Sie vertrauen."

Man kann ja über Sascha Lobo schon mal den Kopf schütteln (eine Impfung ist ja kein Medikament), aber ich stimme ihm voll und ganz zu: Wir müssen miteinander reden.

Natürlich kann ich nicht alle Gründe nachvollziehen, weshalb sich Menschen nicht impfen lassen. Aber ich stimme auch dem Y-Kollektiv zu. Deren Fazit: "Wichtig ist, zuzuhören. Das machen wir viel zu selten."

Deswegen fragen, antworten, austauschen. Freundlich bleiben und das Gegenüber ernst nehmen, auch wenn es allen viel Kraft kosten kann. (Wir selbst bekommen zum Beispiel sehr ausführliche E-Mails und wenn wir Nachfragen stellen, bekommen wir mitunter keine Antwort.)

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Dieses Nicht-Miteinander-Reden lässt sich auch im Bundestagswahlkampf besichtigen. Oder haben Sie gehört, gelesen oder gesehen, welche Partei mehr Druck auf Nicht-Geimpfte will, welche mehr Freiheit für alle will, welche nicht?

Das formuliert auch ein Artikel in der "Zeit" in dieser Woche so: Corona-Politik sei kein großes Thema im Wahlkampf. Aber Corona-Regeln sind politisch, Corona-Apps sind politisch. "Es ist hochpolitisch, wenn Gastronomen beklagen, wie die Angst vor dem nächsten Lockdown dazu führt, dass sie kein Personal finden", schreibt zum Bespiel Martin Machowecz in der "Zeit". Seine Überschrift: "Virenfreier Wahlkampf".

Warum wir an den Zahlen "drehen"

Wenn Sie gleich durch unsere Zahlen lesen, sehen Sie, dass wir einige Zahlen gestrichen, andere dazu genommen haben. Das war nicht das erste Mal. Und wir tun dies, weil wir uns ab und zu fragen (und auch mitunter von Ihnen gefragt werden), warum jener Wert wichtig ist oder was jene Zahl bedeutet. Außerdem haben wir am Ende des Zahlenabschnitts die Quellen verlinkt, aus denen wir die Werte nehmen. So können Sie auch selbst genau nachvollziehen, was wo veröffentlicht wird.

Wir finden nach wie vor die Inzidenz wichtig, weil sie die allererste Zahl in der ganzen Zahlen-Kette ist: die Zahl der laborbestätigten Neuinfektionen der vergangenen sieben Tag pro 100.000 Einwohner. Sie drückt das Infektionsgeschehen am aktuellsten aus. 

Die Impfquote haben wir angepasst und geben nur noch die Quote der vollständig Geimpften an, schlüsseln sie aber nach den Altersgruppen auf.

Die Hospitalisierungsrate haben wir hinzugefügt, weil sich die Politik darauf verständigt hat, dass sie wichtig ist – auch wenn wir und andere das (in der zurzeit präsentierten Form) nicht ganz nachvollziehen können.

Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Dem Robert Koch-Institut (RKI) sind am Freitag, den 17. September 2021 bundesweit 11.022 neu positiv Getestete (Stand 8:40 Uhr). Im Vergleich zum Mittwoch vor einer Woche ist die Zahl der gemeldeten Neuinfizierten um mehr als 1.100 niedriger.

Sachsen

  • Aktive Fälle: 3.767 (+15 zum Vortag)
  • Hospitalisierungsrate*: 1,18 (+0,25)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 37 (+2), davon 17 beatmet, 111 freie 
  • COVID-19-Intensivbetten
  • Impfquote: 53,6 Prozent (vollständig geimpft)
  • 12-17 Jahre: 16,3 Prozent
  • 18-59 Jahre: 53,4 Prozent
  • 60+ Jahre: 76,7 Prozent
  • Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19: 10.269 (+7)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 2.107 (+106 zum Vortag)
  • Hospitalisierungsrate*: 1,18 (-0,38)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 12 (-2), davon 7 beatmet, 48 freie 
  • COVID-19-Intensivbetten
  • Impfquote: 57,6 Prozent (vollständig geimpft)
  • 12-17 Jahre: 20,2 Prozent
  • 18-59 Jahre: 57,5 Prozent
  • 60+ Jahre: 80,1 Prozent
  • Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19: 4.450 (+/-0)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 1.308 (+142 zum Vortag)
  • Hospitalisierungsrate*: 0,83 (+0,05)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 6 (+/-0), davon 2 beatmet, 46 freie 
  • COVID-19-Intensivbetten
  • Impfquote: 59,7 Prozent (vollständig geimpft)
  • 12-17 Jahre: 15,6 Prozent
  • 18-59 Jahre: 59,9 Prozent
  • 60+ Jahre: 82,2 Prozent
  • Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19: 3.523 (+1)

* Die Hospitalisierungsrate beschreibt die 7-Tage-Inzidenz der hospitalisierten COVID-19-Fälle. Durch Übermittlungsverzug wird die Rate in gewissem Maß unterschätzt werden, schreibt das RKI. Auch Recherchen der "Zeit" und des "Spiegell" zeigen das. Ein deutschlandweit gültiger Grenzwert dafür, welche Maßnahmen eine bestimmte Hospitalisierungsrate nach sich ziehen, wurde nicht festgelegt. Die Bundesländer beziehen die Rate derzeit in komplexe Berechnungen ein (Sachsen und Thüringen) oder überlassen die Entscheidung über Maßnahmen den einzelnen Landkreisen (Sachsen-Anhalt). Warum die Hospitalisierungsrate in der jetzigen Form als neue Corona-Kennzahl untauglich ist, erklärt MDR-Datenjournalist Manuel Mohr in diesem Artikel.

(Quellen: Schätzung der aktiven Fälle: eigene Berechnung, LAV Sachsen-Anhalt, TMASGFF, Sozialministerium Sachsen | Hospitalisierungsrate: RKISozialministerium SachsenTMASGFF | IntensivpatientenDivi | Impfquote: RKI | Todesfälle: LAV Sachsen-Anhalt, TMASGFF, Sozialministerium Sachsen, RKI)

Alle Grafiken und weiteren Zahlen finden Sie hier in den Übersichten der Kolleginnen und Kollegen.

Die Sache mit der Hospitalisierungsrate ist merkwürdig: Ich habe bislang nirgends gelesen, warum sie sinnvoll sein soll. Und auch mein Kollege, Datenjournalist Manuel Mohr, findet sie untauglich. Warum, das erklärt er in seinem Artikel. Dort lesen Sie auch, welche Rolle die Hospitalisierungsrate in den Verordnung in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen spielt. Auch das ist merkwürdig. Und kompliziert.

Zwei RKI-Veröffentlichungen

Das Robert Koch-Institut hat gestern seinen wöchentlichen Lagebericht (PDF) und ein weiteres Epidemiologisches Bulletin (PDF) veröffentlicht.

Im wöchentlichen Bericht finde ich die so genannte Heatmap immer spannend: Sie zeigt die Inzidenz nach Altersgruppen und im Jahresverlauf an. Aktuell hat die Altersgruppe zwischen fünf und 19 Jahren die höchste Inzidenz.

Außerdem empfiehlt das RKI dort immer sehr dringend: Egal ob Sie geimpft, genesen oder getestet sind, halten Sie sich an die AHA+L-Regeln, nutzen Sie die Corona-Warn-App, reduzieren sie unnötige enge Kontakte und meiden Sie Situationen, bei denen sogenannte Super-Spreading-Events auftreten können.

  • "Wichtig ist außerdem, dass man selbst bei leichten Symptomen der Erkrankung (unabhängig vom Impfstatus) zuhause bleibt, die Hausarztpraxis kontaktiert und sich testen lässt."

Gut zu wissen: Die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung bei Atemwegsinfekten ist gestern bis Ende des Jahres verlängert worden.

Studien zur Dunkelziffer

Im epidemiologischen Bulletin gibt das RKI einen Überblick über Studien, in denen Blutproben auf SARS-CoV-2 untersucht wurden. Dabei handelt es sich um zwei deutschlandweite und 18 regionale Studien. Zwei der regionalen Studien stammen aus Ostdeutschland, aus Magdeburg.

Sie fanden in der zweiten Coronawelle statt. Eine von Mitte November bis Mitte Dezember und eine von Januar bis April. Dabei wurde das Blut von jeweils mehr als 2.000 über 18-Jährigen untersucht. Ergebnisse:

  • November/Dezember: 2,4 Prozent der Proben wiesen Antikörper gegen das Virus auf; zu einem Zeitpunkt als 0,5 Prozent der Bevölkerung positiv getestet waren. 
  • Januar bis April: In 13 Prozent der Proben wurden Antikörper nachgewiesen; zu einem Zeitpunkt, als die meisten Menschen noch nicht geimpft waren. Bei 6 Prozent der Nicht-Geimpften wurden Antikörper nachgewiesen. (Ein Vergleichswert zu positiv Getesten liegt nicht vor.)

Die meisten dieser Studien zeigen, dass bis zu fünf Mal mehr Menschen das Virus hatten als bekannt.

Solche Studien sind also wichtig, weil sie zeigen, dass sich das Virus eben auch unerkannt ausbreiten, das sind diese asymptomatischen Fälle. Das heißt also: Die Zahl der tatsächlich Infizierten ist oft höher als die der erkannten und gemeldeten Infizierten.

Friesland

Nach dem Impfskandal in Friesland bieten das Land Niedersachsen und der Landkreis Friesland mehr als 10.000 Menschen eine Aufwandsentschädigung an. Sie sollen sich erneut impfen lassen und dafür bis zu 50 Euro bekommen.

Was heute außerdem los war

Als erstes Land in Europa schreibt Italien künftig allen Beschäftigten Impfungen oder negative Corona-Tests vor, um arbeiten zu gehen. Wer kein Zertifikat vorweisen kann, darf ab 15. Oktober nicht mehr zur Arbeit in Büros, Behörden, Geschäften oder der Gastronomie gehen.

Berlin hat etwa 14.700 Wohnungen von den Konzernen "Vonovia" und "Deutsche Wohnen" zurückgekauft. Drei landeseigene Wohnungsgesellschaften haben dafür 2,46 Milliarden Euro ausgegeben. Der Ankauf erfolge ohne den Einsatz von Haushaltsmitteln, hieß es.

Zum Schluss

Empfehle ich Ihnen noch einen Abschied: Nach der gestrigen, etwas holperigen Ministerpräsidentenwahl in Sachsen-Anhalt erscheint heute zum letzten Mal #LTWLSA – das multimediale Update zur Landtagswahl.

Auch wenn MDR SACHSEN-ANHALT drauf steht, drin steckte vor allem die Arbeit meiner Kollegen Thomas Vorreyer und Luca Deutschländer. Auf die Arbeit, die drin steckte, war ich nie neidisch, auf das Ergebnis schon. Habt ihr super gemacht, Jungs!

Ihnen ein schönes Wochenende
In der kommenden Woche übernimmt hier meine Kollegin Olga Patlan.
Grüßen Sie sie von mir!

Alles Gute
Marcel Roth

PS: Falls Sie noch Kraft haben: Die Doku-Serie "Charité intensiv – Station 43" vom RBB ist gestern mit dem Deutschen Fernsehpreis 2021 in der Kategorie "Beste Doku Serie" ausgezeichnet worden. Reinschauen geht hier:

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 15. September 2021 | 09:20 Uhr

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