Corona-Daten-Newsletter | Montag, 10. Mai 2021 Das Risiko der Zahlen

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Thrombose oder Corona. Mitunter scheint die Diskussion ums Impfen darauf hinaus zulaufen. Nur: Wer hat wirklich genau welches Risiko? Wissenschaftler haben das ausgerechnet. Die Diskussion um Impfrisiken zeigt uns, wie wir auf Zahlen reagieren: emotional.

Zwei Flaschen mit dem Impfstoff Astra-Zeneca
Bildrechte: MDR/Karina Heßland-Wissel

Einen schönen guten Abend! 

Na, haben Sie auch die Sonne genossen? Es wurde ja Zeit, dass  das Wetter mithilft, unsere Laune zu heben.

Denn das ist bitter nötig, glaube ich. Das Stichwort dazu: mütend. Und zwar darüber, dass viele Menschen immer noch auf ihren Impftermin warten, wie Sie uns schreiben. Und auch darüber, dass wir gefühlt ewig diskutieren, was Geimpfte und Genese nun dürfen, was andere nicht dürfen, was Apps leisten und was nicht, ob der Patentschutz für Impfstoffe aufgehoben wird oder nicht.

Stellen Sie sich an dieser Stelle einen langen Seufzer vor:

[]

Und gucken Sie dann einen kurzen Film, der gute Laune macht.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir hätten Neopren-Socken bei zwölf Grad Wassertemperatur nicht gereicht.

Heute möchte ich Ihnen über ein Thema schreiben, über das mein Kollege Martin Paul und ich heute Mittag hin und her überlegt haben: Risikoabwägung. Ein sperriges Wort für die ganz simple Frage, ob das Risiko einer Covid-Erkrankung oder einer Impfreaktion höher ist. Schon vorab: Das ist eine lange Antwort.

Außerdem habe ich am Ende noch eine Frage an Sie.

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Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Dem Robert Koch-Institut (RKI) sind heute bundesweit 6.922 neu positiv Getestete 6.922 neu positiv Getestete gemeldet worden (Stand 8:10 Uhr). Im Vergleich zum Montag vor einer Woche ist die Zahl der gemeldeten Neuinfizierten um mehr als 2.200 niedriger.

Die meisten Neuinfektionen im Vergleich zum Vortag gab es heute in Nordrhein-Westfalen (+1.695), Bayern (+1.232) und Baden-Württemberg (+981). Die niedrigsten Werte wurden aus Bremen (+37) und dem Saarland (+46) gemeldet.

Die höchsten 7-Tage-Inzidenzen laut RKI verzeichnen deutschlandweit Thüringen (177), Sachsen (176) und Baden-Württemberg (145) Sachsen-Anhalt hat einen dem Wert von 126.

Mittlerweile sind dem RKI zufolge in Deutschland 32,8 Prozent der Menschen einmal geimpft; 9,4 Prozent sind vollständig geimpft.

Im Folgenden nun die Zahlen nach Angaben der Sozialministerien und Landkreise aus unseren drei Bundesländern. (Die Werte weichen in der Regel von denen des RKI ab, da sie etwas aktueller sind. Außerdem ordnet das RKI nachgemeldete Zahlen dem tatsächlichen Erkrankungs- oder Meldedatum zu, auch wenn sie dadurch aus der Zeitspanne der sieben Tage herausfallen.) Und wie immer: Heute ist Montag; da können die Zahlen auch nicht ganz so exakt sein.

Sachsen

  • Aktive Fälle: 17.495 ↘ (-386 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 370, davon 229 beatmet
  • Intensivbetten: 1.294 belegt, 174 frei, davon 74 Covid-spezifisch
  • Impfquote: 28,8 Prozent (Erstimpfung), 12,9 Prozent (Zweitimpfung)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 9.371 (+17)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 247.400 (+750)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 274.266 (+381)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 9.910 ↘ (-510 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 172, davon 101 beatmet
  • Intensivbetten: 598 belegt, 95 frei, davon 49 Covid-spezifisch
  • Impfquote: 29,9 Prozent (Erstimpfung), 13,6 Prozent (Zweitimpfung)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 4.012 (+2)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 108.385 (+703)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 122.307 (+195)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 5.272 ↘ (-306 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 125 (-1), davon 80 beatmet (+2)
  • Intensivbetten: 705 belegt, 98 frei, davon 47 Covid-spezifisch
  • Impfquote: 32,3 Prozent (Erstimpfung), 9,2 Prozent (Zweitimpfung)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 3.178 (+10)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 86.306 (+462)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 94.756 (+166)

Deutschlandweit wurden dem RKI in den vergangenen 24 Stunden 54 neue Tote gemeldet. 29 Tote haben unsere drei Bundesländer gemeldet.

Alle Grafiken und weiteren Zahlen finden Sie hier in den Übersichten der Kolleginnen und Kollegen.

Wer zum Impfen geht, wird über die Risiken aufgeklärt: ein Gespräch mit dem Arzt, ein paar Blätter Papier unterschreiben  - und Geimpfte und Ärzte bestätigen, dass sie Risiken und Nutzen abgewogen haben.

Nur ist das so? So einfach?

Natürlich nicht.

Alle Expertinnen und Experten sagen natürlich, jede und jeder hat ein individuelles Risiko. Mein Kollege Martin Paul hat mich (und damit auch Sie) auf einen Online-Artikel vom ZDF hingewiesen.

Ein Mann steht vor der Messe in Erfurt, um sich für die Impfung anzumelden
Rein gehen oder draußen bleiben? Impen oder abwarten? Bildrechte: MDR/Karina Heßland-Wissel

Impfen oder Abwarten?

Die ZDF-Kollegin schaut sich dort die Analyse der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zum Impfstoff von Astrazeneca an. Und die ist tatsächlich sehr spannend (PDF).

Die Experten wollten dort nämlich Folgendes vergleichen: Das Risiko, durch eine Astrazeneca-Impfung eine schwere Thrombose zu bekommen, mit dem Risiko, durch Abwarten innerhalb von vier Monaten so schwer an Covid-19 zu erkranken, dass man ins Krankenhaus muss.

Wenn Sie hier aufhören wollen zu lesen: Die Vorteile der Impfung überwiegen in den allermeisten Fällen die Risiken.

Wenn ich aber Ihren Entdecker-Instinkt geweckt habe: Die Forscher rechnen die Risiken für verschiedene Altersgruppen und für verschiedene Inzidenzzahlen durch. Das ist total plausibel, denn je höher die Inzidenzzahlen sind, desto höher ist auch das Risiko, sich anzustecken. Ihre Annahme ist, dass Astrazeneca eine Wirksamkeit von 80 Prozent über vier Monate hat. (Die Untersuchung wird allerdings auch kritisiert, weil sie nicht zwischen Männern und Frauen unterscheidet, möglicherweise nicht alle Thrombosefälle gemeldet wurden und das Thromboserisiko bei Älteren höher sein könnte, weil bei Jungen genauer geschaut wurde.)

Das Ergebnis der Wissenschaftler und die erste Grafik bei den ZDF-Kollegen: Menschen zwischen 20 und 39 Jahren haben ein höheres Risiko, eine schwere Thrombose zu bekommen als schwer an Covid zu erkranken (Achtung, der Satz geht noch weiter) – allerdings nur bei niedrigen Inzidenzzahlen. Bei den ZDF-Kollegen steht als Inzidenzzahl 55. Aber Obacht: Das ist eine Monats-Inzidenz und damit anders als die Sieben-Tage-Inzidenz, an die wir uns gewöhnt haben.

Eine Monats-Inzidenz von 55 kann also bei uns eine Sieben-Tage-Inzidenz zwischen 0 und 55 sein (durchschnittlich pro Woche also 13,75

Die meisten Landkreise in Mitteldeutschland haben heute eine Inzidenz von über 100. Die höchste hat der Landkreis Hildburghausen in Thüringen (343). Am niedrigsten sind die Werte im Jerichower Land (92), in Leipzig (91) und in Magdeburg (68).

Martin, der uns das Thema beschert hat, schrieb vorhin noch: "Setzt man jetzt die Impfung aus, können wegen der Knappheit der Impfstoffe anderer Hersteller deutlich weniger Menschen geimpft werden, was zu weitaus mehr schweren Erkrankungen durch COVID-19 und Todesfällen als zu seltenen Hirnvenenthrombosen führt." Anderswo würden wir auch Risiken in Kauf nehmen, ohne viel darüber nachzudenken. Im Beipackzettel von Aspirin findet man etwa, dass Hirnblutungen und akutes Nierenversagen bei weniger als einer von je 10.000 Personen auftritt, die Aspirin einnehmen.

Impfung
Ein Pieks, der sich lohnt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für mich heißt das also: Derzeit überwiegt bei uns in Mitteldeutschland der Nutzen einer Impfung den der Risiken und erst Recht das Risiko einer Covid-Erkrankung.

Puh.

Viele Zahlen, viele Infos und vermutlich trotzdem noch Fragen. Aber: Lassen Sie sich nicht verunsichern.

Ich lese gerade das Buch "How to Make the World Add Up" (auf Deutsch etwa: "Wie man die Welt zum Guten wendet"; das Wort zusammenzählen steckt aber auch drin).

Eine Lektion, die ich im Buch gelernt habe: Wir sollten uns bei jeder Zahl, Statistik und Grafik als erstes fragen, was  die Zahl mit uns macht? Und dann: Warum fühlen wir das bei dieser Zahl oder Statistik? Und erst dann legen wir los, die Zahl bei Facebook, Whatsapp oder Twitter zu teilen oder sie uns genauer anzuschauen.

Das Buch kann ich Ihnen auch empfehlen, weil dort die Geschichte erzählt wird, warum die Tabakindustrie so lange und so erfolgreich damit durchkam, Zweifel an einem ganz simplen Zusammenhang zu säen: Rauchen verursacht Krebs. (Das lag nämlich auch an Zahlen, die verunsichern sollten.)

Patient bei einer Untersuchung.
Long Covid: In der Reha kommen die Patienten weider auf die Beine. Bildrechte: imago images/Hans Lucas

Jeder zehnte mit Long-Covid

Jeder zehnte Corona-Infizierte kann Langzeit- oder Spät-Folgen haben. Das sagt die WHO. Die Akzeptanz für Long-Covid aber fehle noch, sagt eine Ärztin im Fernsehinterview bei der Tagesschau.

Was heute außerdem los war

Was heute außerdem los war

Der Bundesverband der Amtsärzte befürchtet, dass das Impfsystem in Deutschland im Sommer unter Druck geraten könnte. Die Impfzentren sollten deshalb auch nach September bleiben, sagt der Chef des Verbandes.

Für den Impfstoff von Johnson&Johnson wurde die Priorisierung aufgehoben. Er muss nur einmal gespritzt werden, wird aber erst ab Juni in größeren Mengen erwartet.

Ein Drittel der Deutschen ist geimpft. Brandenburg und Sachsen liegen leicht hinter den anderen Bundesländern. Allein am vergangenen Mittwoch wurden mehr als 1,1 Millionen Spritzen gesetzt. (Wenn Sie die Grafik bei der Tagesschau sehen: mittwochs ist die Zahl der Impfungen immer am höchsten. Vielleicht nennen wir den jetzt in Mimpfwoch um?)

Entschuldigen Sie die Albernheit. Aber ein paar Faxen tun uns allen gut, glaube ich. (Vielleicht hatte ich auch nur zu viel Sonne.)

Meine Frage an Sie

Wie halten Sie es mit dem Patentschutz für die Impfstoffe? Denn darüber wurde gerade bei der Welthandelsorganisation (WTO) diskutiert.

Indien und Südafrika hatten im Oktober bei der WTO beantragt, dass ärmere Länder die Impfstoffe legal kopieren dürften. So wie sie es seit 2001 auch für HIV/Aids-Medikamente dürfen. US-Präsident Biden hat einer Patentpause zugestimmt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist dagegen, die EU skeptisch.

Die Kollegen vom SWR haben dazu ein Pro und Contra verfasst. Und der Tagesspiegel aus Berlin auch:

Handelsbeschränkungen, die die zügige Impfstoffproduktion verhindern, müssen für die Dauer der Pandemie gelockert werden. Die Gefahr von Mutationen sei groß. Ausnahmeregeln sollten genutzt werden. Schreiben zwei NGO-Chefs im Tagesspiegel.

Ohne Patentschutz hätte die Forschung nicht so schnell Impfstoffe entwickelt. Der schnellen Produktion stehen jetzt die komplexen Prozesse im Weg. Schreibt der Chef des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller im Tagesspiegel.

Und was schreiben Sie mir? Wie sehen Sie das mit dem Patentschutz auf die Impfstoffe in der jetzigen Situation der weltweiten Pandemie?

Antworten Sie einfach auf diese E-Mail oder schreiben Sie mir gern.

corona-newsletter@mdr.de

Zum Schluss

Eine Berichtigung: Am Donnerstag hatten wir über das Impfen von Schwangeren geschrieben und verschiedene Experten zitiert, unter anderem den Virologen Alexander Kekulé aus seinem Podcast bei den Kollegen von MDR AKTUELL. Er würde – wie es auch die Ständige Impfkommission des RKI empfiehlt und anders als wir das geschrieben hatten – Schwangere derzeit nicht impfen. Aber er sagt, Schwangere müssten ganz besonders geschützt werden: "Kurz gesagt, Schwangere haben ein ganz massiv erhöhtes Risiko für Komplikationen, wenn sie sich eine Covid-Infektion einfangen." 

Geben Sie also gut auf sich und unsere Mitmenschen acht.

Alles Gute!

Marcel Roth

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 11 | 10. Mai 2021 | 11:00 Uhr

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