Corona-Newsletter | Montag, 9. Mai 2022 Eine umstrittene Studie und Wirkungen der Pandemie auf junge Menschen

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Kinder und Jugendliche hatten in der Pandemie viel zu tragen. Das hören wir schon länger. Was das konkret heißt, sehen wir immer deutlicher. Und wir sehen auch deutlich, wie genau wir mittlerweile auf Studien schauen. Eine ist derzeit besonders umstritten.

Patientin bei einer Untersuchung.
Das Update zur Corona-Lage am 9. Mai 2022. Bildrechte: imago images/Hans Lucas

Einen schönen guten Abend! 

Das Leben ist kompliziert und die Welt so komplex, dass wir uns wohl nur millimeterweise einer Wahrheit annähern. Begrenzt geht das mit unseren Alltagserfahrungen.

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wollen allgemeingültige Wahrheiten finden. Deswegen möchte ich mit Ihnen heute auf eine umstrittene wissenschaftliche Arbeit schauen. Aber zuerst über die Zukunft schreiben: unsere Kinder.

Meine Kollegin Madeleine Arndt hat die Probleme beschrieben: Angst, Bauchschmerzen, mitunter zu wenig Verständnis und zu wenig ärztliche Hilfe. Sie hat mit Eltern, dem sächsischen Landesamt für Bildung, einer Kinderpsychotherapeutin und einer Pädagogin und Supervisorin gesprochen.

Sie schreibt über Schulangst und dass die Expertinnen beobachten, dass sie mehr zu tun haben – so viel, dass es mitunter Wartezeiten gibt. Eine Erklärung: Während der Schulzeit zu Hause hatten sich die Kinder selbst strukturiert. Danach sei in den Schulen der Leistungsanspruch schnell wieder angezogen, meint eine Ärztin.

Eine andere Expertin berichtet von einem Kind, das nach Corona wieder am ersten Tag in die Schule kommt und von der Lehrerin mit dem Satz begrüßt wird: "Schön, dass Du wieder da bist. Dann können wir ja gleich die beiden Arbeiten, die liegen geblieben sind, nachschreiben."

Auswirkung I: Junge Menschen

Puh. Kinder sollen in den Schulen funktionieren. Und Pädagogen sollen Fingerspitzengefühl und Empathie zeigen. All das scheint gerade schwierig – liegt das an der Art und Weise, wie wir Lernen (und Schule!) gerade organisieren?

Im Artikel jedenfalls können Sie lesen, was typische Symptome (von Bauchschmerzen bis Blackout) sind und bekommen auch eine Idee, was sich dagegen tun lässt (von Kamillentee bis Schulwechsel). Dazu gibt es im Expertinnen-Interview weitere Tipps für Eltern.

Und es gibt nicht nur Angst vor der Schule: In der Pandemie ist auch die Zahl der Fälle von Magersucht gestiegen, wie der "Tagesspiegel" im April berichtet hat.

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Sie haben vielleicht gemerkt: Ich habe nicht geschrieben, dass "immer mehr" Kinder und Jugendliche unter den Folgen des Corona-Lockdowns leiden – so eine Formulierung geht uns Journalisten nämlich schnell (und vielleicht zu oft) von der Hand.

Aber es ist ja so: Wir können vieles gar nicht hundertprozentig sicher sagen, sondern immer nur Teile der Wirklichkeit wiedergeben und versuchen, sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen und so vielleicht Sinn in ihnen zu sehen.

Wie viel Sinn die Corona-Zahlen ergeben, überlasse ich Ihnen und Ihrer Alltagserfahrung.

Auf einen Blick: die aktuellen Zahlen

Dem Robert Koch-Institut (RKI) sind heute, Montag (!), 9. Mai 2022, bundesweit 3.350 neu positiv Getestete gemeldet worden.

Die meisten Neuinfektionen gab es in Nordrhein-Westfalen (1.930) und Hamburg (1.010). Allerdings haben auch elf Bundesländer unwahrscheinliche null Fälle gemeldet.

Die höchste 7-Tage-Inzidenz verzeichnet laut RKI Schleswig-Holstein (781,6), die niedrigste Thüringen (257,7). Deutschlandweit liegt sie bei 499,2.

Sachsen

  • Hospitalisierungsrate*: 2,02 (-1,48)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 76 (-9 zum Vortag), davon 30 beatmet, 70 freie COVID-19-Intensivbetten
  • Impfquote: 64,5 Prozent (vollständig geimpft)
  • 12-17 Jahre: 43,2 Prozent
  • 18-59 Jahre: 66,6 Prozent
  • 60+ Jahre: 83,9 Prozent
  • 1. Auffrischungsimpfung: 48,7 Prozent
  • Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19: 15.393 (+/-0)

Thüringen

  • Hospitalisierungsrate*: 6,37 (+0,85)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 31 (+x), davon 5 beatmet (+x), 58 freie 
  • COVID-19-Intensivbetten
  • Impfquote: 69,3 Prozent (vollständig geimpft)
  • 12-17 Jahre: 51,3 Prozent
  • 18-59 Jahre: 71,2 Prozent
  • 60+ Jahre: 87,8 Prozent
  • 1. Auffrischungsimpfung: 52,0 Prozent
  • Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19: 7.163 (+/-0)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 19.895
  • Hospitalisierungsrate*: 3,62 (-2,06)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 25 (-1 zum Vortag), davon 14 beatmet, 41 freie COVID-19-Intensivbetten
  • Impfquote: 73,3 Prozent (vollständig geimpft)
  • 12-17 Jahre: 50,6 Prozent
  • 18-59 Jahre: 76,5 Prozent
  • 60+ Jahre: 91,2 Prozent
  • 1. Auffrischungsimpfung: 55,2 Prozent
  • Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19: 5.282 (+1)

* Die Hospitalisierungsrate beschreibt die 7-Tage-Inzidenz der hospitalisierten COVID-19-Fälle. Durch Übermittlungsverzug wird die Rate in gewissem Maß unterschätzt, schreibt das RKI. Auch Recherchen der "Zeit" und des "Spiegel" zeigen das. Ein deutschlandweit gültiger Grenzwert dafür, welche Maßnahmen eine bestimmte Hospitalisierungsrate nach sich ziehen, wurde nicht festgelegt. Die Bundesländer beziehen die Rate derzeit in komplexe Berechnungen ein (Sachsen und Thüringen) oder überlassen die Entscheidung über Maßnahmen den einzelnen Landkreisen (Sachsen-Anhalt). Warum die Hospitalisierungsrate in der jetzigen Form als neue Corona-Kennzahl untauglich ist, erklärt MDR-Datenjournalist Manuel Mohr in diesem Artikel.

(Quellen: Hospitalisierungsrate: RKI | IntensivpatientenDivi | Impfquote: RKI | Todesfälle: RKI)

Alle Grafiken und weiteren Zahlen finden Sie hier in den Übersichten der Kolleginnen und Kollegen.

Auswirkung II: Wissenschaft

Eine Frau mit gelähmten Armen, eine 15-Jährige mit Pflegegrad drei im Rollstuhl, ein 26-Jähriger mit Herzproblemen, der seit elf Monaten krankgeschrieben – drei Menschen mit Beeinträchtigungen, die sie und ihre Ärzte auf eine Corona-Impfung zurückführen. Die MDR-Kollegen von "Hauptsache gesund" haben sie in der vergangenen Woche zu Wort kommen lassen.

Die Betroffenen sagen: Sie haben zu wenig Hilfe bekommen (Das haben wir auch bei den Problemen von jungen Menschen gehört).

Anschließend sprechen die Kollegen mit Professor Harald Matthes, ärztlicher Leiter und Geschäftsführer des anthroposophisches Krankenhauses Havelhöhe in Berlin. Matthes hat auch eine Stiftungsprofessur für integrative und anthroposophische Medizin am sozialmedizinischen Institut der Charité. Dort lässt er gerade eine Studie durchführen (PDF).

Ihr Ziel: eine Datenbank für den Impfverlauf nach einer Corona-Impfung aufbauen. Darin sollen Impfreaktionen dokumentiert werden, um sie später mit Symptomen und Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung und generellen Beschwerden der Menschen zu vergleichen. Ein spannendes Ziel.

Matthes sagt den Fernsehkollegen, dass bislang angeblich 40.000 Menschen an der Studie teilgenommen hätten. Ein Ergebnis: 0,8 Prozent der Geimpften hätten schwere Nebenwirkungen, die medizinische Behandlung nötig machen würden. 80 Prozent dieser Nebenwirkungen seien nach sechs Monaten ausgeheilt, so Matthes.

Die Studie ist ziemlich umstritten. Aber auch Harald Matthes selbst ist umstritten. Die "TAZ" wirft ihm Corona-Schwurbelei und Tricks bei der Impfpflicht in seinem Krankenhaus vor. 

Ein Blick in seine unveröffentlichte und noch nicht fertige Studie zeigt: Sie ist eine Online-Befragung. Hier einmal eine Frage und die Antwortmöglichkeiten:

Screenshot: Frage in der Impfsurv-Studie
Bildrechte: Screenshot

Nachprüfen lassen sich Matthes' Ergebnisse derzeit nicht – die Studie wurde noch nicht begutachtet und veröffentlicht. Es gibt nun reichlich Kritik an Matthes Aussagen.

Niemand scheint nachzuprüfen, ob die Befragten tatsächlich Nebenwirkungen hatten. Und: Es ist unklar, wie repräsentativ das Ganze ist.

Viele andere berichten darüber:

  • Der "Standard" schreibt, dass es unterschiedliche Definitionen gibt, was schwere Impfnebenwirkungen sind,
  • bei Twitter klickt jemand den Online-Fragebogen der Studie durch und kritisiert, dass kein Teilnehmer nachweisen muss, dass er geimpft wurde und
  • die "Zeit" wirft Matthes methodische Fehler vor, schreibt, dass die Charité sich von der Studie distanziert und zitiert einen Impfstoffexperten, der die Zwischenergebnisse von Matthes als fragwürdig bezeichnet – sie provozierten am Ende vor allem Spekulationen und bedienten Desinformationsnarrative zur Impfung.

Unsere Kollegen aus der MDR-Medienredaktion haben den letzten Punkt gut zusammengefasst.

Über eine Studie zu Impfungen und Nebenwirkungen haben meine Kolleginnen und Kollegen von MDR WISSEN im Februar geschrieben: Jede zweite Impf-Nebenwirkung ist ein Placebo-Effekt.

Studien, Befragungen, das Internet und die Wissenschaft

Ich bin wirklich kein Wissenschaftler, hadere aber nach dem heutigen Tag noch mehr mit dem Begriff "Studie". Denn was Matthes tatsächlich macht, ist eben eine Online-Befragung – wohl ohne irgendeinen Beweis für eine Impfung oder Impfreaktion.

Jeder kann auch jetzt noch an der Befragung teilnehmen. Ich habe mich vorhin durchgeklickt und fand manches befremdlich:

  • Man muss eine E-Mail-Adresse angeben, aber niemand überprüft, ob die echt ist.
  • Man kann sich eine E-Mail Adresse ausdenken und das Ganze mehrfach ausfüllen.
  • Man kann außerdem anklicken, dass man nicht geimpft ist und trotzdem in der nächsten Frage Impfnebenwirkungen in verschiedenen Schweregraden angeben.
  • Man kann angeben, dass man keine Beschwerde hätte und später sagen, dass man wegen Beschwerden beim Arzt war.
  • Es gibt auch die ziemlich allgemeine Frage, ob man sich "übermäßige Sorgen bezüglich verschiedener Angelegenheiten" mache.

Klar: Ich kann das jetzt so einfach schreiben und lächerlich machen. Aber ich weiß nicht, wie die Wissenschaftler hinterher mit solchen Antworten umgehen. Sie lassen sich ja aussortieren.

Die "Studie" sei eine "Beobachtungsstudie", heißt es. Ich bin auch kein Experte für wissenschaftliche Begriffe, aber dass bei einer – wie es aussieht – reinen Online-Befragung von "Studie" und "Beobachtung" gesprochen wird, finde ich seltsam.

(Aber ich fand in einer meiner Statistik-Vorlesungen an der Uni auch seltsam, als der Wissenschaftler dort sagte, dass Experimente mit Tieren unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen können, je nach dem, ob das Versuchstier sanft oder unsanft in die Experimentieranordnung gesetzt wurde.)

Was ich heute aber mal wieder gelernt habe: Niemand hat Anspruch auf DIE Wahrheit. Denn:

  • Natürlich gibt es Menschen, die nach einer Impfung schwere Beschwerden haben,
  • natürlich gibt es Menschen, die von Corona nix merken,
  • natürlich gibt es Menschen, die Long-Covid haben,
  • natürlich gibt es Menschen, denen es besser geht, obwohl sie kein Medikament bekommen haben und
  • natürlich gibt es Kinder, die nach den Corona-Lockdowns Schulangst haben.


Sie alle verdienen Aufmerksamkeit und Hilfe. Von Ärzten. Und von uns Medien.

Wir müssen einander ernst nehmen und uns zuhören.

In diesem Sinne: Einen schönen Abend, alles Gute und bis Mittwoch,

Marcel Roth

PS: Beim Stichwort zuhören empfehle ich Ihnen einfach mal ganz dreist einen Artikel von mir. Er zeigt vielleicht, dass Verwaltungen Expertinnen und Experten zuhören sollten, die sich mit IT auskennen.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 09. Mai 2022 | 11:00 Uhr

2 Kommentare

Brigitte Schmidt vor 20 Wochen

"Was ich heute aber mal wieder gelernt habe: Niemand hat Anspruch auf DIE Wahrheit."

Wie wahr, wie wahr, möchte man da ausrufen.
Eine tätige Anwendung des Gelernten wäre, Menschen mit anderer Meinung nicht mit dem Attribut umstritten zu markieren.
Ich habe nichts gegen eine kritische Auseinandersetzung. Diese kommt aber ohne derartige Vorverurteilungen und Kategorisierungen aus.

Gohlis vor 20 Wochen

Sorry, Herr Roth, aber entgegen Ihrer abwägend daherkommenden Diktion ist ihr Beitrag tendenziös. Was auch Ihr gutes Recht ist. Aber einerseits auf dem sehr dünnen Eis einer ebenfalls umstrittenen Studie zu behaupten, dass sich die Hälfte der Leute Impfnebenwirkungen nur einbilden, während LongCovid (wo es sogar mehr Studien gibt, die Placebo-Effekte suggerieren) auf diesen Seiten ständig gepusht wird, um die Leute in Angst und Schrecken zu halten, ist schlicht Doppelmoral bzw. double standards (das englische Wort trifft es hier besser).