Corona-Daten-Newsletter | Montag, 12. April 2021 Was hilft denn nun?

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Heute im multimedialen Corona-Daten-Update: In der Pandemie haben wir unzählige Maßnahmen kennengelernt. Auch wenn sie sich nicht komplett einig sind: Forscherinnen und Forscher haben herausgefunden, inwieweit die einzelnen Maßnahmen wirken. Wir versuchen herauszufinden, ob nächtliche Ausgangssperren wirken.

Einen schönen guten Abend,

Abstand halten, Hände waschen, Fenster öffnen, Masken tragen, Zuhause bleiben, wenige Menschen treffen, sich testen und impfen lassen: Das sind die wohl die wichtigsten Maßnahmen gegen die Pandemie.

Aber die Liste lässt sich noch fortsetzen: Ausgangssperren, Reisewarnungen, Grenzschließungen, Kontaktverfolgung, Veranstaltungsverbot, Quarantäne, Aufklärung, Schulschließungen, Betriebsschließungen, Schließung nicht system-relevanter Geschäfte, Schließung von Flughäfen und Bahnhöfen, Luftfilter, Testpflicht in Betrieben...

Sie sehen: Es gibt unzählige Maßnahmen, mit denen wir gegen das Virus ankämpfen. Eine davon wird uns in den nächsten Tagen sicher noch mehr beschäftigen: Ausgangssperren. Denn darüber wird gerade heftigst diskutiert, weil der Bund das Infektionsschutzgesetz verändern will.

Auch die Ministerpräsidenten von NRW und Bayern finden eine bundesweite Notbremse gut. Diese hatten Bundesländer und Bundesregierung ja Anfang März bereits vereinbart. "Warum setzen sie das nicht in ihren eigenen Ländern um", darf deshalb nicht nur FDP-Chef Christian Lindner fragen, sondern auch Sie und ich.

Aber was bringen all diese Maßnahmen? Ich habe versucht, das herauszufinden. Zunächst der Blick auf die aktuellen Zahlen.

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Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Dem Robert Koch-Institut (RKI) sind heute bundesweit 13.245 neu positiv Getestete gemeldet worden (Stand 8:25 Uhr). Das sind fast 5.000 mehr als vor einer Woche; vor einer Woche war aber auch Ostermontag und nicht alle Gesundheitsämter hatten Zahlen gemeldet.

Die meisten Neuinfektionen im Vergleich zum Vortag gab es heute in Bayern (+3.296), Nordrhein-Westfalen (+2.386) und Baden-Württemberg (+1.547). Die niedrigsten Werte wurden aus dem Saarland (+63) und aus Bremen (+104) gemeldet.

Die deutschlandweit höchsten 7-Tage-Inzidenzen verzeichnen laut RKI nach wie vor unsere drei Bundesländer: Thüringen (228), Sachsen (204) und Sachsen-Anhalt (174).

Im Folgenden nun die Zahlen nach Angaben der Sozialministerien und Landkreise aus unseren drei Bundesländern. (Die Werte weichen in der Regel von denen des RKI ab, da sie etwas aktueller sind. Außerdem ordnet das RKI nachgemeldete Zahlen dem tatsächlichen Erkrankungs- oder Meldedatum zu, auch wenn sie dadurch aus der Zeitspanne der sieben Tage herausfallen.) Und wie immer: Heute ist Montag; da können die Zahlen auch nicht ganz so exakt sein.

Sachsen

  • Aktive Fälle: 17.845 ↘ (-7 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 361 (+35), davon 200 beatmet (+6)
  • Intensivbetten: 1.489 belegt, 216 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 8.661 (+15)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 210.650 (+800)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 237.156 (+808)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 10.681 ↘ (-974 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 233, davon 131 beatmet
  • Intensivbetten: 618 belegt, 73 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 3.544 (+19)
  • Zahl der genesenen Patienten: 89.098 (+1.362)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 103.323 (+407)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 6.529 ↘ (-171 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 135 (+7), davon 64 beatmet (+/-0)
  • Intensivbetten: 707 belegt, 110 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 2.877 (+15)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 70.302 (+436)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 79.708 (+280)

Deutschlandweit wurden dem RKI in den vergangenen 24 Stunden 99 neue Tote gemeldet. 49 Tote haben unseren drei Bundesländern heute gemeldet.

Alle Grafiken und weiteren Zahlen finden Sie hier in den Übersichten der Kolleginnen und Kollegen.

Maßnahmen, ihre Wirkungen und was wir darüber wissen

Vor allem der letzte Teil der Überschrift ist der entscheidende: Welche Maßnahme wie effektiv wirkt – darüber gibt es keine einheitliche wissenschaftliche Meinung. (Das liegt auch daran, dass es keine Vergleichsgruppen gibt. Die sind sonst in wissenschaftlichen Experimenten üblich, aber jetzt natürlich unethisch: Eine Bevölkerungsgruppe ohne Maßnahmen mit einer oder mehreren zu vergleichen, in der es verschiedene Maßnahmen gibt – das geht nicht.)

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen machen das an Zahlen fest; in diesem Fall vor allem am R-Wert. Er gibt an, wie viele weitere Menschen eine infizierte Person ansteckt.

Aber bevor wir darauf schauen: Bei der Recherche bin ich gerade auf eine sehr anschauliche Seite von "ZDF heute" gestoßen. Dort gibt es einen schönen Vergleich: Jede Maßnahme ist wie eine löchrige Käsescheibe. Legt man mehrere Käsescheiben übereinander, sind keine Löcher mehr zu sehen.

Ein Stop-Piktogramm an einer Rolltreppe leuchtet am späten Abend nach Beginn der Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie in der Innenstadt.
Nächtliche Ausgangssperren in Pandemie: Diese Rolltreppe ist schon gesperrt. Bildrechte: dpa

Ich bin natürlich nicht der erste, der sich mit dem Thema beschäftigt hat. Kollegen vom Bayerischen Rundfunk und vom RBB haben im vergangenen Herbst schon einmal geschaut:

Der RBB-Kollege schaut auf zwei Studien; eine aus Oxford und eine aus Wien. Ein Ergebnis: Viele Maßnahmen sind wirksamer als weniger. Eine der wirksamsten ist das Verbot, sich in kleinen Gruppen zu treffen. Das reduziert den R-Wert um 0,2 bis 0,33. Wenn nur systemrelevante Geschäfte geöffnet sind, senkt das den R-Wert um 20 bis 50 Prozent.

Der BR schaut auf eine Studie aus Toronto. Sie hat elf Maßnahmen untersucht. Kernaussage auch hier:  Die wichtigsten Maßnahmen (z.B. die Empfehlung Zuhause zu bleiben und ein Veranstaltungsverbot) können den R-Wert um etwa 49 Prozent senken. Jede weitere Maßnahme kann ihn um bis zu 10 Prozent senken.

Neuere Studien aus diesem Februar und dem März hat sich das ZDF angeschaut. Außerdem versuchen die Kollegen herauszufinden, wie Ausgangssperren wirken. 

Was für und was gegen Ausgangssperren spricht

Eine Studie der Uni Oxford kommt laut ZDF zu dem Schluss, dass nächtliche Ausgangsbeschränkungen die Verbreitung des Covid-19-Erregers um rund 13 Prozent reduzieren können. Aber klar ist auch:

  • Einfache Kontaktbeschränkungen haben den größten Effekt auf die Infektionszahlen (Schulschließungen, maximal zehn Personen, geschlossene Bars, Restaurants oder Fitness-Studios).
  • "Der zusätzliche Effekt von Ausgangssperren war vergleichsweise gering."

Die "Zeit" zitiert eine noch unveröffentlichte britische Studie. Danach senkt eine nächtliche Ausgangssperre den R-Wert um sechs bis 20 Prozent – nicht riesig aber merkbar, sagt eine Virologin aus Braunschweig.

Auch die Tagesschau-Faktenfinder fragen heute: Sind Ausgangssperren unverhältnismäßig oder effektiv? Bei den Kollegen geht es vor allem um nächtliche Mobilitätsdaten.

Menschenleer zeigt sich am späten Abend nach Beginn der Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie die Innenstadt von Hannover
Menschenleere Innenstädte: Noch mehr als ohnehin schon durch Ausgangssperren? Bildrechte: dpa

Mobilitätsforscher Kai Nagel von der TU Berlin hat Simulationen durchgerechnet, wie Ausgangssperren wirken. Seine Erkenntnisse kann man gut lesen (PDF), sie sind nämlich auf deutsch. Nagel sagt, eine abendliche und nächtliche Ausgangssperre würde vor allem private Kontakte reduzieren. Er sagt aber auch:

  • "Es ist allerdings anzunehmen, dass die Bevölkerung mittelfristig auf frühere Besuchszeiten ausweicht, insofern ist dies ein Werkzeug, welches relativ schnell stumpf werden dürfte."

Ein lebensnaher Satz folgt:

  • "Unser Eindruck ist derzeit, dass Regeln, die nicht sehr klar sind, nicht gut befolgt werden."

Plausibel erscheint es den Forschern deshalb, die Regeln deutlicher zu formulieren:

  • "Bis auf Weiteres bei beliebiger Inzidenz: private Kontakte nur mit Schutzmaßnahme."

Oder:

  • "Falls die Schutzmaßnahmen nicht ausreichend eingehalten werden: Ausgangssperre nach 21 Uhr für private Kontakte oder vollständiges Verbot privater Kontakte wie in Großbritannien."

Ein Mann in einer Interviewsituation
SPD-Gesundheits-Experte Karl Lauterbach befürwortet Ausgangssperren. Bildrechte: ARD

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat heute zu der Diskussion geschrieben:

  • "Treffen am Abend beginnen oft draußen und enden drinnen. Studien zeigen daher erwartungsgemäß, dass Ausgangsbeschränkungen wirken."
  • "Risiko besteht in Innenräumen: stimmt. Risiko besteht NUR in Innenräumen: falsch."

Auch wenn sich die Wissenschaft nicht hundertprozentig einig ist: Mein Eindruck ist, nächtliche Ausgangssperren von 21 bis 5 Uhr über einer Inzidenz von 100, wie sie der neue Entwurf des Infektionsschutzgesetzes jetzt vorsieht, sind vor allem ein Zeichen.

Ein Zeichen dafür, dass es ernst ist in der dritten Welle und dass es an jedem und jeder von uns liegt.

Drei Millionen Corona-Fälle in Deutschland

Das RKI hat seit heute mehr als drei Millionen Corona-Infektionen seit Beginn der Pandemie erfasst. Zuletzt kamen 13.000 neue Fälle hinzu – ein deutlicher Anstieg. Doch das RKI weist auf Unsicherheiten hin.

"Drinnen lauert die Gefahr"

Aerosolforscher kritisieren die Debatten über Treffen in Biergärten oder Joggen im Freien. Damit setzten die Corona-Maßnahmen an der falschen Stelle an. Stattdessen müsse der Schutz in Innenräumen verstärkt werden.

Was heute sonst noch passiert ist

In Thüringen und Sachsen-Anhalt sind viele Schulen heute mit Tests gestartet. 

Zum Schluss

Einen Lese-Tipp habe ich noch für Sie: Ein Artikel in der "Zeit", der mich am Wochenende beschäftigt hat. Er ist überschrieben mit: "Ist die EU zu doof?" Und es geht darum, dass Großbritannien, die USA und Israel weiter beim Impfen sind als die EU und dass Großbritannien vor allem soweit ist, weil Impfstoff aus der EU importiert wurde.

Was bei mir hängen blieb: Dass es für eine Pandemie (ein weltweites Ereignis!) nicht hilfreich ist, wenn unsolidarisch gehandelt wird und dadurch sehr unterschiedliche Impfquoten entstehen (begünstigt nämlich Mutationen). Im Kopf geblieben ist mir dabei der schöne Vergleich: Steht bei einer Theateraufführung jemand auf, um besser zu sehen, beginnen auch andere, aufzustehen. Am Ende stehen alle – aber besser sehen kann niemand.

Einen schönen Abend und alles Gute
Marcel Roth   

P.S.: Wenn Sie jetzt etwas sehr, sehr Schräges sehen wollen: Bei Youtube ist gerade ein sowjetischer Fernsehfilm aufgetaucht, der 1991 ausgestrahlt wurde: "Khraniteli". Es ist die einzige sowjetische Adaption von – halten Sie sich fest – J.R.R. Tolkiens "Herr der Ringe". Das wirkt heute bizarr, ist aber vielleicht gut, um Russischkenntnisse aufzufrischen.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 11 | 12. April 2021 | 11:00 Uhr

4 Kommentare

MDR-Team vor 4 Wochen

Hallo DermbacherIn, bitte schauen Sie hier https://www.mdr.de/wissen/corona-zweite-welle-mehr-kinder-infiziert-pcr-bekannt-100.html. Zudem gibt es beim RKI auf der Unterseite "SARS-CoV-2: Antikörper-Studien des RKI" eine Übersicht. Viele Grüße aus der MDR.de-Redaktion

DermbacherIn vor 4 Wochen

Vor einhundert Jahren hätte man noch Extrablatt, Extrablatt ... Gerufen:
"Neuste Studien – Variante B.1.1.7 doch nicht tödlicher"
Was beweist, dass Studien zu dem ein und denselbem Thema oftmals entgegengesetzte Aussagen treffen.
Was aber bis heute noch fehlt, sind die vom RKI am 09.04.2020 grossangekündigten bundesweiten Antikörperstudien, aber es ist bei der Ankündigung vor einem Jahr geblieben.

DermbacherIn vor 4 Wochen

Da zeigt sich wieder, dass die wenigsten die Inzidenzen auf die tatsächliche Anzahl von Personen umrechnet.
Eine Inzidenz von 200 bedeutet, dass sich pro Woche 2 Personen von 1000 Personen anstecken dürfen, Pro Woche nicht pro Tag.

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