Corona-Daten-Newsletter | Montag, 13. September 2021 Was tun?!

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Im multimedialen Corona-Daten-Update: Eine Impfwoche startet. Lassen sich Impfgegner überzeugen? Und wie viele Kranke und Tote müssen und können wir akzeptieren? Und was taugt die Hospitalisierungsrate?

Ein Schild mit der Aufschrift "Ich will keine Impfung" steht am Rande einer Kundgebung von Anhängern von Verschwörungstheorien zur Corona-Krise im Groߟen Garten auf einer Wiese.
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Einen schönen guten Abend!

Es sind verrückte Zeiten. Zeiten des Umbruchs und der Verunsicherung. In unserem E-Mail-Postfach corona-newsletter@mdr.de sind in den vergangenen Tagen einige E-Mails angekommen, die wir mitunter etwas hilflos lesen. Darüber will ich Ihnen heute schreiben.

Außerdem soll es um den neuen Wert der Hospitalisierungsrate gehen, also die Zahl der Menschen, die wegen Corona im Krankenhaus sind. Dieser Wert soll der wesentliche Maßstab für Corona-Maßnahmen sein.

Als erstes möchte ich Ihnen aber eine Frage stellen:

Mein MDR AKTUELL Kollege Andre Seifert hat das recherchiert. Seinen Radio-Beitrag können Sie auch hier nachlesen (denn es gibt ja auch immer einen Text, wenn wir im Radio etwas erzählen). Andre zitiert den Virologen Alexander Kekulé, der in etwa sagt: doppelt hält besser – vor allem, wenn ein Geimpfter oder eine Geimpfte ein Alten- oder Pflegeheim besuchen will. Und Andre sagt, dass das israelische Gesundheitsministerium davon ausgeht, dass eine Impfung das eigene Ansteckungsrisiko nur noch zu 39 Prozent verhindere und Geimpfte eine ähnlich hohe (aber schneller wieder sinkende) Viruslast haben wie Ungeimpfte. 

Kurz und gut: Geimpfte sind nicht ganz so ansteckend, aber sie sind es.  

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Was tun?

Wir müssen eines in unser aller Köpfe bekommen: Dieses Virus verschwindet nicht mehr. Expertinnen und Experten nennen das "endemisch". Und wenn wir das als Gesellschaft anerkennen, tauchen schwierige Fragen auf. Die hat der Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt (*) gestern bei Twitter aufgeworfen:

  • Wie sieht dieser endemische Zustand aus und was bedeutet er?
  • Welches Niveau von Krankheit und Tod durch Corona müssen und wollen wir akzeptieren?
  • Wie ehrlich reden wir darüber?

Kupferschmidt schreibt nach seinem Gespräch mit einem britischen Infektiologen: "Ein Land mit einer bestimmten Durchimpfungsrate muss entweder ein bestimmtes Maß an Todesfällen oder ein bestimmtes Maß an Einschränkungen (oder eine Mischung davon) in Kauf nehmen." So wie wir das auch bei Grippe oder Malaria tun. Verschiedene Länder könnten unterschiedliche Schwellenwerte haben.

Für Großbritannien nennt der Infektiologe zum Beispiel diese Zahlen:

  • etwa 100 Todesfälle pro Tag,
  • 30.000 Todesfälle pro Jahr.

Die Zahlen seien "in der gegenwärtigen Situation mit den gegenwärtigen Impfstoffen, den gegenwärtigen Behandlungen, den gegenwärtigen Kapazitäten innerhalb des Systems, ein Niveau, das letztendlich akzeptabel sein müsste."

Wenn das Virus nun endemisch wird, würden wahrscheinlich die Länder am schlechtesten dastehen, in denen Impfungen und Maßnahmen wie Masketragen die Menschen polarisieren.

(* Kupferschmidt war übrigens einer der ersten, der im Februar vergangenen Jahres in der "Zeit" analysiert hat, Europa stehe vor einer Pandemie, nachdem der Plan gescheitert war, das Virus auf China zu begrenzen.)

Bundesweite Impfwoche

Heute startete eine bundesweite Impfwoche, bei der sich Menschen ohne Termin an vielen Orten impfen lassen können. Das ist die offizielle Internetseite dazu. Haben Sie eigentlich außerhalb des Internets schon Werbung für Impfungen ohne Termine gesehen?

Host Marvin von MDR SPUTNIK Deine Meinung.
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Die Impfquote in Deutschland heute: 62,2 Prozent aller Menschen sind vollständig geimpft. 

Schaut man auf die Menschen, die sich auch tatsächlich impfen lassen können (also alle, die älter als 12 Jahre sind), sind mehr als zwei Drittel schon einmal geimpft.

Wie groß ist die Zahl derer, die sich nicht impfen lassen wollen? Der harte Kern der Impfgegner liegt bei unter fünf Prozent, sagte Psychologin und Verhaltensökonomin Katrin Schmelz heute der Tagesschau. Die große Masse der Ungeimpften seien also Menschen, die man gut erreichen könne, allerdings außerhalb des Internets. Diese müsse man durch Aufklärung überzeugen. Impfbereitschaft sei ansteckend.

Was tun!

Drohungen und Kundgebungen in Sachsen wegen einer Impfung? Wie soll das helfen? Es kann eines helfen, glaube ich: mehr miteinander reden. Meinetwegen auch streiten. Aber ganz klar: Wir müssen die Fakten anerkennen.

Wir bekommen E-Mails, in denen jemand schreibt, jetzt würden auch Ungeborene im Bauch der Mütter "vergiftet" und in denen kurze Zeit später der Satz steht: "Natürliche evolutionsbiologische Auslese, wer überlebt und wer nicht." Oder eine E-Mail mit dem Satz "Diese Impfung dürfte nicht mal Impfung heißen."

Auch wenn der erste Satz menschenverachtend ist, zeigen mir solche E-Mails zwei Dinge:


  • Zum einen, dass es auf der Welt viele Informationen gibt, die falsch, missverständlich oder vielleicht nicht ganz korrekt sind.
  • Und zum anderen, dass sich viele Menschen sorgen oder gar Angst haben.

Und wissen Sie was: Das ist total normal und vermutlich nicht einmal neu.

Interessant ist ja, dass wir in dem Zusammenhang schnell von "Verschwörungstheorien" reden und damit Menschen aburteilen. Klar, es gibt Verschwörungstheorien, die sind kompletter Unfug (Chemtrails) oder gar antisemitisch und rassistisch. Aber es gab auch welche, in denen ein Fünkchen Wahrheit steckt.

Erinnern Sie sich an die Watergate-Affäre? Die galt erst als Verschwörungstheorie zweier Journalisten. Oder dass uns Geheimdienste digital abhören können? Eine Verschwörungstheorie, die Edwards Snowdens Enthüllungen bestätigt haben. Massenvernichtungswaffen im Irak? Eine Verschwörungstheorie, die sich als falsch herausgestellt hat.

Ich habe darüber in der vergangenen Woche mit dem Soziologen Dr. Andreas Anton gesprochen, von dem gerade das Buch "Der Kampf um die Wahrheit. Verschwörungstheorien zwischen Fake, Fiktion und Fakten" erschienen ist. Wenn Sie mögen, hören Sie gern rein. Ab 1:02:45.

Digital leben

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Marcel Roth und Stephan Schulz haben mit den sieben spannendsten Start-Ups aus Sachsen-Anhalt gesprochen. Alle Ideen finden sie ziemlich spannend.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Do 15.07.2021 17:00Uhr 92:17 min

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Und um wieder zu Corona zurückzukommen. Anton sagt, er findet es erstaunlich, wie sich eine Verschwörungstheorie verändert hat: Die, dass das Virus aus einem Labor stammen könnte. Anfangs direkt als Quatsch verurteilt, mittlerweile gab es eine Untersuchung der WHO und auch US-Präsident Biden hatte seine Geheimdienste aufgefordert, die Hypothese zu prüfen. Ohne eindeutiges Ergebnis.

Was also zu tun ist: Fakten anerkennen, offen über alles reden, Fehler eingestehen und auch einmal seine Meinung ändern können.

Oder wie sehen Sie das? Welche Dinge haben Sie über Corona gelesen oder gesehen, bei denen Sie sich nicht sicher waren, ob das Behauptete stimmt? Welche Diskussion um die Impfung haben Sie geführt?

Schreiben Sie uns gern: corona-newsletter@mdr.de oder antworten Sie auf diese E-Mail.

Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Dem Robert Koch-Institut (RKI) sind heute am Montag, den 13. September 2021 bundesweit 5.511 neu positiv Getestete gemeldet worden (Stand 8:45 Uhr). Im Vergleich zum Montag vor einer Woche ist die Zahl der gemeldeten Neuinfizierten um mehr als 760 höher.

Die meisten Neuinfektionen im Vergleich zum Vortag gab es heute in Badaen-Württemberg (+1.976), Bayern (+1.196) und Nordhrein-Westfalen (+987). Die niedrigsten Werte wurden aus Berlin (+18), Sachsen-Anhalt und dem Saarland (jeweils +19) gemeldet.

Die höchsten 7-Tage-Inzidenzen laut RKI verzeichnen Bremen (117,3), Hessen (103,9) und Nordrhein-Westfalen (99,3). Die Inzidenz in Sachsen beträgt 43,6; in Sachsen-Anhalt 27,3 und in Thüringen 45,4.

Sachsen

  • Aktive Fälle: 3.551 (+22 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 36 (+2), davon 16 beatmet
  • Intensivbetten: 1.233 belegt, 248 frei, davon 115 Covid-spezifisch
  • Impfquote: 56,4 Prozent (Erstimpfung), 53,1 Prozent (Zweitimpfung)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 10.259 (+/-0)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 279.150 (+130)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 292.960 (+152)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 1.747 (+24 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 12 (+/-0), davon 8 beatmet
  • Intensivbetten: 515 belegt, 127 frei, davon 50 Covid-spezifisch
  • Impfquote: 59,4 Prozent (Erstimpfung), 57,2 Prozent (Zweitimpfung)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 4.448 (+/-0)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 126.585 (+52)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 132.780 (+76)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 1.044 (+11 zum Freitag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 6 (-1), davon 2 beatmet
  • Intensivbetten: 620 belegt, 127 frei, davon 48 Covid-spezifisch
  • Impfquote: 61,9 Prozent (Erstimpfung), 59,1 Prozent (Zweitimpfung)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 3.500 (+2)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 97.427 (+180)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 101.971 (+193)

Alle Grafiken und weiteren Zahlen finden Sie hier in den Übersichten der Kolleginnen und Kollegen.

Puh. Ich wollte oben gar nicht so lang werden. Deswegen hier jetzt auf die Schnelle ein paar Sätze zum neuen wichtigen Wert für mögliche Einschränkungen.

Die Hospitalisierungsrate

Sie soll die Inzidenz ablösen. Das haben Bundestag und Bundesrat in der vergangenen Woche beschlossen. Wenn ich das richtig verstanden habe, aber ohne einen konkreten Wert zu nennen. Den sollen die Landesregierungen festlegen.

Hospitalisierungsrate meint, wie viele von 100.000 Menschen wegen Corona innerhalb der vergangenene sieben Tage in Krankenhäuser aufgenommen werden, sowohl auf normale als auch auf Intensivstationen. Das Robert Koch-Institut veröffentlicht diese Zahlen, deutschlandweit und auch nach Bundesländern sortiert. Als Hinweis steht auf der Seite: "Die letzten 14 Tage sind grau unterlegt, da durch Übermittlungsverzug die Werte in gewissem Maß unterschätzt werden können."

Die Zahlen könnten also höher liegen und wir wissen erst nach 14 Tagen, wie hoch sie genau sind. Kolleginnen und Kollegen von "Zeit Online" haben sich das gerade genauer angeschaut. Ihr Ergebnis: Der tatsächliche Wert liegt durchschnittlich 79 Prozent höher als vom RKI angegeben. Ihre Einschätzung deshalb: Die Lage in den Kliniken wird systematisch unterschätzt und für Entscheidungen in der Pandemie ist diese Hospitalisierungsrate nicht aktuell genug.

Und jetzt bin ich auch etwas ratlos, inwieweit uns alte Zahlen helfen sollen, die aktuelle Lage richtig einzuschätzen.

Aber ich kann Ihnen versprechen: Für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen schaut sich das unser Datenjournalist Manuel Mohr am Donnerstag genauer an. Vielleicht sind wir dann alle schlauer. (Ich könnte in Manuels Gesichtsausdruck von heute Mittag etwas hineininterpretieren, lasse das aber mal lieber.)

Was heute außerdem los war

Ich freue mich auf Ihre E-Mails, wünsche Ihnen einen schönen Abend. Wir lesen uns am Mittwoch wieder.

Alles Gute
Marcel Roth

PS: Eine 45-minütige Doku, die ich nachher anschaue: "Die Reise der Valdivia". Es geht um den Ozeandampfer Valdivia, der vor 120 Jahren zur ersten deutschen Tiefsee-Expedition aufgebrochen ist.

Der Chef von MDR WISSEN hat mir den Film vorhin ans Herz gelegt: Ein Professor aus Leipzig habe die Expedition angeleiert und den Reichstag damals zum ersten Mal davon überzeugt, richtig viel Geld für Forschung auszugeben. Außerdem zeige die Doku, wie gefährlich es sein könne, wenn Menschen in andere Lebensräume eindringen würden. Forschung, Politik und die Auswirkungen menschlichen Handelns – in diesem Spannungsfeld leben wir wohl nicht erst seit anderthalb Jahren.

Die Reise der Valdivia. Die erste deutsche Tiefsee-Expedition 45 min
Bildrechte: MDR Fernsehen

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 10. September 2021 | 13:11 Uhr

1 Kommentar

DermbacherIn vor 1 Wochen

Die grassierende Verantwortungslosigkeit der Akteure in Politik, Medien, Wissenschaft und Verwaltungen, das Vorhandensein wirksamer, temporärer und auch politischer Alternativen, die mutmaßlich willkürliche und wahrscheinlich ideologisch motivierte Verzögerung der Zulassung herkömmlicher Impfstoffe rechtfertigt durchaus, dass sich das Individuum dem konstruierten informellen (Impf)Zwang entzieht. Es handelt damit alles andere als unsolidarisch, im Gegenteil.

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