Corona-Daten-Newsletter | Montag, 20. Dezember 2021 Warnung vor noch Schlimmerem

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Im multimedialen Corona-Daten-Update: Der neue Experten-Rat der Bundesregierung sieht kritische Infrastrukturen durch die explosionsartige Ausbreitung der Omikron-Variante bedroht und macht Vorschläge zur Abmildung. Bund und Länder beraten morgen – die Beschlussvorlage ist bereits bekannt. Und: das Problem Long Covid.

Eine Krankenpflegerin arbeitet in Schutzkleidung in einem Krankenzimmer auf der Intensivstation des Uniklinikums.
Bildrechte: dpa

Einen schönen guten Abend!

Ja, auch die Weihnachtswoche hat einen Montag und ja, auch der hat mal wieder keine guten Nachrichten: Der Pandemie-Rat der Bundesregierung warnt vor sehr heftigen Auswirkungen der Omikron-Welle. Und nicht nur er. Am Nachmittag wurden Vorschläge für Maßnahmen ab dem 28. Dezember bekannt. Außerdem: Wir wollen von Ihnen wissen, was Sie sich für 2022 wünschen: corona-newsletter@mdr.de

Professor Achim Kaasch berät Sachsen-Anhalts Landesregierung. Er glaubt, dass wegen Omikron Kontaktbeschränkungen kommen werden. Und er sagt: "Wir werden mit der Gesundheitsversorgung in große Schwierigkeiten kommen."

Die Omikron-Wand

In der vergangenen Woche hatte die Bundesregierung 19 Expertinnen und Experten in ein Beratergremium berufen. Der Expertenrat hat gestern seine erste Stellungnahme veröffentlicht (PDF), der alle 19 Experten zugestimmt haben. Als ich die zwei Seiten der Stellungnahme gelesen habe, ist mir angst und bange geworden.

Die Experten sorgen sich sehr.

Denn die Omikron-Variante bringe eine neue Dimension der Pandemie. Sie könne sich explosionsartig verbreiten (Verdopplungszeit von zwei bis vier Tagen) und auch mehr Genesene und Geimpfte anstecken.

Das ist mal wieder dieses exponentielle Wachstum. Beispiel Großbritannien: Dort gab es Anfang Dezember 32 Omikron-Fälle, eine Woche später, am 8. Dezember waren es 536 – und am 14. Dezember waren es mehr als 10.000 neue Fälle.

Wie die Impfungen wirken, ist noch nicht endgültig klar. Die drei Sätze der Experten dazu:

  • "Der Schutz vor schwerer Erkrankung bleibt wahrscheinlich teilweise erhalten."
  • "Mehrere Studien zeigen einen deutlich verbesserten Immunschutz nach erfolgter Boosterimpfung mit den derzeit verfügbaren mRNA-Impfstoffen."
  • "In Deutschland ist jedoch aufgrund der vergleichsweise großen Impflücke, die insbesondere bei Erwachsenen besteht, mit einer sehr hohen Krankheitslast durch Omikron zu rechnen."

Was in dieser Deutlichkeit neu ist: Der Expertenrat sieht durch die Omikron-Welle die sogenannten kritischen Infrastrukturen bedroht. Denn wenn Omikron um sich greife, würden viele Menschen krank werden oder kranke Angehörige betreuen oder in Quarantäne müssen. Auch die Beschäftigten in den kritischen Infrastrukturen.

Zu kritischen Infrastrukturen gehören allgemein Polizei, Feuerwehr, Wasser-, Gas- und Stromversorgung, Telekommunikations-, Logistik- und Ernährungsindustrie, Finanzwesen, Medien und natürlich das Gesundheitswesen. Also die Mindest-Grundstrukturen, die eine moderne Gesellschaft benötigt.

Im bisherigen Verlauf der Pandemie haben wir zu Recht vor allem auf die Krankenhäuser geschaut. Das gilt auch weiterhin. Aber Omikron ändert alles.

Die Experten schreiben:

  • "Sogar wenn sich alle Krankenhäuser ausschließlich auf die Versorgung von Notfällen und dringlichen Eingriffen konzentrieren, wird eine qualitativ angemessene Versorgung aller Erkrankten nicht mehr möglich sein."
  • "Eine strategische Patientenverlegung kann aufgrund der zu erwartenden flächendeckend hohen Belastung nicht mehr nennenswert zu einer regionalen Entlastung beitragen."

Auf ihren Schutz müssten sich Bund, Länder, Städte und Gemeinden sofort vorbereiten, schreibt der Expertenrat. Bundeswehr, THW und Hilfsorganisationen sollten frühzeitig eingebunden, Testkapazitäten und Versorgungsketten sichergestellt werden.

Das Bild, was ich gerade vor Augen habe: Mobilmachung.

Was schlagen die Experten vor?

  • Boosterkampagne ausweiten,
  • Aber allein Boostern reicht nicht aus, Kontaktbeschränkungen seien nötig.
  • Kontaktbeschränkungen sollten gut geplant und kommuniziert werden.
  • Bevorzugt sollten FFP2-Masken getragen werden.
  • Wer sich an den Festtagen trifft, sollte einen Schnelltest machen.

"Bei allen Entscheidungen müssen die Interessen besonders belasteter und vulnerabler Gruppen, wie beispielsweise Kinder, Jugendliche oder Pflegebedürftige höchste Priorität erhalten."

Die besondere Herausforderung: "Die Omikronwelle trifft auf eine Bevölkerung, die durch eine fast zweijährige Pandemie und deren Bekämpfung erschöpft ist und in der massive Spannungen täglich offenkundig sind."

Karl Lauterbach
In hohem Tempo boostern. Damit will Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) die sich anbahnende Omikron-Welle abbremsen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Einen Lockdown wie in den Niederlanden vor Weihnachten - den werden wir hier nicht haben", sagte Lauterbach im "Bericht aus Berlin".

Robert Habeck hält eine Rede
Man müsse nicht alles lahmlegen, aber die Maßnahmen weiter schärfen, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ich bin mir sicher, dass Clubs und Diskotheken schließen werden, dass wir die Kontakte auch für Geimpfte in Innenräumen reduzieren werden", sagte Habeck im Deutschlandfunk.

Was gegen die Omikron-Wand helfen soll

Morgen um 16 Uhr beraten die Chefs und Chefinnen der Länder mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) über die Lage.

Am Nachmittag berichten "Spiegel", "Zeit" und Tagesschau über die Beschlussvorlage, die Bund und Länder morgen abstimmen. Darin gibt es:

den Appell, die Kontakte an Weihnachten zu begrenzen.

Und die Regeln:

  • Ab dem 28. Dezember sollen private Zusammenkünfte von Geimpften und Genesenen drinnen wie draußen auf maximal zehn Personen begrenzt werden. Kinder bis 14 Jahre seien davon ausgenommen.
  • Sobald eine ungeimpfte Person teilnimmt, sollen Treffen auf den eigenen Haushalt und höchstens zwei Personen eines weiteren Haushaltes beschränkt werden.
  • Großveranstaltungen im Sport- und Kulturbereich soll eine Maximalgröße festgelegt werden.
  • Die Finanzhilfen des Bundes sollen verlängert werden.

Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Dem Robert-Koch-Institut (RKI) sind heute bundesweit 16.086 neue bestätigte Corona-Infektionen gemeldet worden (Stand 6:30 Uhr).

Die bundesweite Inzidenz beträgt 316,0. Unsere drei Länder liegen über diesem Wert: In Thüringen beträgt die Inzidenz 814,7. In Sachsen 719,2. Und in Sachsen-Anhalt 659,7.

Es sind die höchsten Inzidenzen in ganz Deutschland. Alle anderen Länder außer Brandenburg haben Inzidenzen unter 500. Am niedrigsten ist der Wert in Schleswig-Holstein: 168,4.

Deutschlandweit haben sich bisher 58.444.931 Menschen vollständig impfen lassen. Die Impfquote ist damit über 70 Prozent (70,3), die Quote für die Auffrischungsimpfung auf über 30 Prozent (31,5) gestiegen.

Deutschlandweit sind 119 Menschen gestorben. Mehr als die Hälfte davon in Mitteldeutschland.

Im Folgenden nun die Zahlen von Behörden und Landkreisen, auf die sich die Länderministerien beziehen. Diese Werte können unter Umständen von denen des RKI abweichen, da sie meist etwas aktueller sind.

Sachsen

  • Aktive Fälle: 70.145 (-4.140 zum Vortag)
  • Hospitalisierungsrate*: 7,3 (-1,63)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 578 (-1), davon 305 beatmet, 20 freie COVID-19-Intensivbetten
  • Impfquote: 59,6 Prozent (vollständig geimpft)
  • 12-17 Jahre: 31,8 Prozent
  • 18-59 Jahre: 61,2 Prozent
  • 60+ Jahre: 80,3 Prozent
  • Auffrischungsimpfung: 24,9 Prozent
  • Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19: 12.342 (+39)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 45.934 ↘ (-2.347 zum Vortag)
  • Hospitalisierungsrate*: 15,47 (-4,39)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 225 (+7), davon 126 beatmet, 28 freie COVID-19-Intensivbetten
  • Impfquote: 64,5 Prozent (vollständig geimpft)
  • 12-17 Jahre: 37,2 Prozent
  • 18-59 Jahre: 67,2 Prozent
  • 60+ Jahre: 83,7 Prozent
  • Auffrischungsimpfung: 27,8 Prozent
  • Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19: 5.660 (+20)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 30.412 ↘ (-8.098 zum Freitag)
  • Hospitalisierungsrate*: 10,36 (+1,7)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 173 (+6), davon 101 beatmet, 20 freie COVID-19-Intensivbetten
  • Impfquote: 66,8 Prozent (vollständig geimpft)
  • 12-17 Jahre: 34,3 Prozent
  • 18-59 Jahre: 69,8 Prozent
  • 60+ Jahre: 85,9 Prozent
  • Auffrischungsimpfung: 27,7 Prozent
  • Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19: 4.108 (+28)

* Die Hospitalisierungsrate beschreibt die 7-Tage-Inzidenz der hospitalisierten COVID-19-Fälle. Durch Übermittlungsverzug wird die Rate in gewissem Maß unterschätzt werden, schreibt das RKI. Auch Recherchen der "Zeit" und des "Spiegel" zeigen das. Ein deutschlandweit gültiger Grenzwert dafür, welche Maßnahmen eine bestimmte Hospitalisierungsrate nach sich ziehen, wurde nicht festgelegt. Die Bundesländer beziehen die Rate derzeit in komplexe Berechnungen ein (Sachsen und Thüringen) oder überlassen die Entscheidung über Maßnahmen den einzelnen Landkreisen (Sachsen-Anhalt). Warum die Hospitalisierungsrate in der jetzigen Form als neue Corona-Kennzahl untauglich ist, erklärt MDR-Datenjournalist Manuel Mohr in diesem Artikel.

(Quellen: Schätzung der aktiven Fälle: eigene Berechnung, LAV Sachsen-Anhalt, TMASGFF, Sozialministerium Sachsen | Hospitalisierungsrate: RKISozialministerium SachsenTMASGFF | IntensivpatientenDivi | Impfquote: RKI | Todesfälle: LAV Sachsen-Anhalt, TMASGFF, Sozialministerium Sachsen, RKI)

Alle Grafiken und weiteren Zahlen finden Sie hier in den Übersichten der Kolleginnen und Kollegen.

40 Prozent der Infizierten leiden unter Langzeitfolgen

40 Prozent der Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, haben nach sechs Monaten Long-Covid-artige Symptome. Das hat eine Studie der Universitätsmedizin Mainz herausgefunden. Long Covid würde sowohl Menschen betreffen, die von ihrer Infektion wissen, als auch Menschen, die das nicht wussten.

Fast ein Drittel der Betroffenen spürt dauerhaft Einschränkungen. Frauen sind stärker betroffen als Männer.

Der Tagesspiegel schreibt, bereits eine halbe Million Menschen in Deutschland würden unter Long Covid leiden und zitiert eine Expertin der Charité.

Betroffene würden unter ständige Müdigkeit, Atemnot, Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, Wortfindungsstörungen, Muskelschwäche oder Depressionen leiden. Besonders schlimme Fälle bezeichnen die Ärzte als "Chronisches Fatigue Syndrom" – dabei ginge die krankhafte Erschöpfung mit schweren Kopfschmerzen einher.

Um sich für die Versorgung der Betroffenen besser zu vernetzen und die Forschung voranzutreiben, haben Ärzte heute einen Fachverband gegründet. Stellvertretender Vorsitzender des Fachverbandes soll der Oberarzt der Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Jena sein.

Was heute außerdem los war

Ein wenig Trost und Tipps

Nach all den unschönen Nachrichten, habe ich heute ein wenig Trost in einem Tweet des Journalisten Jakob Simmank gefunden, der für die "Zeit" schreibt. Er nannte es "ein wenig Psychohygiene".

Ein paar seiner Tipps:

  • Geht davon aus, dass es noch einmal eine Art Lockdown geben könnte diesen Winter.
  • Das ist keine Katastrophe, man kann sich darauf einstellen und dafür planen.
  • Überlegt Euch, wie viel Nachrichten Ihr konsumieren wollt. Macht Pausen. Digital Detox.
  • Überlegt Euch, was Euch gut tut. Macht jeden Tag etwas davon.
  • Bringt Eure soziale Bubble in Stellung. Reduziert Kontakte, aber bitte niemals auf Null.
  • Freut Euch auf den Sommer. Macht Pläne.
  • Seid Euch sicher: Eines Tages wird diese Pandemie vorbei sein.

Unser Corona-Newsletter macht ab Mittwoch Pause. Am 10. Januar schreibe ich Ihnen wieder.

Weil wir morgen also für zweieinhalb Wochen pausieren und uns erst wieder im neuen Jahr lesen: Schreiben Sie mir gern, was Sie sich für 2022 wünschen oder was Sie aus dem alten Jahr mit ins neue mitnehmen.

Einen schönen Abend.

Alles Gute!

Marcel Roth

Mit Bestätigung dieser Anmeldung zu diesem Service willigen Sie in die Speicherung der von Ihnen eingetragenen Daten ein. Diese werden vom MDR ausschließlich dazu verwandt, Ihnen den ausgewählten Service bereitzustellen. Sie werden von uns nicht an Dritte weitergegeben oder Dritten überlassen.

Sie haben jederzeit die Möglichkeit, mit E-Mail an newsletter@mdr.de den Inhalt Ihrer Einwilligung abzurufen und zu verändern sowie die Einwilligung mit Wirkung für die Zukunft zu widerrufen. Nach Widerruf bzw. Deaktivierung/Abmeldung des Services werden Ihre Daten gelöscht.

Hinweise zum Datenschutz und Informationen zur Verarbeitung Ihrer Daten finden Sie in der Datenschutzerklärung des MDR.

Die mit einem * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 20. Dezember 2021 | 06:05 Uhr

9 Kommentare

DermbacherIn vor 34 Wochen

Alle Versprechen gebrochen, Lockdowns, Impfdruck, Impfzwang, krude Schuldzuweisungen, aber es sind nur die Gegner fortgesetzter Covid-Maßnahmen, die sich radikalisieren. In dieser Beziehung sind die politischen Reaktionen mittlerweile absolut vorhersehbar.
Wenn die dritte und vierte Spritze auch nicht die Wende gebracht haben wird, ist dann wieder jemand anderes schuld, aber nicht die Entscheidungsträger. Zur Not auch Omikron, diesem Virus kann man mittlerweile Böswilligkeit unterstellen.

MDR-Team vor 34 Wochen

Hallo DermbacherIn,
die Fakten liegen alle klar auf dem Tisch: Impfen ist derzeit der effektivste Weg die Pandemie zu bekämpfen. Zu den Impfstoffen und der Impfkampagne finden Sie hier alle Infos: https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/faq-corona-impfung-impfstoff-100.html

Grüße Ihr MDR.de-Team

DermbacherIn vor 34 Wochen

In einer Gemeinschaft der Panischen und Verängstigten sind vermutlich keine vernünftigen Antworten zu bekommen. Sie gehört zu den tabuisierten Fragen, ebenso wie die Frage, wie es sein kann, dass Schweden ohne Lockdowns und andere strenge Schutzmaßnahmen heute wesentlich besser dasteht als Deutschland, nämlich mit aktuell 70 Mal weniger "Fällen", also positiv ausgefallenen PCR-Tests in Deutschland gern fälschlicherweise "Infektionen" genannt und sechsmal weniger Covid-Toten als Deutschland natürlich immer pro Kopf der Bevölkerung gerechnet.

Mehr aus Deutschland