Öffnung in drei Schritten Diese Corona-Zahlen sind für die geplanten Lockerungen entscheidend

Manuel Mohr
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Weniger Kontaktbeschränkungen, Lockerungen in der Gastronomie und schließlich der Wegfall nahezu aller Corona-Eindämmungsmaßnahmen: Der neueste Bund-Länder-Beschluss stellt umfassende Lockerungen in Aussicht. Dafür muss die Omikron-Welle aber zunächst überall abflauen. Auch Daten zur Situation an den Kliniken spielen eine Rolle beim Öffnungstempe.

Eine Frau läuft über ein Feld in den Sonnenuntergang.
Die Belastung des Gesundheitssystems soll maßgeblich über das Öffnungstempo in den kommenden Wochen bestimmen. Bildrechte: MDR/Unsplash/sasha freemind

"Wir sind noch nicht wirklich in sicheren Gewässern." Mit mahnenden Worten hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bei einer Pressekonferenz in Berlin am Freitag die aktuelle Corona-Lage zusammengefasst. Deutschland habe den Höhepunkt der Omikron-Welle zwar überschritten, bei zu schnellen und umfangreichen Lockerungen könnten sie aber auch rasch wieder ansteigen.

Tatsächlich sinkt die 7-Tage-Inzidenz im deutschlandweiten Durchschnitt seit einigen Tagen langsam, aber stetig. Regional gibt es aber weiterhin Unterschiede:

Insbesondere in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen ließ die Omikron-Welle mit etwa zwei bis drei Wochen Verspätung zum deutschlandweiten Trend die Fallzahlen in die Höhe schnellen. Darum ist hierzulande zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch noch unklar, ob der Fallzahl-Höhepunkt bereits überschritten ist oder noch bevorsteht.

Somit sind die "sicheren Gewässer" auch noch nicht erreicht. Lauterbach appellierte daher eindringlich an alle Länder, das bisher Erreichte nicht wieder aufs Spiel zu setzen. Abgesehen von den zuletzt beschlossenen Öffnungsschritten sollten keine weiteren Lockerungen eigenständig veranlasst werden.

Belastung des Gesundheitssystems soll Öffnungstempo bestimmen

Die gemeinsam beschlossenen Lockerungen von Bund und Ländern sehen für die kommenden Wochen insgesamt drei Öffnungsschritte vor. Zunächst sollen die Kontaktbeschränkungen für Geimpfte und Genesene sowie die Zugangskontrollen im Einzelhandel wegfallen. Ab 4. März sollen Lockerungen in der Gastronomie und bei Übernachtungen folgen, bevor am 20. März alle tiefgreifenderen Schutzmaßnahmen entfallen sollen. Allerdings steht im Bund-Länder-Beschluss auch:

Vor jedem Schritt bleibt in beide Richtungen zu prüfen, ob die geplanten Maßnahmen lageangemessen sind.

Bund-Länder-Beschluss vom 16. Februar 2022

"Lageangemessen" bedeutet nach Einschätzung der Bundesregierung: Ein Zurückfahren der Infektionsschutzmaßnahmen ist erst dann sinnvoll, wenn ein stabiler Abfall der Krankenhauseinweisungen sowie der Intensivneuaufnahmen und -belegungen zu verzeichnen ist. Ein zu frühes Öffnen wiederum berge die Gefahr eines erneuten Anstieges der Krankheitslast, so die Bundesregierung.

Die Landesregierung beabsichtigt, die Schutzmaßnahmen schrittweise aufzuheben, soweit dies insbesondere in Anbetracht der Belastung des Gesundheitssystems angemessen ist.

Sechste Verordnung zur Änderung der Fünfzehnten SARS-CoV-2-Eindämmungsverordnung

Hospitalisierungsrate und Auslastung der Intensivstationen im Fokus

In den kommenden Wochen werden demzufolge vor allem die Corona-Kennzahlen zur Hospitalisierungsrate und zur Auslastung der Intensivstationen im Fokus stehen. Konkrete Grenzwerte gibt es allerdings nicht.

Bei der Hospitalisierungsrate sind politische Entscheidungsträgerinnen und -träger allerdings gut beraten, nicht nur auf die tagesaktuell vermeldeten Werte zu schauen, sondern auch rückblickend Nachmeldungen sowie Schätzungen zur realen Auslastung seitens des RKI zu berücksichtigen. Denn diese Werte unterscheiden sich infolge von Melde- und Übermittlungsverzug deutlich.

RKI-Modellierung zur Omikron-Welle hat weiterhin Bestand

Ein Forscher-Team des RKI und der HU Berlin hatte bereits seit Dezember 2021 den möglichen Verlauf der Omikron-Welle und die damit verbundenen Corona-Fallzahlen im Zeitraum von Anfang Januar bis Ende März modelliert. Aktuell bewegen sich sowohl täglich gemeldeten Infektionszahlen als auch die Auslastung der Intensivstationen etwas unterhalb der Werte, die im Mittel von den Forschenden modelliert wurden.

Setzt sich dieser Trend weiterhin fort, ist ein weiteres Abschwächen des Infektionsgeschehens in den kommenden Wochen möglich. Unklar ist allerdings, inwieweit die geplanten Öffnungsschritte sich auf die Zahl der neuen Infektionen auswirken werden.

Ungeimpfte weiterhin am meisten gefährdet

Im Bund-Länder-Beschluss weist der "Corona-ExpertInnenrat" der Bundesregierung noch einmal darauf hin, dass ungeimpfte Personen – neben den über 60-Jährigen und Menschen mit schweren Grunderkrankungen – weiterhin das höchste Risiko für schwere Krankheitsverläufe aufweisen. Wahrscheinlich werden sich Ungeimpfte und Ältere infolge der anstehenden Lockerungen der Schutzmaßnahmen wieder vermehrt infizieren und erkranken.

Zudem stellen die Expertinnen und Experten fest, dass in der Altersgruppe der über 60-Jährigen die Impfquote im Vergleich zu anderen europäischen Ländern verhältnismäßig niedrig ist.

Viele andere europäische Staaten, auf die derzeit in Hinblick auf weitreichende Öffnungen geschaut wird, weisen deutlich höhere Impfquoten auf – und haben eine jüngere Bevölkerung.

Corona-ExpertInnenrat der Bundesregierung

Spätestens im Herbst bestünde daher das Risiko von weiteren Infektionswellen, sei es durch weitere Virus-Mutationen oder auch bisherigen Virusvarianten. Nach bisherigen Erkenntnissen seien Ungeimpfte nach einer Infektion mit der Omikron-Variante zudem auch nicht zuverlässig vor Infektionen mit anderen Varianten geschützt, so der Corona-ExpertInnenrat.

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MDR (Manuel Mohr)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 18. Februar 2022 | 10:55 Uhr

6 Kommentare

kleiner.klaus77 vor 48 Wochen

"Fragezeichen beim mRNA-Impfstoff." "14 Monate nach der ersten Impfung sind Biontech und Moderna noch immer ohne ordentliche Zulassung – weil essenzielle Studien fehlen. Der Vorgang ist ungewöhnlich. Mediziner und Pharmazie-Experten haben Fragen." Quelle Welt online. Ich habe die gleichen Fragen. Wieso fehlen nach 14 Monaten essenzielle Studie?

kleiner.klaus77 vor 48 Wochen

Das soziale Ende der Pandemie ist eine bewusste Entscheidung und findet vor allem in den Köpfen der Menschen statt. Es tritt ein, wenn die Angst vor der Krankheit abnimmt, die Menschen die Einschränkungen nicht mehr hinnehmen wollen und lernen, mit der Krankheit zu leben.

kleiner.klaus77 vor 49 Wochen

Nachdem vor Wochen das meist verwendete Wort Boostern war, wird das jetzt durch Perspektive ersetzt! Damit Planungssicherheit herrscht, witzigerweise konnte die Wirtschaft die ganze Zeit der Pandemie genauso weiter planen, wie das vorher war. Aber es gibt jede Menge Verlierer, die weder planen können noch eine Perspektive haben.

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