Trotz sinkender Corona-Zahlen Intensiv-Pflegekräfte weiter am Limit

Chronische Überlastung, Burnout, ständig am Limit: Pflegepersonal auf Intensivstationen haben weiterhin viel Arbeit, auch wenn die Inzidenzen in Deutschland sinken. Einige wollen den Beruf wechseln – oder haben es schon getan. Die Pflege, nicht nur auf Intensivstationen, ist in der Krise. Und das nicht erst seit Corona.

Pfleger Jan Günzel hat immer noch viel Arbeit. Auf der Intensivstation des Fachkrankenhauses im sächsischen Coswig versorgt er zusammen mit einer Kollegin einen schwer erkrankten 71-jährigen Post-Covid-Patienten. Drei Betten auf der Station sind aktuell mit Corona-Erkrankten belegt. Vor drei Wochen waren es noch fünf.

Was hat sich verändert, seit die Inzidenzwerte in Deutschland sinken? Die Arbeitsbelastung sei immer noch intensiv, sagt Günzel: "Der einzige Unterschied ist vielleicht, dass wir nicht so viele Covid-positive-Patienten haben. Demzufolge müssen wir uns nicht so oft umziehen, wir haben nicht so viele Isolierungspatienten. Aber der Pflegeaufwand ist nahezu fast derselbe."

Chronische Überlastung

So geht es Pflegekräften in ganz Deutschland. Sie fühlen sich chronisch überlastet und fürchten, darunter würde die Versorgung der Patientinnen und Patienten leiden. Bei einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin gaben 31 Prozent der Pflegekräfte an, über einen Berufswechsel nachzudenken.

Jan Günzel kennt die Personal-Situation: "Es ist bei uns ein großes Thema, dass die Belastung sehr, sehr hoch ist. Direkte Gedankenspiele, den Beruf oder vielleicht auch nur die Station zu verlassen, sind mir Gott sei Dank noch nicht zu Ohren gekommen. Aber es gibt durchaus Kollegen, die in den letzten Wochen und Monaten ihre Arbeitszeit verkürzt haben."

Letzte Konsequenz: Notbremse

Eine, die inzwischen komplett die Notbremse gezogen hat, ist Sarah Küttner aus Dresden. 11 Jahre lang hat sie als Krankenschwester auf der Intensivstation in der Uniklinik in Dresden gearbeitet. Auch sie hatte während der Corona-Zeit zeitweise das Gefühl, nicht alle Patienten so versorgen zu können, wie das nötig gewesen wäre. Ende März kündigte sie und arbeitet jetzt bei einem niedergelassenen Arzt.

Küttner hat eine kleine Tochter und arbeitete in (reduzierten) Schichten. Ihr Tag bestand aus "Schlafen, Essen, Arbeiten, Kind – was anderes gab es nicht", sagt sie. Für sie war der Punkt erreicht, etwas in ihrem Leben zu ändern.

Sarah Küttner erzählt aus ihrem früheren Ex-Alltag: "Ich habe teilweise auf normaler Station ausgeholfen und habe in einem Spätdienst 13 Patienten betreut, alleine." Bei 13 Patientinnen und Patienten allen und allem gerecht zu werden, das funktioniere nicht, sagt sie. Diese Schieflage sei den Arbeitgebern und der Politik schon seit vielen Jahren bekannt. Es ändere sich aber nichts.

Nach der Erschöpfung: Burnout

Der Notstand in der Pflege begleitet auch Arnhild Tontsch, Christian Schäfer und Tom Hoppe täglich. Alle drei arbeiten in verschiedenen Leipziger Krankenhäusern. Den Beruf haben sie einst aus Idealismus gewählt, um anderen Menschen zu helfen. Jetzt müssen sie erleben, wie ihr eigener Anspruch und die Realität immer mehr auseinandergehen.

Pflegerin Arnhild Tontsch erlitt sogar ein Burnout:

Man hat nur noch Zeit für das Nötigste. Pflege kommt komplett kurz.

Noch arbeiten diese drei Pflegekräfte gerne in ihrem Beruf, sagen sie. Christian Schäfer hat allerdings schon seine Stunden reduziert. Und alle drei wissen nicht, ob sie ihren Beruf unter diesen Bedingungen bis zur Rente ausüben möchten.

Seit Jahrzehnten Pflegemangel - Personal aus dem Ausland?

Im letzten Jahr haben die Gewerkschaft Verdi, die Deutsche Krankenhausgesellschaft und der Deutsche Pflegerat errechnet, dass 40.000 bis 80.000 Pflegekräfte in Krankenhäusern, bei Pflegediensten und in Altenheimen zusätzlich benötigt werden. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn versprach Abhilfe: Er wollte die Zahl der Azubis in der Pflege deutlich erhöhen.

Allerdings schränkte die Pandemie die Möglichkeiten der Ausbildung stark ein. Jens Spahn wollte deshalb Pflegekräfte aus dem Ausland nach Deutschland holen. Was ist daraus geworden? Auf Anfrage von MDR exakt antwortet das Bundesgesundheitsministerium schriftlich und verweist auf die Konzertierte Aktion Pflege:

Mit der Konzertierten Aktion Pflege (KAP) hat die Bundesregierung im Juni 2019 ein umfangreiches Maßnahmenpaket zu den Themen Ausbildung, Personalmanagement, die Gewinnung von Pflegekräften aus dem Ausland sowie die Entlohnungsbedingungen in der Pflege vereinbart.

Bundesgesundheitsministerium

Kritik von Gewerkschaft der Pflegekräfte

Benjamin Jäger ist Vorsitzender des Bochumer Bundes, einer Gewerkschaft, in der ausschließlich Pflegekräfte organisiert sind. Den Pflegerinnen und Pflegern auf den Intensivstationen gehe es nicht in erster Linie um mehr Geld, sondern um Entlastung, sagt Jäger. Pflegekräfte aus dem Ausland zu holen, helfe dabei nicht.

Ein Grund dafür ist das Anerkennungsverfahren, erklärt der Gewerkschaftler: "Viele von den Kolleginnen und Kollegen, die aus dem Ausland kommen, die müssen nochmal eine Prüfung ablegen. Also ich habe selber Kolleginnen und Kollegen, die immer noch auf ihre Prüfung warten, um eben hier als Fachkräfte anerkannt zu werden."

Quelle: MDR exakt

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 09. Juni 2021 | 20:15 Uhr

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