Corona - und dann? Schule in Corona-Zeit: Forscherin spricht von verpasster Chance

Es werde zu wenig in die Bildung gesteckt, beklagt die Erziehungswissenschaftlerin Anke Langner. Die Professorin an der Technischen Universität Dresden vermisst staatlich geförderte Forschungsprogramme für Schulen in der Corona-Zeit. Auf Deutschland bezogen, "passiere nichts", allenfalls punktuell.

Ein Klassenzimmer, Blick zu einer Tafel auf der Viren gemalt sind
... und von ihm. Bisher ist an Deutschen Schulen da wenig passiert, kritisiert die Gesprächspartnerin Anke Langner. Bildrechte: Imago/Panthermedia

Im Interview mit dem MDR sagt Anke Langner, dass Schulen auch anderthalb Jahre nach Beginn der Pandemie noch immer wie auf dem Meer manövrierten, "ein bisschen auf Zuruf, auf Sichtweite". Der Forschung sei ein riesiger Datenschatz entgangen. Hochschulen hätten die Schulen in dieser Zeit begleiten können und erforschen, wie die Schulen die Krise meistern, welche Konzepte von Lehrern und Schülern erfolgreich seien.

Das sei im deutschlandweiten Maßstab nicht passiert. Es habe keine großflächige Forschungsförderung für die Bildung gegeben, ganz anders also, als etwa in der Medizin. Lediglich punktuell hätten Forscher Schulen begleitet.

Anke Langner, Erziehungswissenschaftlerin der TU Dresden 34 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 14.08.2021 05:00Uhr 34:03 min

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Methoden lernen als neues Fach

Als praktisches Beispiel nannte Langner das Festhalten der Schulen an Fächern und üblichen Lehrzielen. Sie hätte sich gewünscht, dass den Schulen seitens der Politik mehr Freiraum gegeben worden wäre. Besser wäre gewesen, wenn Schulen von Beginn an deutlich stärker auf die sogenannte Meta-Ebene des Lernens gegangen wären, statt "unbedingt den Deutsch-Lernstoff oder Mathe-Lernstoff am Ende des Schuljahres noch mit einem grünen Haken zu versehen".

Es hätte also eine Art neues Fach geben müssen: Methoden lernen. Schüler hätten dann gelernt, wie sie auch zu Hause ihren Stoff bearbeiten müssten. Sie hätten sich damit von der Schule begleitet gefühlt und müssten im Homeschooling nicht verzagen. Kritisch äußerte sich die Forscherin auch über die Vergabe von Noten in der Corona-Zeit.

Wir wissen nicht, wo die Noten herkommen. Wir wissen auch nicht, wie sie vollzogen worden sind.

Anke Langner, TU Dresden

Schüler mit Mundschutz sitzen 2020 bei der Prüfungsvorbereitung fürs Abitur in einer zum Schulraum umfunktionierten Turnhalle.
Abi mussten die Schüler auch unter Corona-Bedingungen machen. Bildrechte: dpa

Lehren aus Corona-Krise ziehen

Jedes "gute Unternehmen" hätte in der Corona-Krise die eigene Entwicklungsabteilung eingeschaltet, um aus der Pandemie zu lernen, und um die Situation zu verbessern. Doch für Schulen gebe es keine Entwicklungsabteilung. Die Forschung werde zu wenig beteiligt.

Jetzt kämen die Schüler in das neue Schuljahr. Sie nun nachträglich mit Laptops auszustatten, würde die Situation kaum verbessern, mutmaßt Langner. Auch Programme zum Nachholen von Schulstoff seien dafür wenig geeignet. Die Politik würde damit die Lage "harmonisieren" und vielleicht aktuelle Lerndefizite abmildern, jedoch keine dringend benötigten Lehrer schaffen. Die Politik, so Langner, versuche Krisen zu meistern, in dem sie "Brände lösche". Dabei gelte es, vorher zu verhindern, dass es brenne.

Eine Schülerin einer 12. Klasse schreibt während einer Unterrichtsstunde an der Max-Planck-Schule auf ihrem Tablet.
Alle Schüler mit Tablets auszustatten, geht Langner nicht weit genug. Bildrechte: dpa

Schulen nicht schließen

Für das neue Schuljahr wünsche sie sich, sagt die Forscherin im Interview, dass Schulen geöffnet blieben. Erwachsene sollten das unterstützen, indem sie sich impfen ließen. Logistiker sollten Schulen begleiten, um die Abläufe zu koordinieren. Die Schüler sollten bestenfalls in beständigen Gruppen arbeiten, die über das Jahr gleich blieben, um so ein stabiles Miteinander zu gewährleisten: einen Lehrer, gleiche Mitschüler. Grundsätzlich sollten Schulen auf die üblichen Fächer und vorgeschriebene Lernziele verzichten können.

Beispiel Universitätsschule

Wie das funktionieren kann, erläutert Anke Langner am Beispiel der Universitätsschule. Diese Schule startete vor zwei Jahren in Dresden. Sie wird als staatliche Schule vom Land Sachsen und von der Stadt finanziert und wissenschaftlich von der TU begleitet. Das Projekt ist zunächst für 15 Jahre angedacht.

Grundlegendes Prinzip dieses Schulprojekts ist, dass Schüler lernen, selbstgesteuert zu lernen. Das heißt, sie sollen lernen, sich selbst Ziele zu setzen und ihre Zeit dafür einzuteilen. Sie sollen für sich einen Sinn in ihrem Lernen erkennen. Dafür würden sie frühzeitig, im Grundschulalter, Computer verwenden, als moderne "Kulturtechnik", sagt Langner.

Corona Schnelltests in der Sporthalle einer Schule
Corona hat den Schülern zum Beispiel beigebracht, sich selbst auf Corona zu testen. Bildrechte: IMAGO / Reichwein

Wie das Lernen an der Schule funktioniere, erläutert die Forscherin am Beispiel einer sogenannten Corona-Challenge, die die Schule gleich zu Beginn der Pandemie Jahr durchgeführt habe. Das Thema Corona sei "genial für alle Unterrichtsfächer". Man könne damit alles machen: Geografie, Geschichte, Mathematik, Statistiken auswerten, Diagramm zeichnen, Informationsbewertung üben. Das gelinge jedoch nur, wenn Lehrer und Schulen nicht gezwungen seien, den üblichen Lehrstoff zu absolvieren.

Zum Hören: Unser Podcast

Corona - und dann? Wie sieht unser Zusammenleben nach der Pandemie aus?

Anke Langner, Erziehungswissenschaftlerin der TU Dresden
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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 21. August 2021 | 06:00 Uhr

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