Ehrensache Freiwillige Feuerwehr: Wenn Tote zum Hobby gehören

Zwischen Toten und Klischees: Bei der Freiwilligen Feuerwehr denken viele erstmal an Saufen und Dorffest. Doch sie stellen den Großteil der Feuerwehrkameraden in Deutschland und müssen manchmal auch zu schweren Einsätzen ausrücken. Das kann im Kopf haften bleiben. Doch wer hilft dann den Helfern?

Feuerwehrfahrzeuge
In Deutschland gibt es nur rund 100 Berufswehren. Dem gegenüber stehen bundesweit 22.000 Freiwillige Wehren. Bildrechte: MDR exakt

Stammtisch, Saufen und Dorffest: Dieses Klischee der Freiwilligen Feuerwehr ist noch in vielen Köpfen verankert. Doch die rund eine Millionen Kameradinnen und Kameraden haben auch zahlreiche Einsätze: Vermisste finden, Verletzte retten aber auch Verstorbene bergen. Dabei werden sie in ihrer "Freizeit" mit auch Situationen konfrontiert, die nur schwer zu verkraften sind. Doch wer hilft dann den Helfern?

"Hier irgendwo ist es passiert", berichtet Jakob. Er ist seit er 16 Jahre alt bei einer Feuerwehr in Nordbayern. Tote bei Einsätzen sind für ihn traurige Routine. Doch ein Fall in einem Nachbardorf ist ihm lange in Erinnerung geblieben. "Wir waren erst auf einem anderen Einsatz, irgendein Toilettenhäuschen hat gebrannt." Auf der Rückfahrt kam die Meldung per Funk: Es solle einen Zusammenstoß zwischen Bahn und "etwas" gegeben haben. Bei der gemeinsamen Suche mit dem Rettungsdienst haben die Feuerwehrleute dann eine Person auf den Gleisen gefunden.

Hilfe für die Seele gibt es vom Kumpel beim Bier

"Ich nenne es mal Glück für uns Einsatzkräfte. Die Person war noch am Stück", erzählt Jakob weiter. Doch sie sei definitiv tot gewesen. "Da ist alles mögliche verdreht, aufgeplatzt und sonst was. Darauf kannst dich nicht vorbereiten." Nach dem Einsatz ging es dann nach Hause. Doch "gerade dieses Heimgehen und schlafen wollen, funktioniert einfach nicht". Jakob sei froh gewesen, dass einfach ein Kumpel da war, mit dem er Bier getrunken habe und darüber reden konnte.

Jakob von der Freiwilligen Feuerwehr in Zellingen in Bayern.
Zu jährlich rund 100 Einsätzen rückt Jakob aus - seit vielen Jahren. Doch einer hat sich in seinen Kopf gebrannt. Bildrechte: MDR exakt

"Sowas verändert dich natürlich auch", sagt Jakob nachdenklich. Man mache Übungen und fahre auch mal zu einem Brand. Von vielen werde die Freiwillige Feuerwehr als Spaß- und Saufverein gesehen und nicht ernst genommen. Mit solchen Erlebnissen wie seinem, "bekommt dann so ein Hobby eine ganz andere Seite. Man wird mit Dingen konfrontiert, mit denen junge Menschen eigentlich nichts zu tun haben sollten." Zu rund 100 Einsätzen muss Jakob pro Jahr ausrücken. Doch dieser eine, steckt offenbar immer noch tief in ihm drin.

In Sachsen sollen Teams aus Freiwilligen helfen

In Deutschland gibt es nur rund 100 Berufswehren – in Sachsen sind es acht. Dem gegenüber stehen bundesweit 22.000 Freiwillige Wehren. Sie alle müssen in einem Ernstfall lernen, mit der inneren Last oder dem Druck zu leben – manchmal gibt es dabei Hilfe von außen.

In Sachsen gibt es sogenannte Einsatznachsorge-Teams (ENT) des Landesfeuerwehrverbandes. Sie übernehmen offiziell die seelische Betreuung freiwilliger Feuerwehrleute – auch die Teams machen das freiwillig. Nach bestimmten Einsätzen werden sie besonders häufig gerufen: "Wenn eigene Kameraden verletzt werden oder wenn Kinder mit im Spiel sind. Dann ist das für die Feuerwehrleute belastend", sagt Lydia, die mit Daniel ein Nachsorge-Team bildet. "Man rettet in der Regel dort, wo man lebt. Und dadurch ist der persönliche Bezug ganz oft gegeben und das macht dann auch die Belastungen aus", erklärt ihr Kollege.

Kameraden fehlt Anlaufpunkt

Ein Ziel der ENT soll es auch sein, junge Feuerwehrleute auf traumatische Erlebnisse vorzubereiten. Diese Prävention ist aber in der Feuerwehr-Grundausbildung im Freistaat nicht festgeschrieben. Der Part sei viel zu klein, sagen Lydia und Daniel. Es sei ein Riesenthema und würde nicht ernst genug genommen.

"In der Grundausbildung kommt das Thema psychische Belastung bei Einsätzen theoretisch vor", sagt Lydia. Doch das werde auf den jeweiligen Wachen durchgeführt. Die Verantwortung dafür liege bei den Wehrleitern. "Dass das Thema dann hier und da auch mal komplett unter den Tisch fällt, kann also durchaus passieren. Bei meiner Grundausbildung etwa wurde das Thema nie angesprochen."

Lydia und Daniel bilden ein Einsatznachsorge-Teams des Landesfeuerwehrverbandes Sachsen.
Lydia und Daniel bilden ein Einsatznachsorge-Teams des Landesfeuerwehrverbandes Sachsen. Bildrechte: MDR exakt

"Da müssen wirklich Strukturen weiter ausgebaut werden und Gelder bereitgestellt werden, um das weiterzuentwickeln", sagt Daniel. Allein schon aufgrund der großen Zahl an ehrenamtlichen Kameradinnen und Kameraden. "Wenn die ein Problem haben, dann brauchen die einfach einen Anlaufpunkt."

Einsätze können schwer geplant werden

"Es gibt durchaus junge Leute, die sind belastbar und es gibt junge Leute, die sind nicht belastbar. Das müssen Führungskräfte wissen", sagt Brandmeister Ronny Schuberth. Er leitet die Freiwillige Feuerwehr Schleiz in Thüringen. Oft würden junge Kameraden schneller herangeführt, als "wir das wollen, weil die Einsätze das einfach so hergeben." Doch die Einsätze seien vorab nur schwer planbar.

Vor Ort könne dann schon unterschieden werden, sagt Ronny. Manchmal sei eine Bergung weniger belastend. "Wo man sagt: Ja okay, hier liegt eine Leiche. Anders als wenn jemand mit schwersten Verletzungen noch jammert und wir alles tun wollen, um dem irgendwie zu helfen."

Ein Junge und ein mittelalter Mann stehen auf einer Hebebühne und schauen den Betrachter an.
Im Einsatz muss alles funktionieren, sagt der Chef der Freiwilligen Feuerwehr Schleiz in Thüringen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Schleizer Feuerwehrchef versucht, nach jedem schlimmen Einsatz die psychischen Probleme seiner Feuerwehrleute selbst zu erkennen und zu lösen. Nach problematischen Fällen setzen sich die Kameraden zusammen und es gibt einen "Seelsorger" – so nennen sie den Kuchen, den sie dann essen. Externe psychische Betreuung bräuchten sie hier in Schleiz selten, meint Ronny. Die Gemeinschaft regele das.

Rund 200 Einsätze hat Ronny im Jahr. Für die üben die Kameradinnen und Kameraden auch regelmäßig, zumindest wenn es nach den Corona-Regeln möglich ist. "Wir haben jede Woche Ausbildung und müssen intensiv trainieren", sagt Ronny. "Wo was liegt, wie es funktioniert und das muss man kombinieren können mit dem Einsatzgeschehen und mit dem Moment, wo es eigentlich ernst ist. Wo das Adrenalin im Blut ist, wo hektisch wird." Es sei keine einfache Aufgabe.

Der Feuerwehr fehlt der Nachwuchs

Schreckt auch das Menschen ab, zur Freiwilligen Feuerwehr zu gehen? Die Mitgliedszahlen der Feuerwehren gehen seit Jahren zurück – aber die Einsatzahlen steigen. In einigen Dörfern mussten zwischenzeitlich schon Pflichtwehren eingeführt werden. Es mussten also Bürger zum Dienst verpflichtet werden, damit der Brandschutz gewährleistet werden konnte.

"Es gibt ja nicht nur das Leid, was du erfährst", sagt Jakob aus Nordbayern zur Motivation. Wenn man ein Leben rette, dann beflügele dies natürlich enorm. "Man kann auch über sehr viel hinwegsehen, wenn man etwa jemanden aus dem Auto geholt hat und weiß, er hat wegen mir überlebt."

Quelle: MDR exakt/ mpö

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