Hochwasserhilfe Warum Sachspenden Katastrophenhelfer vor neue Herausforderungen stellen

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

Erst kam das Wasser, danach eine Flut an Spenden. Was gut gemeint ist, stellt die Flutopfer und Helfer vor neue Herausforderungen. Ein Katastrophenhelfer erklärt im Interview, warum.

Ein Fahrzeug der Bundeswehr fährt durch eine überflutete Straße
Ein Fahrzeug der Bundeswehr fährt durch eine überflutete Straße. Bildrechte: dpa

Erdbeben, Tsunami, Überflutung: Wenn es irgendwo auf der Welt eine Katastrophe gibt, machen sich die Helfer auf den Weg ins Krisengebiet. Unser MDR THÜRINGEN-Kollege Stefan Heine engagiert sich bei der gemeinnützigen Organisation "Isar" (International Search and Rescue). Er war seit 2005 schon bei Einsätzen in Pakistan, Nepal, Mexiko, Tunesien und auf den Philippinen sowie Indonesien.

Stefan Heine arbeitet bei MDR THÜRINGEN und ist Helfer bei Isar. Hier ist er im Einsatz in Nepal nach einem Erdbeben 2015.
Stefan Heine arbeitet bei MDR THÜRINGEN und ist Helfer bei Isar. Hier ist er im Einsatz in Nepal nach einem Erdbeben 2015. Bildrechte: MDR/Stefan Heine, Isar

MDR THÜRINGEN: Stefan, wieso freuen sich die Menschen (aktuell) nicht über die Sachspenden?

Stefan Heine: Sachspenden sind natürlich gut gemeint, aber du kannst sie erst mal schwer koordinieren. Es kommen nun aus ganz Deutschland zum Beispiel Säcke mit Babykleidung, Unterwäsche für Erwachsene und Mäntel. Alles ist durcheinander. Der Aufwand ist groß, das alles zu sortieren und zu verteilen - denn die Logistik, die etwa eine Kleiderkammer hat, fehlt. Jeder sammelt nach anderen Kriterien. Es gibt keine Standards, aber die bräuchte es, um helfen zu können.

Aber die Menschen haben doch teilweise alles verloren. Es fehlt an allen Ecken und Enden - von der Zahnbürste bis zur Socke.

Aktuell werden die wenigen betroffenen Orte von sehr vielen Spenden "überflutet". Man kann sagen, die Hilfe überschwemmt die Orte nun. Das können die Helfer kaum in den Griff bekommen. Natürlich können Sachspenden sinnvoll sein, wenn es zum Beispiel aus den betroffenen Gebieten ganz konkret heißt: Wir brauchen zum Beispiel Babykleidung in diesen Größen et ceterea. Ist es fokussiert auf ein "Produkt", kann man es schnell verteilen.

Meist fordern Hilfsorganisationen Geld. So ist es auch jetzt. Warum?

Wenn du Geld bekommst, kannst du gezielt Dinge besorgen und das beschaffen, was gebraucht wird. Da kann es sein, dass 100 Familien dringend eine Kochgelegenheit brauchen oder Kühlschränke; und so kann das organisiert werden. Es ist wesentlich zielgerichteter und weniger Aufwand.

Aber kommt das Geld auch an?

Manche Menschen haben wenig Vertrauen und fragen sich vielleicht: Was passiert mit dem Geld? Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, die Hilfsorganisationen gehen damit sehr sorgsam um. Es ist auch so, dass sie zum Beispiel gezielt Hilfsgüter hinfliegen oder hinbringen, dazu zählt zum Beispiel Trinkwasseraufbereitung.

Deine Organisation ist auch jetzt mit einem kleinen Team vor Ort. Wie unterscheidet sich der Einsatz in Deutschland von den Einsätzen im Ausland, bei denen du dabei warst?

Der Katastrophenschutz hier ist sehr gut, viel besser als zum Beispiel in Mexiko. Alle Bundesländer schicken schnell ihre Helfer. Es gibt eine rasche Versorgung mit Trinkwasser, medizinische Versorgung ist immer gewährleistet. Wer verletzt ist, kann behandelt werden oder zum Arzt gehen. Die Ausgangslage ist viel besser als etwa in Ländern mit einer schlechten Grundversorgung. Aber man sieht, wie viel Aufwand Deutschland nun betreibt, um die Lage in den Griff zu bekommen. Und es lässt einen ahnen, wie hart das ein Land getroffen hätte, das finanziell oder medizinisch nicht so gut aufgestellt ist.

Vielen Dank für deine Einschätzung.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. Juli 2021 | 19:00 Uhr

10 Kommentare

DER Beobachter vor 8 Wochen

Naja, man setzt sich für Dinge ein, die man vor Ort sieht. Deswegen sollten regierungschefs schon mal vor Ort gucken. Täten sie es nicht, sind sie aus gutem Grund abgeschrieben. Ich bin mir nicht sicher, ob so schnell und in der Höhe die Bundeshilfen angelaufen wären ohne Merkels Besuch. War 2002 hier in Sachsen genauso...

Kritische vor 8 Wochen

Menschen, die kein Dach mehr über dem Kopf haben, seit Tagen nicht geschlafen, vielleicht Menschen oder Haustiere verloren haben, die brauchen jetzt erstmal keinen Berg von (aussortierten) alten Klamotten. Was sollen sie damit? Wer wirklich helfen will, der spendet. Auch kleine Beträge helfen. Vor Ort werden Notunterkünfte, Geräte zum Abpumpen, Schlamm entsorgen, Müllentsorgung und dann irgendwann für den Wiederaufbau erstmal von provisorischen Straßen und Brücken gebraucht, damit man überhaupt mit dem Aufbau anfangen kann. Manche Leute sind gedankenlos und denken, sich den Altkleidercontainer zu ersparen und "spenden" dann, an wen auch immer. Mal 5 Minuten in sich gehen und sich vorstellen, wie man sich selber fühlen würde und was man gebrauchen könnte hilft.

martin vor 8 Wochen

P.S. Wo die Bundeswehr Panzer und hochgeländegänge Fahrzeuge braucht, soll der Laster vom Dixie-Dienst durch? Das wäre eine lustige Vorstellung, wenn es nicht ein weiteres Fahrzeug wäre, was die Rettungswege blockiert.

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