Geflüchtete aus Afghanistan Kaum sichere Fluchtrouten aus Afghanistan

Seit der Machtübernahme der Taliban versuchen Tausende Menschen, Afghanistan zu verlassen. Da schon die Grenzen in die Nachbarstaaten praktisch dicht sind, bleiben nur geregelte Aufnahmeprogramme. Doch selbst besonders gefährdete Menschen, wie Frauenrechtlerinnen, haben dazu nur schwer Zugang.

Feroz Nuranfar hat in Afghanistan für die Bundeswehr und die GIZ als Übersetzer gearbeitet.
Feroz Nuranfar hat in Afghanistan für die Bundeswehr und die GIZ als Übersetzer gearbeitet. Nun schreibt er in Leipzig an seiner Doktorarbeit - doch seine Schwester ist nach wie vor in Afghanistan und hat große Angst vor den Taliban. Bildrechte: MDR exakt

Nach der Machtübernahme der Taliban machte die Bundesregierung schnell klar: Viele bedrohte Menschen werden in Afghanistan zurückbleiben. Bis jetzt wurden 3.849 afghanische Staatsbürger ausgeflogen. Doch Tausende weitere Schutzbedürftige sitzen im Land fest.

Auf eigene Faust zu fliehen ist im Moment fast unmöglich, denn die Taliban haben die Grenzen zu den Nachbarländern Iran und Pakistan geschlossen. Unzählige Personen, die für internationale Organisationen wie die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) tätig waren, Aktivistinnen, Frauenrechtlerinnen und Journalisten sitzen in Afghanistan fest.

Angst um Schwester in Afghanistan

Auch die Schwester von Feroz Nuranfar hat sich in Afghanistan für Frauenrechte stark gemacht. Sie wollte Frauen einen Zugang zu Bildung ermöglichen, hat Alphabetisierungskurse angeboten. Nuranfar selbst hat für die Bundeswehr und die GIZ als Übersetzer gearbeitet. Er ist schon vor drei Jahren mit einem Stipendium nach Deutschland gekommen, um an der Universität Leipzig an seiner Doktorarbeit zu arbeiten. Seine Schwester ist nach wie vor in Afghanistan, hat große Angst vor den Taliban. Denn Ende 2020 erschossen die Terroristen ihren Ehemann. Jetzt versteckt sie sich mit ihrer Familie in Kabul.

Ein Helfer aus Afghanistan der jetzt in Deutschland lebt.
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Ich bin hier, und meine Schwester ist ganz allein. Ich mache mir Sorgen. Wenn sie von den Taliban entdeckt werden, dann werden sie auch wie mein Schwager erschossen von den Taliban. Ich habe Angst, dass ich sie nicht wiedersehe.

Feroz Nuranfar

Nuranfar hat versucht, seine Schwester auf die Evakuierungslisten zu bekommen, schrieb dem Auswärtigen Amt, dem Bundesamt für Migration und Geflüchtete. Ohne Erfolg. Vom Auswärtigen Amt erhielt er nur eine automatische Antwortmail.

Deutschland: Besonders gefährdete Afghanen sollten evakuiert werden

Tatsächlich hat die Bundesregierung Menschen wie Nuranfars Schwester keine Hilfe angeboten. Zwar sollten neben Ortskräften auch "besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen" evakuiert werden. Aber nur Personen, die bis zum Ende der militärischen Evakuierung schon als "gefährdet identifiziert" wurden, das sind rund 2000 Personen und ihre Kernfamilien. Nuranfars Schwester wurde das nicht. Und darüber hinaus sei kein weiteres Aufnahmeprogramm geplant, heißt es aus dem Auswärtigen Amt. Bis jetzt wurden nicht mal alle als "gefährdet identifizierten" Personen mit Aufnahmezusage außer Landes gebracht. Für weitere Evakuierungsmaßnahmen sei man mit den Taliban in Verhandlung, heißt es aus dem Außenministerium.

Darauf will Feroz Nuranfar nicht warten. Gemeinsam mit anderen Betroffenen und Unterstützern hat er die "Leipziger Initiative für gefährdete Afghanen" gegründet. Im Moment kontaktieren sie weltweit Botschaften, um Informationen zu sammeln, wie sich Afghanen in verschiedenen Ländern auf provisorische Visa bewerben können. Die Prozesse seien intransparent und würden sich ständig ändern, sagt Paniz Musawi Natanzi von der Initiative, das mache es für Schutzsuchende noch schwerer. "Es fehlt vielen jetzt erstens an einem Internetzugang und zweitens an der mentalen Kapazität in der Fluchtsituation, sich durch diesen ganzen virtuellen Dschungel zu arbeiten, um an die Information zu kommen, wie man sein Recht auf Asyl wahrnehmen kann."

Keine europäische Lösung für Aufnahme von Menschen

Auch Europa hat derzeit keine Lösung für das Problem. Bei der EU-Innenministerkonferenz in Brüssel Ende August machten die Minister keine konkreten Zusagen, Menschen aufzunehmen. Stattdessen sollen Afghanistans Nachbarländer bei der Aufnahme von Geflüchteten finanziell unterstützt werden. Die Botschaft: Es geht darum, illegale Migration zu verhindern. "Jeder will eine Situation wie 2015 vermeiden", sagte Ylva Johansson, EU-Kommissarin für Inneres.

Dabei seien Flüchtlingsbewegungen wie 2015 gar nicht möglich, sagt der Migrationsforscher Gerald Knaus.

Der Soziologe und Migrationsforscher Gerald Knaus.
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Wer jetzt Angst macht vor einem angeblichen Kontrollverlust, der zu einer Massenmigration führen könnte, der hat nicht verstanden, was in den letzten Jahren an den Grenzen passiert ist.

Gerald Knaus Migrationsforscher

Die Grenzen seien mit Gewalt geschlossen worden, zwischen Afghanistan und Iran und vor allem Iran und der Türkei, so Gerald Knaus. "Die Türkei hat Zehntausende Soldaten an der Grenze zum Iran stationiert, baut an einer Mauer, hat Drohnen und Wachtürme."

Pakistan, Iran, Türkei: Fluchtwege aus Afghanistan

Da seit vielen Jahren Menschen aus Afghanistan fliehen, sind in diesen Ländern bereits tausende Geflüchtete. Bis heute sind laut UN-Flüchtlingskommission knapp 1,5 Millionen Afghanen nach Pakistan geflohen, 780.000 leben in Iran, in der Türkei sind derzeit offiziell knapp 130.000 Afghanen registriert. Die Lebensbedingungen für Geflüchtete sind in diesen Ländern schlecht. Viele wollen weiter nach Europa, aber auch die EU-Außengrenzen sind zum Großteil dicht und die Flucht oft lebensgefährlich.

In der Ägäis fängt die griechische Küstenwache mit Hilfe der deutschen Marine immer wieder Menschen ab die versuchen, mit Booten die griechischen Inseln von der Türkei aus zu erreichen. Laut Berichten von Menschenrechtsorganisationen zwingt die Küstenwache die Menschen in Rettungsinseln und lässt sie Richtung Türkei zurücktreiben. Der EU-Grenzschutzagentur Frontex wird vorgeworfen, an diesen illegalen Pushbacks beteiligt zu sein. In mehreren Fällen soll sie davon gewusst haben, dass die griechische Küstenwache Asylsuchende auf dem Mittelmeer abdrängte, anstatt sie an Land zu nehmen.

Gefährliche Flucht über die Ägäis

Wer es trotzdem über das Meer schafft, landet meist in den Flüchtlingscamps der griechischen Ägäis-Inseln. Knapp die Hälfte der hier Schutzsuchenden ist aus Afghanistan geflohen, viele leben monatelang oder sogar Jahre unter unmenschlichen Bedingungen und warten auf eine Möglichkeit, weiterzureisen.
Diejenigen, die nicht mehr auf ein besseres Leben warten wollen, ziehen auf eigene Faust von Griechenland weiter, über die sogenannte Balkanroute Richtung Westeuropa. Viele von ihnen landen an der gut bewachten bosnisch-kroatischen Grenze.

Rund um den bosnischen Urlaubsort Bihać nahe der Grenze leben Hunderte Afghanen ohne fließend Wasser und Strom in den Wäldern. Täglich versuchen sie vorbei an den kroatischen Grenzern in die EU zu gelangen.

Ohne Chance ein Leben aufzubauen: Ein Jahr auf Lesbos

Auch eine Gruppe Afghanen, die vor zwei Monaten in Bihać gestrandet ist, versuchte bereits drei Mal über die Grenze zu gelangen. Sie erzählen, dass die kroatische Polizei sie bei ihrem letzten Versuch verprügelte und sie ohne die Chance einen Antrag auf Asyl stellen zu können nach Bosnien zurückschickte. Dieses Vorgehen ist illegal, aber seit Jahren gängige Praxis an der bosnisch-kroatischen Grenze.

Nun schläft die Gruppe im Stadtpark von Bihać und wäscht sich im nahegelegenen Fluss. Ali, der erst auf Lesbos lebte, erzählt, warum er weiterzog: "Nach einem Jahr auf der Insel Lesbos lebte ich zwei Jahre in Athen. Dann wurde mein Asylantrag in Griechenland zweimal abgelehnt. Ich hatte dort keine Perspektive mir ein Leben aufzubauen."

Als er von seiner Familie in Afghanistan hörte, dass die Taliban immer mehr Dörfer einnahmen, entschied er sich für den illegalen Weg nach Westeuropa. Es brauche legale Einreisemöglichkeiten, sagt Gerald Knaus, doch in den letzten Jahren sei das Resettlement weltweit auf einem historischen Tiefstand. "Diese Afghanistan-Krise bietet eine Herausforderung und eine Chance, das zu drehen. Denn es gibt viel Bereitschaft, auch in den Vereinigten Staaten, in Deutschland, Menschen zu helfen." Nur müssten auf diese Bereitschaft auch Taten folgen.

Thüringen wollte eigenes Aufnahmeprogramm für Afghanen

In Thüringen hatte man genau ein solches Programm geplant. 100 bis 200 Afghanen sollten direkt nach Thüringen gebracht werden, vorausgesetzt, sie haben hier bereits Verwandte und jemanden, der für sie finanziell aufkommen kann. Ein ähnliches Programm gab es bereits für syrische Geflüchtete, laut Migrationsminister Dirk Adams (Bündnis 90/ Die Grünen) ein Erfolg. "Das war ein sehr sicherer Weg der Aufnahme, das heißt, wenn ich mich auf dem Weg begebe, dann weiß ich, dass ich auch ankommen kann und ankommen werde." Deshalb hätten sich auch eher ältere Menschen und Frauen über das Programm auf den Weg machen können.

Trotzdem wird es ein solches Aufnahmeprogramm für Afghanen erstmal nicht geben, denn das Bundesinnenministerium stellt sich quer. Es erklärt: Der Bund würde sich kümmern, eine Initiative der Länder sei nicht vonnöten.

Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) hingegen spricht sich nun für ein verstärktes Engagement der Bundesländer bei der Aufnahme von gefährdeten Menschen aus Afghanistan aus. Dirk Adams dauert das alles zu lange. "Wir alle wissen, wie die Lage in Afghanistan ist. Im Winter droht eine humanitäre Katastrophe, und wir müssen helfen. Insofern ist das für mich nicht akzeptabel."

Jahrelange Wartezeiten beim Familiennachzug aus Afghanistan

Und es gibt noch eine weitere Herausforderung von Resettlement-Programmen: Die Bürokratie. Die Botschaften in Pakistan und Indien kommen im Moment nicht einmal mit den Anträgen auf Familiennachzug hinterher. 4.173 afghanische Staatsbürger warten in Islamabad und Neu-Delhi auf einen Termin, um ein Visa zu beantragen. Das geht aus einer Antwort des Auswärtigen Amtes auf Anfrage der Linken-Abgeordneten Ulla Jelkpe hervor.

Für die Menschen bedeutet das, dass sie trotz einer möglichen Ausreiseberechtigung weiterhin Monate oder Jahre in der Region festsitzen. Auch um mit einem Landesaufnahmeprogramm Afghanistan verlassen zu können, müssten Geflüchtete Visa beantragen. Die Gefahr: Stärkere Überforderung in den Botschaften und noch längere Wartezeiten.

Quelle: MDR exakt

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 15. September 2021 | 20:15 Uhr

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