Mehr Straftaten und Vorfälle Antisemitismus in Deutschland nimmt zu – Radikalisierung im Internet

Nikta Vahid-Moghtada
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Nicht erst seit dem Attentat auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 und seit dem Erstarken der Anti-Corona-Proteste häufen sich antisemitische Straftaten und Anfeindungen in Deutschland. Zuletzt sorgte ein Bericht des Sängers Gil Ofarim für großes mediales Interesse. Wie äußert sich Antisemitismus heute? Gibt es Unterschiede zwischen Ost und West? Und welche Rolle spielt das Internet bei der Verbreitung antisemitischen Gedankenguts?

Mit einer israelischen Fahne stehen Teilnehmer einer Mahnwache vor der Synagoge am Fränkelufer.
Um Antisemitismus zu bekämpfen, sind Aufklärung und Zivilcourage in allen Ebenen der Gesellschaft nötig. Bildrechte: dpa

Der Sänger Gil Ofarim sitzt vor dem Eingang des Leipziger Nobel-Hotels Westin und spricht in die Frontkamera seines Handys. Er sei sprachlos, sagt er, und berichtet davon, wie ihn ein Mitarbeiter des Hotels nicht einchecken lassen wolle – weil Ofarim eine Kette mit Davidstern trägt. Das Video, das der Sänger am Abend des 4. Oktober aufnimmt, geht viral. Und obwohl die genauen Vorgänge noch nicht geklärt sind, ist die Aufregung womöglich genau deshalb so groß, weil antisemitische Beleidigungen in Deutschland salonfähig geworden sind. Ofarims Schilderung gibt eine von Tausenden offen geäußerten antisemitischen Anfeindungen in Deutschland pro Jahr wieder; aber nur eine der wenigen, die auf große Aufmerksamkeit und mediales Interesse stieß.

Antisemitische Äußerungen oft in Chiffren versteckt

Die Dunkelziffer ist hoch. Das weiß auch Marius Dilling. Er forscht am Else-Frenkel-Brunswik-Institut der Universität Leipzig zu demokratiefeindlichen Einstellungen mit Fokus auf Verschwörungsmentalität und Antisemitismus. In aktuellen Forschungsarbeiten, wie etwa der Leipziger Autoritarismus-Studie, beobachte er zwar eine Abnahme der antisemitischen Einstellungen. Das heißt: Weniger Menschen gäben in einer Bevölkerungsumfrage offen zu, antisemitisch eingestellt zu sein. Gleichzeitig nehme jedoch die Zahl gemeldeter antisemitischer Straftaten in Deutschland zu.

"Wir gehen davon aus, dass sich diejenigen, die antisemitische Einstellungen haben, zunehmend radikalisieren", sagt Dilling. Außerdem beobachte er ein anderes Phänomen, das in der Forschung als "Umwegkommunikation" bezeichnet werde: Wer antisemitisch eingestellt ist, sucht sich Umwege, diese Einstellung zu kommunizieren – etwa mit Chiffren, einer Abwehr der kollektiven Mitschuld am Holocaust, der Dämonisierung Israels.

Die Fakten: Die Anzahl der gemeldeten antisemitischen Straftaten ist von 2019 auf 2020 um 15,7 Prozent auf 2.351 Straftaten angestiegen. Etwa 95 Prozent wurden davon als rechtsmotiviert eingestuft. Ein ähnlicher Trend zeigt sich für 2021: Allein für das zweite Quartal 2021 wurden dem Bundeskriminalamt (BKA) insgesamt 558 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund gemeldet, darunter waren 16 Gewalttaten sowie 65 Propagandadelikte (Stand: 29. Juli 2021), teilte das Bundesministerium des Inneren auf Anfrage mit.

Unterschiede zwischen Ost und West

Seit 2002 untersuchen Wissenschaftler der Universität Leipzig unter Leitung des Sozialforschers Oliver Decker in der "Autoritarismus-Studie" die Entwicklung autoritärer und rechtsextremer Einstellungen in Deutschland. "Wir beobachten, dass in Ostdeutschland 9,5 Prozent der Befragten geschlossen rechtsextrem auftreten. In Westdeutschland sind es nur drei Prozent", sagt Marius Dilling, der unter Deckers Leitung forscht. Das übertrage sich auch auf den Antisemitismus. "In Ostdeutschland wiesen zuletzt 5,4 Prozent der Befragten eine antisemitische Einstellung auf, in Westdeutschland waren es 3,2 Prozent. In Ostdeutschland sind es eher jüngere Menschen, die eine solche Einstellung aufweisen – in Westdeutschland ältere."

Diese Zahlen nennt auch Mathias Berek, der am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin lehrt. "Die Zahlen im Osten haben mit dem gesamtpolitischen Klima zu tun und laufen parallel zur Rolle und der Stärke der AfD im Osten", so Bereks Einschätzung. Anhängerinnen und Anhänger der AfD stimmten in Umfragen antisemitischen Aussagen tendenziell wesentlich häufiger zu. Auch die demokratischen Institutionen und Akteure im Osten seien nach wie vor zu schwach, sagt Berek. Es gebe zu wenig Widerspruch in der Gesellschaft.

Seit der Wende sind Versäumnisse beim Aufbau sozialer und zivilgesellschaftlicher Strukturen gemacht worden. Dies rächt sich auch in einem stärkeren Antisemitismus.

Mathias Berek, Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin

Gleichzeitig sei die Demokratiezufriedenheit in Ostdeutschland geringer, sagt der Leipziger Wissenschaftler Marius Dilling: "Deprivationserfahrungen, also das Gefühl, abgehängt zu sein, sind im Osten häufiger. 57,2 Prozent im Osten fühlen sich als Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse. In Westdeutschland sind das nur 20 Prozent." Rechtsextreme Akteure, die sich in den letzten 30 Jahren in Sachsen weitestgehend frei entfalten konnten, griffen genau diese Deprivationserfahrungen auf, sagt Dilling und spannt ebenfalls den Bogen zur AfD: "Die AfD punktet vor allem auch in besonders strukturschwachen Regionen, also dort, wo das Gefühl, abgehängt zu sein, auf eine objektive Tatsache trifft, abgehängt zu sein."

Antisemitismus Online: Die Rolle der Sozialen Medien

Wer sich radikalisiert, tut das oft online. "Die Online-Welt bietet einen guten Nährboden für die Ausbreitung und Radikalisierung von Antisemitismus, aber er entsteht nicht dort", sagt Mathias Berek. Radikalisierung geschehe in den jeweiligen Blasen. Überall dort im Netz, wo Menschen ähnlicher Gesinnung zusammenkommen und die Möglichkeit besteht, antisemitisches Gedankengut schneller zu verbreiten. Und das geschehe nicht immer ganz offensichtlich antisemitisch, sondern auch in – bewusst oder unbewusst – gebrauchten Chiffren, ohne dass direkt von Juden die Rede ist: Wenn etwa auf Protesten gegen die Corona-Politik behauptet wird, jemand hätte das Virus in die Welt gebracht, um die Menschheit zu zerstören oder dass eine dämonische Macht im Hintergrund die Strippen ziehe und das Weltgeschehen lenke. Dennoch spiegeln solche Verschwörungsmythen eine antisemitische Weltsicht wieder. Das erklärt auch Nikolas Lelle, der Projektleiter der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Antisemitismus erfülle eine bestimmte Funktion, er personifiziere, er vereinfache und er entmenschliche komplexe Geschehnisse. "Deswegen ist er gerade auch in Krisenzeiten so attraktiv", sagt Nikolas Lelle. "Ob bei der Finanzkrise oder im Kontext der Coronapandemie, Menschen halten es schwer aus, Sachverhalte nicht zu verstehen, es gibt schnell das Bedürfnis, Dinge zu vereinfachen. Das mischt sich dann mit seit Jahrhunderten virulenten antisemitischen Verschwörungsmythen", so Lelle.

Antisemitismusprävention: Aufklärung und Zivilcourage

Auch das zeigt: Antisemitismus war immer da und nie wirklich weg. Doch seit dem Anschlag auf die Synagoge in Halle und dem Erstarken der Proteste gegen Corona-Maßnahmen habe der Antisemitismus in Deutschland eine neue Qualität angenommen, seien in der Mitte der Gesellschaft und auf der Straße angekommen, sagt Nora Goldenbogen, Vorsitzende des Landesverbades Sachsen der Jüdischen Gemeinden und Mitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland. Berichte wie der des Musikers Gil Ofarim gehören für sie zum Alltag. "Man ist nicht mehr verblüfft", sagt sie nüchtern. Was man dagegen tun könne? "Aufklärung und Zivilcourage – in allen Ebenen der Gesellschaft", sagt Goldenbogen.

Jüdinnen und Juden nähmen im Alltag konstant eine Bedrohung wahr. In der Gesellschaft dürfe es nicht als Normalzustand angesehen werden, dass jede Synagoge oder jüdische Institution in Deutschland von der Polizei geschützt werden müsse, mahnt auch der Berliner Wissenschaftler Mathias Berek. Die Bekämpfung von Antisemitismus könne nicht den jüdischen Gemeinden überlassen werden, es sei die Aufgabe jedes Einzelnen – am Küchentisch, "oder in der Schlange vor dem Hotel", sagt Berek. Dort, wo sich auch Gil Ofarim mehr Zivilcourage gewünscht hätte.

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland in Zahlen Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist heute die drittgrößte in ganz Europa. In der Bundesrepublik gehören aktuell rund 95.000 Menschen einer jüdischen Gemeinde an. Vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 hatten die jüdischen Glaubensgemeinschaften rund 560.000 Mitglieder.

Nach der Shoah drohten jüdische Gemeinden auszusterben, im Jahre 1950 lebten nur noch etwa 15.000 Jüdinnen und Juden in der Bundesrepublik Deutschland. Durch die Zuwanderung, vor allem aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, wuchs die jüdische Gemeinschaft wieder, seit 1990 sind mehr als 215.000 jüdische Migrantinnen und Migranten mit ihren Familienangehörigen nach Deutschland gekommen.

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Quelle: MDR Aktuell (nvm)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 09. Oktober 2021 | 19:30 Uhr

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