Corona Sind Ärzte und Wissenschaftler gegen den Lockdown?

In einem Positionspapier der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sowie zwei Virologen wird der Eindruck erweckt, ein Großteil der Ärzte und Wissenschaftler sei für die Abkehr von einem allgemeinen Lockdown. Doch stimmt das wirklich? Ein fatales Zeichen in Zeiten, in den sich das Virus rasant ausbreitet. Nun distanzieren sich mehrere Ärzteverbände – mit deutlichen Worten.

Krankenschwester mit Gesichtsschutzmaske
"Die Menschen sterben an und nicht mit Covid-19", sagt etwa der Bundesverband der Deutschen Pathologen und zieht seine Unterstützung für das umstrittene Positionspapier zurück. Bildrechte: Andrea Piacquadio/Pexels.com

Es ist kurz bevor Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schweren Herzens den November-Lockdown bekannt gibt. Am Mittag desselben Tages verkündet der Verband der niedergelassenen Ärzte, die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), etwas, was dem widerspricht. "Wir glauben, eine pauschale Lockdown-Regelung ist weder zielführend, noch ist sie umsetzbar", erklärte der Vorsitzende Dr. Andreas Gassen vor einer Woche.

Es ist ein Paukenschlag. In dem Positionspapier erklärt die KBV, was sie stattdessen will:

  • Kontakt-Nachverfolgung in den Gesundheitsämtern soll sich nur auf wichtige Gruppen konzentrieren, etwa bei Kontakt zu medizinischen Einrichtungen.
  • Einführung eines bundesweit einheitlichen Ampelsystems, das mehr einbezieht als allein die Zahl der Infektionen.
  • Konzentration auf Schutz von Risikogruppen wie etwa Alte oder Vorerkrankte.
  • Setzen auf Eigenverantwortung: Gebote statt Verbote.

Zudem heißt es in dem Positionspapier auch, dass dies ein "gemeinsamer Standpunkt von Ärzteschaft und Wissenschaft" sei. Auf der digitalen Pressekonferenz verkündete Vorsitzender Gassen: "Wir haben Unterstützung von vielen Verbänden, die insgesamt über 200.000 Ärzte vertreten." Am 30. Oktober sollen noch 26 Verbände und Organisationen diese Position unterstützen.

Anästhesisten und Intensivmediziner teilen Position der Regierung

MDR exakt hat alle angeschrieben und gefragt, ob diese Positionen – inklusive Ablehnung des Lockdowns – wirklich befürwortet werden. Nur sechs antworteten mit "Ja". Mehrere finden einzelne Ideen gut.

Dagegen hält etwa der Berufsverband der Deutschen Anästhesisten (BDA) die Maßnahmen im Papier für zu weich und lehnt das Positionspapier ab. "Das ist sicherlich ein Ansatz, der im September vernünftig erscheint. Doch Ende Oktober, Anfang November muss ich sagen: der ist gescheitert", sagt BDA-Präsident, Professor Götz Geldner. Denn die gleichen Ideen hätten bereits vor knapp zwei Monaten nicht funktioniert, sonst gebe es nicht derzeit zwischen 15.000 und 20.000 Neu-Infektionen täglich.

Zudem handelt sich offenbar auch nicht um einen Standpunkt "der Ärzteschaft". "Das ist ein Problem. Die Kassenärztliche Vereinigung ist nicht die Ärzteschaft, sondern die Bundesärztekammer repräsentiert die Ärzteschaft", erklärt der Medizinische Vorstand der Universitätsklinik Leipzig, Professor Christoph Josten. Die KBV repräsentiere nur die niedergelassenen Ärzte und "selbst dann kann man nicht behaupten, dass deswegen die Wissenschaft komplett hinter einem solchen Positionspapier stünde."

Renommierte Wissenschaftler warnen vor dramatischer Entwicklung

Dabei hatten gerade erst Ende Oktober sechs renommierte, deutsche Wissenschaftsorganisationen davor gewarnt, dass sich die Pandemie auch hierzulande so dramatisch entwickelt wie in anderen Ländern Europas. Unter der Überschrift "Es ist ernst" forderten sie in einer gemeinsamen Stellungnahme konsequente Maßnahmen, um die Zahl der Neu-Infektionen zu senken.

Auch die Intensivmediziner, die an vorderster Front stehen und täglich die schwer an Covid-19 erkrankten auf den Stationen behandeln, verweigern sich dem neuen Papier. Das Problem des KBV-Papiers sei, dass darin gar nicht erläutert werde, wie man den Umstand in den Griff bekommen könne, dass "die Zahl der schwer kranken Patienten steigt", erläutert der Präsident der deutschen interdisziplinären Vereinigung der Intensivmediziner, Professor Uwe Janssens. Damit sei ganz klar: "Wir konnten und können das nicht mit unterschreiben!"

Ein anderer Punkt: Nur die Risikogruppen zu schützen, wie es die KBV fordere, sei nicht machbar, erklärt die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, Professorin Sandra Ciesek. Sie ergänzt, dass laut einer Liste des Robert Koch-Instituts knapp 22 Millionen Menschen in Deutschland Risikopatienten seien. "Wenn man sich jetzt mal überlegt was das bedeutet: dann glaube ich merkt man, wie irrsinnig und wie schwierig das ist", sagt sie.

KBV rudert nach massiver Kritik zurück

Doch es gibt auch Befürworter der Positionen der KBV. "Es muss auch in dieser Phase darum gerungen werden, bei diesen Kollateralschäden für die Gesellschaft, welcher Weg wirklich der Beste ist", sagt der Leiter einer Corona-Schwerpunktpraxis in Leipzig. Der Allgemeinarzt Dr. Thomas Lipp unterstützt auch den Zeitpunkt der Verkündung. Die KBV habe sich außerdem lediglich gegen einen umfassenden, "totalen" Lockdown ausgesprochen. "Die sagen: Partiell ja! Schützt, macht den Lockdown - konsequent für die Risikogruppen! Und bei den anderen lasst es drüber laufen!“

Doch angesichts der bisherigen Wucht der zweiten Welle ist Einigkeit gefragt. Deshalb haben offenkundig sehr viele Mediziner ein Problem mit dem Zeitpunkt, zu dem das Papier vorgelegt worden ist. Professor Götz Geldner, Präsident des Berufsverbandes der Anästhesisten, weist darauf hin, dass man sich endlich auf Landes- und Bundesebene auf eine gemeinsame Linie geeinigt habe. "Jetzt eine neue Linie in die Diskussion zu bringen, verunsichert Menschen! Und das ist nicht in Ordnung!".

Der Bundesverband der Deutschen Pathologen erklärte: "Es ist an der Zeit, eine fachgebiets- und sektorenübergreifende Diskussion in der gesamten verfassten Ärzteschaft Deutschlands zum Pandemiegeschehen zu führen", so deren Präsident, Professor Karl-Friedrich Bürrig. Der Verband ziehe seine Unterstützung für das Papier zurück. "Auf medizinisch fundiertem Boden argumentieren wir schon seit Wochen unermüdlich gegenüber Öffentlichkeit und Politik, dass die Lage ernst ist. Die Menschen sterben an und nicht mit Covid-19." Das dürfte bei allen Diskussionen nicht verharmlost werden.

Am 2. November, vier Tage nach der Vorstellung des eigenen Positionspapiers, schrieb die KBV in einem Rundbrief: Die Beschlüsse der Bundesregierung habe man "zu keinem Zeitpunkt in Zweifel gestellt und werde das auch in Zukunft nicht tun". Man wird dies als ein Zurückrudern verstehen dürfen.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 04. November 2020 | 20:15 Uhr

15 Kommentare

Sachsin vor 26 Wochen

nicht wie befürchtet Weihnachten 20.000 sondern schon 6 Wochen früher und da rotten sich verantwortungslose vorsätzlich gegen notwendige Regelungen zusammen

Querdenker vor 26 Wochen

Zitat: „Sie ergänzt, dass laut einer Liste des Robert Koch-Instituts knapp 22 Millionen Menschen in Deutschland Risikopatienten seien.“

Daran sieht man finde, was für einen Unfug die Kassenärztliche Bundesvereinigung verbreitet hat.

Wir sind hier nicht in Nigeria mit einer Bevölkerungspyramide wie ein Weihnachtsbaum. Wir haben eine der ältesten Bevölkerungen der Welt mit einer Bevölkerungspyramide die einer Urne gleicht. In einer Urne werden sehr viele Bürger von Deutschland enden, wenn die Strategie der Herdenimmunität verfolgt wird.

siehe „g-f-v 19. Oktober 2020 Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie zu einem wissenschaftlich begründeten Vorgehen gegen die Covid-19 Pandemie“

Zitat: „Eine unkontrollierte Durchseuchung würde zu einer eskalierenden Zunahme an Todesopfern führen, da selbst bei strenger Isolierung der Ruheständler es noch weitere Risikogruppen gibt, die viel zu zahlreich, zu heterogen und zum Teil auch unerkannt sind, um aktiv abgeschirmt werden zu können. ..."

Brigitte Schmidt vor 26 Wochen

Bei aller Zustimmung zum Beitrag: "weitaus besser als diese Personen auf Corona-Demos!"

nennen wir die Personen einfach Bürger und fragen uns: Wer soll es sonst tun? Wer soll sonst für bürgerliche Rechte eintreten, wenn nicht der (wir) Bürger selbst?

(Wird bestimmt nicht veröffentlicht werden..)

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