Das Attentat von Halle und die Vorbilder

Der Angeklagte sitzt unter hohen Sicherheitsvorkehrungen im Verhandlungssaal im Landgericht Magdeburg
Der Angeklagte sitzt unter hohen Sicherheitsvorkehrungen im Verhandlungssaal. Bildrechte: dpa

Etwa zwei Monate nach dem Attentat von El Paso verübte dann Stephan B. am 09. Oktober ein Anschlag auf eine Synagoge und einen Dönerladen in Halle. Er tötete dabei zwei Menschen und verletzte mehrere weitere Personen. Er war sehr stark von den Attentätern von Christchurch, Neuseeland und El Paso, USA und deren sogenannten Manifesten beeinflusst. In einer Aussage gegenüber der Polizei nach seiner Verhaftung sprach er davon, dass das Attentat in Neuseeland für ihn der Auslöser seines eigenen Anschlags gewesen ist. Auch er unterlegte sein Tat-Video mit einer bestimmten Liste von rechtsextremen Liedern im Hintergrund.  

Stephan B. war endlose Stunden auf denselben rechtsextremen Imageboards wie die früheren Attentäter unterwegs und tauschte sich dort rege aus. Sein sogenanntes Manifest war sehr stark von Computerspielen beeinflusst. Auch auf der Spielplattform Steam, auf der der Rechtsextremist Farca seinen geplanten Anschlag ankündigte, der Attentäter von Neuseeland präsent war  und  die rechtsextreme Organisation „Atomwaffendivision“ mögliche Attentäter rekrutierte,  spielte und kommunizierte Stephan B. hunderte Stunden. Ein Propagandavideo der "Atomwaffendivision" wurde später auf seinem Computer gefunden. Trotz monatelanger Ermittlungen der Generalbundesanwaltschaft wurden seine Verbindungen und Kontakte auf diesen Boards und Plattformen bis heute nicht aufgeklärt.

Die Zukunft der einsamen Wölfe

Im September 2019 verhafteten FBI-Agenten ein Mitglied der Atomwaffen Division namens Andrew Thomasberg wegen illegalen Waffenverkaufs. In Nachrichten an Freunde nannte Thomasberg Brenton Tarrant einen "Heiligen" und beklagte die geringe Zahl der Toten bei dem Attentat in Poway. Er schrieb, es "hätte so gut sein können". Thomasberg prahlte vor Freunden, dass er "genug Ausrüstung und Nachschub" mit sich führte, "um einen neuen Highscore zu erzielen".

Kurz nach Thomasbergs Verhaftung wurde ein weiteres AWD-Mitglied namens Jarrett Smith wegen eines Telegramm-Chats verhaftet, in dem er einen verdeckten FBI-Agenten instruierte, einen improvisierten Sprengsatz zu entwickeln, um den Politiker der US-Demokraten Beto O'Rourke ins Visier zu nehmen. Einer von Smiths Kameraden, Timothy Wilson, verwaltete den öffentlich zugänglichen Telegrammkanal von der der Atomwaffen Division nahestehenden "Vorherrschaft Division". Er wurde in einer Auseinandersetzung mit Bundesagenten erschossen, als er in der Nähe von Kansas City versuchte, eine Bombe in einem Krankenhaus zu zünden in dem Covid-19-Patienten versorgt wurden.

Die Bewegung der "Boogaloo Boys"

Wilsons Versuch, am 24. März 2020 ein Krankenhaus in die Luft zu sprengen, erfolgte inmitten eines groß angelegten militanten Widerstands der rechtsextremen Opposition gegen die Covid-19 Gesundheits- und Sicherheitsbeschränkungen. Zu den Gruppen, die sich am meisten für den bewaffneten Widerstand gegen die von den Bundesstaaten erlassenen "Lockdown" einsetzten, gehörte eine wenig bekannte und locker organisierte Gruppe namens "Boogaloo Boys". Die Gruppe hat ihren Ursprung durch gemeinsame Memes auf 4chan. Die "Boogaloo Boys" wollen einen "zweiten Bürgerkrieg" herbeiführen und lehnen die ihrer Ansicht nach grenzüberschreitenden bundestaatlichen Maßnahmen ab.

Inmitten der wachsenden antirassistischen Proteste nach der Ermordung von George Floyd in Minneapolis schlossen sich die Boogalooers verschiedenen Seiten an und behaupteten oft, die Protestierenden vor Polizei und Plünderern zu schützen, während sie gleichzeitig antirassistische Proteste unterliefen. Bezugnehmend auf eine Seite aus Tarrants Manifest versuchte ein Boogalooer namens Aaron Swensen, einen Mord auf Facebook live zu streamen. Nur statt Muslime oder Juden zu töten, versprach Swensen, Polizeibeamte zu "jagen" und zu ermorden.

Wie Rassisten die Online-Welt nutzen

Wenn Swensens Tat etwas zeigt, dann nicht, dass die Meme Kultur des Internets Gewalt "im wirklichen Leben" reproduziert, sondern dass das Internet ein Ort ist, an dem das wirkliche Leben aktiv beeinflusst wird. Die Wiederholbarkeit der rechtsextremen  Memes ist in der Tat ein Reiz der Community. Durch die Förderung und Verbreitung von Memes können Rassisten dann die Online-Welt, die sie für sich selbst aufbauen, in der Öffentlichkeit propagieren. In dem Maße, wie die Memes in den öffentlichen Raum eindringen - zum Beispiel durch unbedrohliche Bilder wie von Pepe dem Frosch -  wird auch rechte Ideologie immer bekannter. Der Nachahmungsstil der Massenmorde, der auf dem basiert, was Tarrant als "einen Post für eine echte Lebensanstrengung" bezeichnete, besitzt eine bedrohliche Qualität, durch die rechtsextreme Ideen gewaltsam in den Alltag vordringen.

Die Frage bleibt: Wenn Internetforen Einzelkämpfer massenhaft reproduzieren, wann werden sich die Täter zu Gruppen zusammenschließen? Wenn Trump-Anhänger mit "Right Wing Death Squad"-Aufnähern und T-Shirts durch die Straßen von Städten in den USA marschieren und sich mit Milizen wie American Wolf als bewaffnete Opposition gegen antirassistische Demonstranten präsentieren, dann scheint die Zukunft beängstigend zu sein. Was auch immer geschieht, die Technologieunternehmen werden sich entscheiden müssen, ob sie gegen das Morden der "Einsamen Wölfe" vorgehen oder dabei helfen, ein neues Zeitalter paramilitärischer Gewalt einzuleiten.

Internationale Journalisten-Kooperation Das Projekt „Der Terror der einsamen Wölfe“ ist Teil einer internationalen Journalisten-Kooperation. Die Zusammenarbeit entstand auf der globalen Konferenz von Investigativjournalisten in Hamburg letzten September. Kurze Zeit später fand das Attentat in Halle statt. Daraufhin schlossen sich Trond Strom von der norwegischen Zeitung Aftenposten, Emanuel Stoakes der unter anderem für das neuseeländische Magazin Spinoff schreibt , der US-Amerikaner Alex Reid Ross vom „Center for Analysis of the Radical Right“ und Christian Bergmann vom MDR zusammen. Ziel der Kooperation war es die fast identischen Attentate von 2019 in Christchurch, Poway bei San Diego, El Paso, Baerum bei Oslo und von Halle zu untersuchen und miteinander zu vergleichen. In diesen Wochen stehen all die Täter dieser Anschläge weltweit vor Gericht. In den nächsten Wochen werden hier die Artikel der anderen Journalisten in einer deutschen Übersetzung erscheinen.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 21. Juli 2020 | 21:45 Uhr

Ein Angebot von

Mehr aus Deutschland

Vorschaubild eines Grafikvideos über den Wahlomat. Es zeigt den  Schriftzug des Wahlomat. 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit 2002 bietet die Bundeszentrale für politische Bildung den Wahl-O-Mat an – er soll helfen, Wahlprogramme auf konkrete Fragestellungen herunterzubrechen. Wie der Wahl-O-Mat funktioniert, erklärt das Grafikvideo.

13.05.2021 | 11:16 Uhr

Mi 12.05.2021 18:59Uhr 00:35 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/video-funktion-wahl-o-mat-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video