Protestbewegung in Belarus Die vergessenen Studenten aus Belarus

Studenten aus Dresden fürchten um die Sicherheit ihrer belarussischen Kommilitonen und fühlen sich vom Auswärtigen Amt im Stich gelassen. Denn das hatte 2019 ein Programm zur Förderung der Zivilgesellschaft in Belarus finanziert. Als die Teilnehmer genau dieses Wissen in der Demokratiebewegung anwendeten, wurden sie verhaftet oder mussten aus dem Land fliehen. Nun versuchen die deutschen Studenten irgendwie zu helfen.

Student Sascha schaut traurig im Exil in Polen.
Sascha lebt heute in Polen – aus Angst, so wie Eugen in Belarus im Gefängnis zu landen, sagt er. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Auswärtige Amt hat 2018 und 2019 ein Programm zur Stärkung demokratischer Werte für belarussiche Studenten in Minsk finanziert. Die jungen Leute waren begeistert – und als es im Sommer 2020 nach den umstrittenen Wahlen zu Demonstrationen kam, gingen sie auf die Straße. Doch nun sitzen einige von ihnen im Gefängnis, andere leben außer Landes in Polen. Doch während sich die ehemaligen Workshopleiter – Studenten der TU Dresden – große Sorgen um ihre Freunde machen, wurde das Auswärtige Amt trotz mehrfacher Bitte um Hilfe bisher nicht aktiv.

Es begann im Juni 2020 – mit den Massendemonstrationen in Minsk. Nach der Wiederwahl von Präsident Lukaschenko ist die Empörung groß. Damals sind auch die Studenten Eugen und Sascha auf der Straße. Sie geben ein Fernseh-Interview und sagen dem Reporter: "Das ist eine unangemeldete Demo, um faire Wahlen in Belarus zu unterstützen", sagte Eugen. "Ich hoffe, dass die Leute kommen."

Das Programm soll Demokratie in Belarus fördern

Jetzt sitzt Eugen – gerade Anfang 20 – in Haft. Er wurde zu viereinhalb Jahren verurteilt. Sascha lebt heute in Polen – aus Angst, so wie Eugen im Gefängnis zu landen, sagt er. "Ich war von Beginn der Proteste dabei. Und ich habe mich aktiv an den Menschenketten beteiligt". Dann sei er zum ersten Mal festgenommen worden. "Dann kam die Wahlen, die, wie Sie wissen, mit Fälschungen endeten. Der Protest wurde zerschlagen und die Folterungen begannen." Deshalb habe er Belarus verlassen müssen. "Jetzt wurde dort ein Strafverfahren gegen mich eröffnet."

Die beiden belarussischen Studenten hatten an dem zweijährigen Workshop des Auswärtigen Amtes teilgenommen. Ziel des Programms: Zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit und Stärkung des Pluralismus in Medien, Diskussion anstoßen über Unabhängigkeit der Gerichte – urdemokratische Werte. Alle belarussischen Teilnehmer waren begeistert. "Alle Leute hatten später Verbindungen in die Protestbewegung selbst oder waren Unterstützer", sagt der 21-jährige Sascha. "Ich denke, dass das Projekt eine Inspirationsquelle war und Beispiele lieferte, wie es sein könnte."

Teilnahme an Protesten für Demokratie wurde zum Verhängnis

Einer der Leiter des Workshops in Belarus war der Dresdner Informatik-Student Lutz Thies. Gemeinsam mit Kommilitonen hat er auch nach der Niederschlagung der Proteste Kontakt zu Sascha und weiteren ehemaligen Teilnehmer gehalten. Beim Workshop sei es genau darum gegangen, was später passiert ist, sagt er. Nämlich, sich für Demokratie und Meinungsfreiheit einzusetzen. "Das haben ja auch ganz viele gemacht. Eugen und Sascha waren ja nicht die Einzigen. Und einigen ist das jetzt zum Verhängnis geworden."

Erinnerungsfoto: Studenten aus Dresden und Belarus in einer Kneipe.
Die vergessenen Studenten aus Belarus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Dresdner Studenten sammeln seitdem Geld für ihre Freunde aus Belarus. Sie versuchen, Visa nach Deutschland zu organisieren. Hilfe hatten sie sich eigentlich auch vom Träger der Workshops, vom Auswärtigen Amt, erwartet, so Lutz Thies. Mehrfach versuchen die Studenten, Kontakt aufzunehmen.

Student fühlt sich vom Auswärtigen Amt im Stich gelassen

"Die beiden waren in dem Projekt mit die Zugpferde", sagt Lutz Thies. Nun sitze eine Person aufgrund ihres Engagements im Gefängnis. "Wir sehen nicht nur aus ethisch moralischen Gesichtspunkten, sondern gerade auch als Folge unserer bisherigen, vom Auswärtigen Amt finanzierten Arbeit vor Ort, eine Verantwortung seitens der Bundesrepublik Deutschland." Belarussische Studierende und Wissenschaftlerinnen sollten unterstützt werden, sagt er. "Insbesondere jene, die durch die bisherigen Austauschprogramme direkt mit Deutschland verbunden sind."

Doch bisher habe es keine Reaktion gegeben, erklärt Lutz Thies. Erst auf Nachfrage des MDR Nachrichtenmagazins exakt gibt es seitens des Auswärtigen Amtes überhaupt eine Reaktion. Ob es nun Hoffnung für den im Gefängnis sitzenden Eugen und für Sascha, der seine Heimat verlassen musste, gibt – bleibt abzuwarten.

Sascha fühlt sich vom Auswärtigen Amt im Stich gelassen: "Wenn Du es schon geschafft hast, aus dem Horror herauszukommen, ist das jetzt ein Gefühl der Ungerechtigkeit. Vorher hast Du von ihnen gehört und im Fernsehen gesehen, wie sehr sie dich unterstützen. Aber in Wahrheit tun sie nichts. Das macht mich nachdenklich."

Quelle: MDR exakt

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 01. September 2021 | 20:15 Uhr

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