Übersetzer in Kabul Wie ein deutscher Soldat einem Helfer aus Afghanistan hilft

Nadar hat als Übersetzer für die Bundeswehr in Afghanistan gearbeitet – und landete deshalb auf einer Todesliste der Taliban. Seitdem hat ein deutscher Soldat dafür gekämpft, dass er und seine Familie gerettet werden. Es scheiterte an Bürokratie und gelang am Ende doch mit viel Glück.

Nadar hat jahrelang für die Bundeswehr in Afghanistan übersetzt. Dem afghanischen Sprachmittler droht – nach dem Abzug der amerikanischen Truppen und ihrer Verbündeten – die Rache der Taliban. Ein früherer Kollege, der deutsche Soldat Enrico S., hat seit Monaten versucht, seinen Kollegen zu retten – in letzter Minute ist es ihm gelungen.

Vor einer knappen Woche ist Nadar aus Afghanistan ausgeflogen worden. Am Sonntag haben sich der 57-Jährige und Enrico getroffen. "Schurasti", sagt Enrico. "Schurstam. Du hast es nicht vergessen", antwortet Nadar. "Bist du zufrieden, dass du in Deutschland bist?", fragt der Soldat. "Ja", antwortet der Übersetzer. "Morgen ruft mich der Minister an, mit dem du auf dem Foto bist", erzählt Enrico. Der ehemalige Verteidigungsminister "will persönlich wissen, wie das bei dir gelaufen ist."

Foto mit Verteidigungsminister wird zum Verhängnis

Der ehemalige Verteidigungsminister ist Thomas de Maiziere. Der ist während seiner Amtszeit insgesamt 13 Mal nach Afghanistan gereist – auch Anfang 2013. Damals übersetzte Nadar und das ist auch auf einem Foto festgehalten worden. Für dieses Foto kam der Afghane bereits im Oktober vergangenen Jahres auf eine Todesliste der Taliban. Aus Sicherheitsgründen kann er nicht offen gezeigt werden.

Nadar
Enrico hat lange versucht seinen Übersetzer außer Landes zu bringen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seitdem versuchte Enrico seinen Übersetzer außer Landes zu bringen. Noch im Frühjahr dieses Jahres scheitert dies an deutscher und afghanischer Bürokratie. Zurzeit ist die Lage in Afghanistan und Kabul katastrophal. Viele Menschen warten am und vor dem Flughafen. "Es ist sehr, sehr schwer. Es sind viele Leute. Es ist sehr warm", sagt Nadar. "Die Soldaten, Amerikaner, afghanische Soldaten, die alle wollten schießen, damit die Leute ein wenig weggehen. Sehr viele Leute sind verletzt worden, die sind krank. Und viele Kinder sind überrannt worden und sind getötet worden oder verstorben. Ja, viele."

Familie in Deutschland angekommen

Nadar erhielt vom Einsatzführungskommando einen Anruf. Er stände auf der Liste auszufliegender Personen und solle sofort zum Flughafen kommen, hieß es. Doch am Airport wurde er abgewiesen. Die Info, dass er und seine Familie ausgeflogen werden sollen, ist bei den Soldaten vor Ort nicht angekommen. Dann entdeckte ihn ein Deutscher, der für die Amerikaner arbeitet, zufällig in der Masse und sorgt dafür, dass Nadar doch in den Flieger kann. Zum Glück habe es am Ende geklappt, dass Nadar und seine Familie in Sicherheit sind, sagt Enrico erleichtert.

In Deutschland ist die Familie nur mit dem angekommen, was sie auf dem Leibe trug, im Chaos am Flughafen ging das gesamte Gepäck verloren. Enrico hatte deshalb eine Tasche mit Kleidung für die Kinder und eine Telefonkarte besorgt. Jetzt kann Nadar seine Angehörigen in Kabul informieren, dass er in Sicherheit ist – anders als Tausende Ortskräfte, die noch immer auf Rettung in letzter Minute hoffen.

"Vielen, vielen Dank Herr Enrico, du solltest dir nicht so viel Mühe geben", sagt Nadar. Du hast dir sehr viel Mühe gegeben, bist viel gelaufen, das reicht – Trotzdem: Danke!"

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 25. August 2021 | 20:15 Uhr

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