Auswirkung des Kriegs in der Ukraine Deutsche informieren sich über Möglichkeiten zur Kriegsdienstverweigerung

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine ist das Interesse an der Bundeswehr gestiegen. Oft ist auch von Reservisten berichtet worden, die sich an die Dienststellen der Truppe richten, um ihre Hilfe anzubieten. Diese Motivation haben aber nicht alle. Im Gegenteil: Einige erkundigen sich offenbar nach Möglichkeiten, wie sie im Ernstfall den Kriegsdienst verweigern können.

Reservisten der Regionalen Sicherungs- und Unterstützungskompanie Sachsen trainieren im Rahmen der Wachausbildung auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz.
Reservisten der Bundeswehr auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz. Bildrechte: dpa

Bei der Vorstellung ihres Jahresberichtes Mitte des Monats hatte die Wehrbeauftragte der Bundeswehr von zwei gegenläufigen Tendenzen gesprochen. Ja, das Interesse an der Truppe habe spürbar zugenommen, so Eva Högl.

Es gebe aber auch die andere Seite. So werde jetzt vielen klar, dass wenn sie sich für die Bundeswehr interessieren oder sogar dafür entscheiden, es eben nicht – wie es vielleicht die ein oder andere Diskussion oder auch Kampagne in den letzten Jahren suggeriert hat – vergleichbar ist mit einem Job im Büro oder einer KFZ-Werkstatt sei. Sondern, so Högl, dass es "tatsächlich ziemlich ernst ist und man im Zweifelsfall auch mit dem Leben dafür einsteht."

Menschen, die keinen Wehrdienst gemacht haben, wollen verweigern

Dass die Zweifel bei dem einen oder der anderen wachsen, bemerkt man auch bei der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden – kurz EAK. Dort können all jene um Rat bitten, die mit dem Gedanken spielen, den Kriegsdienst verweigern zu wollen.

Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine habe sich spürbar etwas bewegt, sagt EAK- Vorstandsmitglied Michael Zimmermann. "Bisher hatten wir so circa zwei Anfragen im Monat meist von aktiven Soldatinnen und Soldaten zum Thema. Und jetzt hat sich das massiv gesteigert, zwei bis zehn Anfragen pro Tag." Auch die Zielgruppe habe sich verändert, derzeit würden sich kaum aktive Soldaten informieren. "Ich könnte fast sagen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg noch keine. Das sind Reservisten und es sind vor allem Ungediente."

Es informieren sich also vermehrt Menschen, die gar keinen Wehrdienst abgeleistet haben, über eine Kriegsdienstverweigerung. Zimmermann schätzt das Verhältnis der Ratsuchenden auf zwei Drittel Reservisten zu einem Drittel Ungediente. In wie vielen Fällen so eine Beratung tatsächlich zu einem Antrag auf Kriegsdienstverweigerung führt, ist unklar.

Reservistenverband sieht keinen Anstieg der Verweigerungen

Nachgefragt beim Reservistenverband, sagt Verbandspräsident Patrick Sensburg: "Uns sind gar keine Fälle in diese Richtung bekannt. Es gibt auch keine gestiegene Zahl an Kriegsdienstverweigerern bei den Reservisten. Wir bewegen uns in all den Jahren in der Vergangenheit im einstelligen Bereich. Zwei, drei, vier Fälle pro Jahr. Genau diese Zahl haben wir auch jetzt festzustellen. Es gibt auch überhaupt keine Sorge, dass Reservisten in einen Kriegseinsatz müssten."

Es gibt auch überhaupt keine Sorge, dass Reservisten in einen Kriegseinsatz müssten.

Patrick Sensburg Präsident des Reservistenverbands

Nachprüfen lässt sich das nicht. Fest steht: Seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine ist die Zahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung in den Karrierecentern der Bundeswehr in die Höhe geschnellt. Auf Anfrage von MDR Aktuell berichtet das Bundesverteidigungsministerium, es seien innerhalb eines knappen Monats rund 330 solcher Anträge eingegangen.

Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr seien es insgesamt 209, in den Jahren davor noch deutlich weniger gewesen. Ob es sich bei den Antragstellern aber um Aktive, Reservisten oder Ungediente handelt, schlüsselt das Ministerium nicht auf.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 30. März 2022 | 08:38 Uhr

7 Kommentare

kleinerfrontkaempfer vor 8 Wochen

Nun tobt ein schrecklicher bewaffneter Konflikt quasi vor der "Haustür" des doitschen Vaterlandes. Und schon wird die Frage der Wehrbereitschaft akut.
Nach dem Ende des kalten Krieges haben unzählige Kriege und bewaffnete Auseinandersetzungen weltweit getobt und tun es noch. Halt schön weit weg vom Vorgarten und dem kuschligen Wohnzimmer. „Was in zehntausend Kilometern Entfernung geschieht, ist nicht geschehen.“ (Harry Mulisch, holländ.-jüdischer Schriftsteller).
Mit dieser Einstellung ließ es sich gut leben. Nun die Frage kann ich zur Waffe greifen, einen anderen Menschen töten? In ihrer ganzen Brutalität steht das noch nicht an. Was es aber aus Menschen macht, sollten über 55 Millionen Tote des II. WK immer wieder wachrufen. Und das hohe politische Personal entsprechend klug und weitsichtig handeln. Krisen und damit verbundene Betätigungsfelder gibt es wahrlich genug.

lk2001 vor 8 Wochen

Es geht letzlich um den Schutz der Liebsten. Ich möchte mir nicht Vorstellen wie es den Ukrainischen Frauen und Kindern gehen würde wenn ihre Männer feige davongelaufen wären. Putins Truppen wären schon an der Nato Grenze gewesen. In diesem Lande wird nur noch die Hand aufgehalten und geschaut das andere den schwarzen Peter bekommen. Ich war 4 Jahre Zeitsoldat und auch jetzt mit fast 50 wüsste ich wo mein Platz wäre. Und nein ich fühle mich nicht als Zivilisten. Natürlich sind die Zeiten vorbei als ich als Sanitätsunteroffizier Verwundete durch den Wald schleifen konnte. Aber das heißt doch nicht das es keine Aufgaben im Ernstfall mehr geben würde. Jede Hand würde gebraucht. Selbst wenn es das Ausbilden von Soldaten ist. Ich weiß nicht wo die Kriegsdienstverweigerer dann hin wollen. Ich fürchte 80 Millionen werden kämpfen müssen oder sich unterwerfen. Europa ist am Atlantik zu Ende.

Thommi Tulpe vor 8 Wochen

Ob man seine Liebsten in heutigen Zeiten noch mit der Waffe in der Hand aus irgendeinem Schützengraben heraus verteidigen kann, wage ich zu bezweifeln.
Kommt es zum Äußersten wird das sicher ähnlichen "Erfolg" haben, als wenn normale, militärisch nicht geschulte ukrainische Bürger heldenhaft versuchen, russische Panzer mit Molotow-Cocktails aufzuhalten!?

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