Patenschaftsprogramm Bundeswehrsoldaten kümmern sich um Geflohene aus Afghanistan

Vom Hindukusch nach Deutschland: Seit 2013 bringt die Bundeswehr ehemalige afghanische Ortskräfte mit Paten zusammen. Das sind meistens deutsche Soldatinnen und Soldaten. Einer von ihnen ist Jens Köhler. Seit Juli gibt er einer sechsköpfigen Familie aus Masar-e-Scharif Starthilfe in der neuen Heimat: im sächsischen Schkeuditz.

Humanitäre Hilfe der Bundeswehr
Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr helfen Ortskräften aus Afghanistan – auch hier in Deutschland. Bildrechte: dpa

Familie Sharif hat es geschafft. Mitte Juli konnte sie Afghanistan mit einem Visum verlassen – rund einen Monat bevor Bilder von Menschen, die sich am Kabuler Flughafen verzweifelt an startende Maschinen klammern, um die Welt gegangen sind. Der Familienvater war Ortshelfer der Bundeswehr. Im Camp Marmal hat er als Reinigungskraft gearbeitet und konnte damit für die sechsköpfige Familie sorgen. In Deutschland angekommen, sind die Sharifs auf Hilfe angewiesen. Aber sie haben Glück.

Die Bundeswehr hat der Familie einen Starthelfer vermittelt: Jens Köhler, 31 Jahre alt, Zeitsoldat aus Leipzig. "Als Soldat identifiziere ich mich irgendwie mit den Ortskräften, obwohl ich selbst nie in Afghanistan war. Ich wollte helfen und habe mich dann im Juli als Pate gemeldet."

Kurz nach seiner Entscheidung war Jens Köhler auch schon konfrontiert mit den unzähligen Problemen einer afghanischen Familie, die ein neues Leben in Deutschland beginnen möchte. "Die Vermittlung ging tatsächlich sehr schnell. Eigentlich ging es sofort los." Hilfe brauche die Familie im Grunde in allen Lebensbereichen – bei der Wohnungssuche, bei Anträgen, Schul- und Kitasuche. Dafür gehe schon mal ein Urlaubstag drauf. Die Patenschaft ist komplett ehrenamtlich.

Wenige Brocken Englisch – sprachlich der einzige gemeinsame Nenner

Eine der größten Schwierigkeiten: die Sprachbarriere. Ganz wenige Brocken Englisch, die der Vater kennt, sind sprachlich der einzige gemeinsame Nenner. Auch das lateinische Schriftsystem ist der Familie fremd. "Das geht dann nur mit Händen und Füßen, manchmal rufen wir einen Afghanen an, der Deutsch spricht und dann durchs Telefon übersetzt", sagt Jens Köhler. Das Wichtigste sei am Anfang gewesen, den Hartz-IV-Antrag auf den Weg zu bringen. "Damit die Familie erstmal Geld hat. Inzwischen sind zum Glück die wichtigsten Pflöcke eingeschlagen."

Bastian Clasen, 25 Jahre alt, könnte das noch bevorstehen. Der Leipziger Oberleutnant hat sich Ende Mai dazu bereiterklärt, Pate zu werden. Jetzt wartet er auf seinen ersten Einsatz im Zeichen der Integration. "Ich finde es schon richtig, die Leute hier beim Ankommen zu unterstützen, auch wenn ich weiß, was das für einen Zeitaufwand bedeuten kann. Ich habe einfach Lust darauf", erzählt er.

60 aktive Patenschaften durch die Bundeswehr vermittelt

Soldatinnen und Soldaten können auf zwei Wegen Patenschaften für ehemalige afghanische Ortskräfte übernehmen. Zum einen ruft die Bundeswehr in den eigenen Reihen dazu auf, den Neuankömmlingen Starthilfe zu geben. Die Bereitschaftserklärungen dafür landen in der Koordinierungsstelle Patenschaften beim Einsatzführungskommando der Bundeswehr im Landkreis Potsdam auf dem Schreibtisch von Hauptbootsmann Marco. Seinen vollen Namen möchte der Soldat nicht nennen.

Kollegen, die sich für Menschen aus Afghanistan einsetzen, hätten zuletzt Anfeindungen erlebt. Andererseits: "Die Bereitschaft, eine Patenschaft zu übernehmen, ist gerade außergewöhnlich hoch." Derzeit liefen bereits rund 60 aktive Patenschaften. Etwa 250 Paten seien noch verfügbar, täglich kämen weitere dazu. Allerdings könne man nicht jeden Ehrenamtlichen mit jedem Neuankömmling verknüpfen. "Das muss räumlich natürlich passen."

So wie es bei Jens Köhler und Familie Sharif gepasst hat. Zustandegekommen ist ihre Verbindung allerdings nicht über die Koordinierungsstelle der Bundeswehr, sondern über den Verein "Patenschaftsnetzwerk afghanische Ortskräfte". Das ist der zweite Weg für Angehörige der Bundeswehr, eine Patenschaft zu übernehmen – wobei der Verein auch zivile Patinnen und Paten vermittelt. Außerdem sammelt er Spenden und tritt öffentlich für die Belange der afghanischen Ortskräfte ein.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. August 2021 | 11:00 Uhr

169 Kommentare

Soldaten Norbert vor 7 Wochen

Leider hat er den Soldaten viel zu spät gedankt !!! Warum nicht vor wenigen Wochen ? Da war keine Steinmeier, keiner hoher Politiker vor Ort, um die Soldaten zu begrüssen und für ihr Engagement zu danken ! Denken sie mal darüber nach . Früher noch, da nannte man das Heuchelei.

SZ Rentner vor 7 Wochen

@ Peter
" Tausende Menschen aus Afghanistan in Sicherheit gebracht " Wieviele davon waren Ortskräfte ❓
Wenn mich nicht alles täuscht war auch das KSK dabei . KSK da war doch mal was ❓ Wenn man sie halt braucht 🤷‍♂️🤷‍♂️🤷‍♂️

JanoschausLE vor 7 Wochen

Der selbsternannte "beste Präsident aller Zeiten" Trump hat unter Ausschluss der regulären afghanischen Regierung, aller Verbündeten, der im Land tätigen Ausländer und dem afghanischen Volk "Verhandlungen" mit den Verbrechern geführt. Demokratische Werte verraten. Bei ihm ist sehr gut vorstellbar nicht ohne egoistischen Eigennutz. Vielleicht waren es auch Geschäftsverhandlungen im Sinne seines Imperiums für die Zeit nach seiner Präsidentschaft, wer weiß... Zum Thema "selbsternannt bester...", solch selbsternannt Bester hatten wir ja auch in DE. Herr Brandtner, ein Jurist, also eigentlich Fachkraft, nannte sich nach seiner Abwahl als Vorsitzender des Rechtsausschusses in der nachfolgenden Pressekonferenz auch selbst "als den besten Ausschussvorsitzenden in der Geschichte der Bundesrepublik".Muss bei Rechten wohl so sein, Selbstuberschätzung.Dabei war er der erste in der Geschichte der BRD,der abgewählt werden musste,schon wegen Unfähigkeit.Sein Gezwitscher b. Twitter war letzter Tropfen

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