Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
SachsenSachsen-AnhaltThüringenDeutschlandWeltLeben
Die meisten Bunker-Anlage im Osten von Deutschland sind nach dem Ende der Sowjetunion nicht mehr bewirtschaftet worden. Luca (links) und Tim haben eine solche Anlage gefunden - und einen Experten befragt, ob dieser noch einsatzbereit ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ukraine-KriegLost Place oder letzter Schutz: Wie Menschen nach Bunkern suchen

von MDR exactly

Stand: 21. Juni 2022, 05:00 Uhr

In der Schweiz gibt es für jeden Einwohner einen Platz in einem Bunker. In Deutschland hat der Staat nur sehr wenige solcher Plätze – Keller, Tunnel oder Tiefgaragen würden auch einen gewissen Schutz bieten. Doch ist das ausreichend? Auch angesichts des Ukraine-Krieges machen sich nun viele Menschen selbst auf die Suche nach einem Bunker-Platz.

Mitten im Nirgendwo, irgendwo in Sachsen-Anhalt, ragt ein kleiner Betonklotz aus der Erde. Rundherum: Wiese, Wald und Feld. In dem Betonklotz ist ein kleines Loch, gerade breit genug, dass ein Mensch hindurchpasst. Es ist der einzige Eingang in einen alten Bunker. Wer diesen freigebuddelt hat, ist unklar. Tim und Luca setzen Masken auf, um sich vor Asbest zu schützen, schalten die Taschenlampen an und klettern hinein.

Tim (links) und Luca mussten eine Weile suchen, bis sie einen Eingang in die alte Bunker-Anlage gefunden haben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tim ist ein "Urbexer" – ein Urban Explorer. Er sucht hobbymäßig nach verlassenen Bunkeranlagen. Tim und Luca haben zusammen schon diverse Anlagen in Ostdeutschland erkundet. Die Koordinaten für den Bunker in Sachsen-Anhalt hat Tim in einem Forum gefunden und nach ein bisschen Suchen die Anlage auch gefunden. Es riecht muffig. Zahlreiche graue Gänge führen zu zahllosen Räumen. Metallgestelle für Betten stehen an den Wänden, doch Matratzen fehlen. Der Bunker ist vor rund 30 Jahren verlassen worden.

Laut Tims Recherchen wurde diese Anlage von sowjetischen Streitkräften für den sogenannten Troposphärenfunk gebaut, vermutlich irgendwann Ende der Siebziger Jahre. Über die Technologie sollte eine Kommunikation zwischen Führungskräften im Falle eines atomaren Angriffs aufrechterhalten werden. Dieser Bunker sollte also atomsicher sein.

Keine Schutzraum-Anlage für Zivilschutz im Osten von Deutschland

Nach der Wende sind einige solcher Anlagen zu Kampfmittel-Verdachtsflächen ernannt worden, meint Tim. "Die mussten erstmal beräumt und gesichert werden." Später habe es dann Renaturierungs-Programme für solche militärischen Flächen gegeben. Für die Anlagen gab es keine Verwendung mehr, wie die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben gegenüber MDR exactly bestätigt. Die Konsequenz: Seit vielen Jahren hat sich niemand mehr darum gekümmert – und sie sind teilweise in Vergessenheit geraten.

Wie viele Bunker es in Ostdeutschland gibt, ist unklar. Die Innenministerien der Länder konnten dazu auf Anfrage von MDR exactly keine Auskunft geben. "Wenn ich jetzt mal eine Zahl nennen würde, ich würde sagen, es sind einige 100", schätzt Tim. Das Problem sei, dass von den militärischen Anlagen ja niemand wissen sollte – im Gegensatz zu den zivilen Schutzräumen.

"Von ursprünglich 2.000 öffentlichen Schutzräumen für die Zivilbevölkerung, die in Privateigentum sowie im Eigentum von Kommunen standen, gibt es noch rund 600 Anlagen, die formal dem Zivilschutz gewidmet sind", teilt die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben mit. Keine davon steht im Osten von Deutschland. Weiter heißt es:

Diese Anlagen sind jedoch derzeit nicht mehr einsatzbereit, da die Bewirtschaftung bereits 2007 überwiegend eingestellt wurde.

Bundesanstalt für Immobilienaufgaben

Ebay-Kleinanzeigen: Einige User suchen aktuell nach Bunker-Plätzen

Doch auf ebay-Kleinanzeigen gibt es User, die nach Bunkern und Plätzen suchen. Seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine tauchen solchen Anzeigen auf, wie Recherchen von MDR exactly ergeben haben. Für einen Platz werden etwa 1.000 Euro geboten. Ein anderer User bietet 20 Plätze in einer Anlage an. Doch mit den Reportern möchte niemand sprechen. Die Angst ist zu groß, dass herauskommt, wo sich die Bunker befinden – und die dann überrannt werden könnten. Die Suchenden wiederum scheuen die Öffentlichkeit, weil sie Angst haben, als verrückt gekennzeichnet zu werden.

Statt privater Bunker könnte auch der Staat eine Struktur an Bunkern schaffen, doch das will der Bund nicht: "Bereits die geltende Konzeption Zivile Verteidigung aus dem Jahr 2016 weist darauf hin, dass die flächendeckende Bereitstellung öffentlicher Schutzräume nicht realisierbar ist und in Anbetracht von Ereignissen mit kurzer oder fehlender Vorwarnzeit nur sehr eingeschränkt geeignet ist, ausreichende Schutzwirkung zu entfalten", so das Bundesinnenministerium. Doch unabhängig davon gebe es auch flächendeckend "Bausubstanz, die unter bestimmten Voraussetzungen bereits einen signifikanten Schutz vor dem Einsatz von Kriegswaffen bieten kann." Damit sind Tiefgaragen, Tunnel oder Keller gemeint, die einen gewissen Schutz bieten.

Ein Mann will Bunker für Tausende Menschen bauen

Doch das reicht nicht allen Menschen aus. Joachim Strufe plant ein Mehrfamilienhaus in Osterrönfeld bei Rendsburg in Schleswig-Holstein zu bauen. Seit drei Jahren wartet er auf eine Baugenehmigung. Mit dem Ausbruch des Kriegs kam ihm die Idee, doch direkt noch eine Bunkeranlage anzubauen für ganze 2.500 Menschen.

"Ich denke viel an meine Kinder", sagt Joachim Strufe. Seine beiden Töchter würden nie in der Lage sein, sich selbst einen Bunker zu bauen. Die würde er aber gern schützen wollen. "Ja, ich weiß nicht, ob ich als Mann überhaupt da reinkomme. Im Ernstfall..." Doch wie das dann entschieden werde, sei erstmal egal, denn schließlich fehle ohnehin noch die Genehmigung.  

Eine andere Frage ist: Braucht es für die 5.000 Einwohner von Osterrönfeld einen solch riesigen Bunker? Aktuell wird darüber auch kontrovers im Gemeinderat diskutiert. "Ich sage mal so: Wir haben hier eine Hochbrücke, wir haben hier eine Autobahn. Ja, wir haben hier ja einen Teil des Nord-Ostsee-Kanals", sagt Joachim Strufe. "Wir haben drei Werften hier. Es sind auch Ziele, die interessant sein könnten." Aus seiner Sicht könnten dies Ziele für Bombenangriffe sein. Deshalb für den Zweifelsfall: "Also lieber haben als brauchen."

Für den Bau sucht sich Joachim Strufe Hilfe in der Schweiz, das habe ihm der Zivilschutz empfohlen. Auf der Homepage des dortigen Bevölkerungsschutzes gibt es Hunderte PDF´s, Excel-Tabellen und Dokumente, in denen im Detail erklärt und berechnet wird, wie ein Schutzraum gebaut sein muss, um gegen diese und jene Gefahr zu bestehen – alles öffentlich zugänglich.

Der Bunker von Joachim Strufe soll für drei bis vier Monate insgesamt 2.500 Menschen Schutz bieten. Wie das logistisch gehen soll, weiß er noch nicht, ebenso fehlt ein Plan für die Finanzierung. Er hofft auf das Interesse der Anwohner. Theoretisch gäbe es in Osterrönfeld schon einen Ort, der als Schutzraum genutzt werden könnte: Im Tunnel unter dem Nord-Ostsee-Kanal könnten mehrere 100 Menschen Platz finden.  

Schweiz: Ein Platz im Bunker für jeden Einwohner

Adriano Meili ist stellvertretender Kommandant einer Zivilschutz-Organisation der Schweiz und kümmert sich auch um Schutzräume. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch atomaren Angriffen würde etwa dieser Tunnel nicht standhalten. Für solch eine Katastrophe hat Deutschland keinen flächendeckenden Schutz für die Zivilbevölkerung – im Gegensatz zur Schweiz. Dort gibt es neun Millionen aktive Bunkerplätze für 8,6 Millionen Einwohner.

"Jeder in der Schweiz hat die Pflicht, sich einem Dienstpflicht-System zu stellen. Entweder Armee, Zivildienst oder dann Zivilschutz", sagt Adriano Meili, stellvertretender Kommandant der Zivilschutz-Organisation ZSO Hardwald bei Zürich. Die Freiwilligen im Zivilschutz kümmern sich unter anderem um die Schutzräume.

In der Schweiz sind das viele: Unter fast jedem Wohnhaus gibt es einen Bunker – und einer gleicht dem anderen. Es nennt sich das Schweizer Modell. So soll gesichert werden, das alles funktioniert. Der Eingang ist eine Panzertür. "Die hat rund zweieinhalb Tonnen Gewicht", sagt Adriano Meili, während er im Keller eines Mehrfamilienhauses steht. Die Tür ist weiß, die Wände sind weiß und alles ist Atomsicher. "Bis eine Kilotonne Atombombe", so der stellvertretende Kommandant. Zum Vergleich: Die Atombombe auf Hiroshima hatte eine Sprengkraft von 13 Kilotonnen.

Kann jeder Keller zum Schutzraum werden?

Die Bunker dürfen und werden auch als Keller genutzt werden. Oder richtig ausgedrückt ist es andersrum: Bis 2012 was es bei jedem Neubau Pflicht, aus einem Keller auch einen Bunker zu machen. Seit zehn Jahren gilt dies nur noch bei größeren Neubauten.

"Wenn es mal keine Stromversorgung hat, hat man hier drunter eine Kurbel", erklärt Adriano Meili, während er in einem der Keller-Räume steht, in dem viele wichtige Geräte untergebracht sind. Aktivkohlerfilter zur Luftreinigung, ein spezielles Kabel für den Radioempfang oder eben diese Kurbel. Denn falls mal der Strom ausfällt, muss kräftig gedreht werden – auch um zu lüften. Denn ab und an muss Frischluft reingelassen werden.

"Also jetzt läuft die Anlage elektrisch. Jetzt haben wir auch einen Überdruck im Keller", so der Mann vom Zivilschutz. Der Überdruck ist extrem wichtig, damit keine gefährlichen Stoffe in den Schutzraum eindringen können. Alles in den Schutzräumen ist genormt, gesichert und geprüft.

Doch wie bewertet der Schweizer Experte eigentlich die alte Bunker-Anlage in Sachen-Anhalt, in der Tim und Luca waren? "Also grundsätzlich sieht die Hülle intakt aus, außer das Loch, wo ihr hier reingegangen seid", sagt Adriano Meili, während er die Aufnahmen anschaut. "Es ist die Technik, die ersetzt werden muss. Aber aus diesem könnte man sicher was machen." Die Frage sei jedoch, was es koste. Doch günstiger als ein kompletter Neubau sei es auf jeden Fall. Die Frage ist, ist das wirklich notwendig und vor was sollte ein solcher Bunker am Ende schützen können und für wie lange?

Quelle: MDR exactly/ mpö

Mehr zum Thema Bunker

Dieses Thema im Programm:MDR+ | MDR exactly | 20. Juni 2022 | 17:00 Uhr