MDR-Dokumentation Corona: Bleibt alles anders?

15 Monate, 90.000 Tote, 3,7 Millionen Infizierte. Die Corona-Pandemie hat unser Leben verändert wie kaum ein anderes Ereignis der jüngeren Geschichte. Doch nun beginnt die Urlaubsplanung, Masken fallen und Restaurants öffnen wieder. Wir scheinen zur "Normalität" zurückzukehren. Doch was ist "normal" und kann es ein "normal" nach Corona überhaupt geben? Oder bleibt alles anders?

Frau in einem großen Ballon
Mit Corona in die Zukunft? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit dem März 2020 ist die Welt eine andere. Der Ausbruch der Corona-Pandemie war der Beginn einer Krise mit historischem Ausmaß und je länger sie andauert, desto klarer zeichnet sich ab, dass es ein "zurück zu vorher" für viele nicht hundertprozentig geben wird. Die Pandemie scheint auch eine Zeit, um sich neu zu definieren, inne zu halten. Wir haben Menschen in Mitteldeutschland getroffen und gefragt: Bleibt alles anders?

Anja Schulz möchte mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen

Frau
Anja Schulz, Kosmetikerin aus Chemnitz: "Ich möchte eine Ballettvorstellung meiner Tochter anschauen, wenn das wieder möglich ist." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die 41-jährige Chemnitzerin musste während der Lockdowns ihr Kosmetikstudio schließen. Die alleinerziehende Mutter zweier schulpflichtiger Kinder möchte nach Corona mehr Zeit mit ihren Sprösslingen verbringen.

Ich hatte mich als Kosmetikerin selbständig gemacht. Bis man sich etabliert, dauert es drei bis fünf Jahre. Corona schlug in meinem dritten Jahr zu. Beruflich war das zwar eine Katastrophe, aber ich hatte auch Glück: Mein ehemaliger Chef schlug vor, dass ich ihn im Testzentrum unterstütze, ich bin gelernte Pharmazeutisch Technische Assistentin.

Arbeit und dann auch noch Homeschooling unter einen Hut zu kriegen, fiel mir schwer. Ich fühlte mich oft überfordert. Ich will doch nur das beste für meine Kinder, aber ich bin doch keine Lehrerin! Wenn meine Kleine anfängt zu weinen, weil sie etwas nicht versteht, dann bricht mir das mein Mutterherz. Die Lehrer haben so etwas doch viel besser im Blick als ich.

Aber diese Zeit hat uns als Familie zusammengeschweißt. Wir sind intensiver im Gespräch. Wir kochen gemeinsam, wir spielen gemeinsam. Wir haben ein besseres Miteinander gefunden. Ich habe mir vorgenommen, die Zeit mit meinen Kinder intensiver zu nutzen, sie mehr zu genießen. Wenn es wieder möglich sein wird, möchte ich nun endlich einmal eine Ballettaufführung meiner Tochter besuchen - dafür hatte ich vor Corona keine Zeit. Oder besser: Dafür habe ich mir keine Zeit genommen.

Markus Huber möchte sich auch nach Corona sozial engagieren

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Markus Huber: "Der Virus gehört zu unserem Leben, er wird nicht einfach wieder verschwinden." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Berufsmusiker Markus Huber (52) aus Gotha stand monatelang hinterm Herd statt auf der Bühne.

Orchestermusiker haben einen Job, der Job heißt, Musik machen und aus dem Musikmachen heraus resultiert das Monatsgehalt und Geld verdienen und nicht umgekehrt. Und wenn man das vergisst und manche vergessen das, dann wird es bedenklich. Und dann muss ich auch als seriöser Mensch einschreiten und sagen, so kann es nicht funktionieren. Wir dürfen das nicht zum Normalfall werden lassen, dass wir nicht spielen und trotzdem unser Geld verdienen. Aus dieser Blase müssen wir raus. 

Ich versuche zu beweisen, dass man in dieser absurden Situation, die für mich alles andere als befriedigend ist, irgendwas macht, etwas Produktives macht, dass man, dass man nicht in sich zusammensackt, sondern dass man sich aufrecht hält. 

Die Institution Mehrgenerationenhaus in Gotha, eine Begegnungsstätte mitten in der Stadt, die faszinierend ist, die nachhaltig ist und die sehr sozial eingestellt ist - die haben gesagt, ja dann kommen sie halt zu uns und kochen für uns. So bin ich auf dem Posten für vegetarische, respektive vegane Ernährung, was mein Steckenpferd ist, auch privat, bin ich auf diesen Posten gelandet und koche seitdem jeden Montag für den ganz normalen Geschäftsbetrieb.

Rex hat einen guten Freund gefunden

Mann
Rex ist Flaschensammler: "Ich wäre fast zusammengebrochen, weil ich dachte, das kann jetzt nicht sein, dass du nicht mal mehr was zu essen zusammen kriegst." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Rex ist seit 30 Jahren wohnungslos. Er finanziert sich über das Flaschensammeln. Vor Corona ist er drei bis fünf Stunden durch die Stadt gefahren und hat sich so sein Geld "zusammen gesammelt".

Ich bin Rex und seit schätzungsweise 30 Jahren wohnungslos. Ich werde es wahrscheinlich auch bleiben. Ich lebe vom Flaschenpfand. Früher, vor Corona war ich ständig in der Stadt unterwegs und habe überall gesammelt. Aber durch diesen Virus findet man fast gar nichts mehr oder nur sehr wenig.

Ich hatte überlegt, mit dem Betteln anzufangen. Aber ich hasse Betteln. Ich will nicht nur die Hand aufhalten. Jeder muss für sein Geld arbeiten. Dann kam mein Freund Lars auf eine Idee: Er hat einen Kalender für mich im Internet veröffentlicht, wo Nachbarn und Bekannte eingeben können, wann ich Leergut bei ihnen abholen kann. Quasi als Spende. Lars hat mir sogar ein altes Iphone dafür organisiert. Ich komme in der Woche jetzt vielleicht auf 40 Euro. Und ich kann dadurch besser leben. Und darum geht es eigentlich, nur ums Leben.

Steffi Kriegersteins Traum ist wegen Corona geplatzt

Frau
Steffi Kriegerstein (28): "Corona hat mein Leben auf den Kopf gestellt." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Kanutin hat für Olympia trainiert, doch eine Covid-19-Erkrankung warf sie aus der Bahn.

Kanu ist mein Leben. Ich mache diese Sportart schon seit ungefähr meinem sechsten oder siebten Lebensjahr. Ich bin damit groß geworden. Ich habe mein ganzes Leben dafür gegeben.

Aber dann kam Corona. Ich wurde im Dezember krank. Ich konnte nichts mehr, meinen Alltag konnte ich nicht normal bestreiten, so schwach war ich. Ich wollte eigentlich an den Olympischen Spielen in Tokio teilnehmen. Aber meine Corona-Erkrankung hat sich einfach so lange hingezogen. Meine Teilnahme musste ich absagen. Mein großer Traum, den ich die letzten vier beziehungsweise fünf Jahre verfolgt habe, wird erst einmal nicht wahr.

Die Hoffnung war natürlich bis zuletzt, dass der Knoten platzt und ich dann wieder zum Training gehe und alles wieder so ist wie vorher. Mir einzugestehen, dass es nicht so ist, hat gedauert.

Für viele ist Corona die Endstation. So blöd das klingt, aber für mich ist es auch eine neue Chance. Für mich hat es jetzt aber auch gezeigt, dass ich mich im Studium weiterbilden kann. Ich kann in dieser Zwangspause ein komplett neues Training aufbauen. Ich kann wirklich ein Leben leben, was die letzten zehn Jahre nicht möglich war. Meine Corona-Erkrankung war Fluch und Segen zugleich.

Die Interviews in voller Länger Die MDR-Dokumentation "Bleibt alles anders?" geht der Frage nach, wie Corona unsere Gesellschaft verändert und beeinflusst hat. Und: wie gelingt uns der Blick nach vorn? Fest steht: zu viel hat sich verändert, als dass wir als Gesellschaft und Individuen weitermachen könnten wie zuvor. Der Film begibt sich genau in dieses Spannungsfeld und lässt Menschen zu Wort kommen, deren Leben durch die Corona-Zeit massiv beeinflusst wurde – positiv wie negativ. Die Dokumentation läuft am 30.06.2021 um 20.15 Uhr im MDR Fernsehen und ist in der ARD-Mediathek abrufbar.

Redakteure im Schnitt 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 30. Juni 2021 | 20:15 Uhr

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