Fahrgast-Bilanz 2020 Auslastung in Bus und Bahn massiv eingebrochen

Wer unterwegs ist, merkt sofort: Bahnen und Busse sind leerer als früher. Auch wenn es keine gesicherten Belege für vermehrte Ansteckungen gibt, bleiben viele Menschen dem Nahverkehr fern. Wie das Statistische Bundesamt mitteilte, sank die Auslastung über das gesamte Jahr gesehen um ein Drittel. Trotz der rückläufigen Zahlen durch die veränderte Mobilität halten die Verkehrsbetriebe ihr Angebot aufrecht.

Eine Frau mit Mund-Nasen-Schutz in einem Bus.
Viel Platz im Bus: Die Fahrgastzahlen im Busverkehr sanken 2020 im Schnitt um 24 Prozent. In den Jahren davor waren sie stetig gestiegen. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Die Corona-Pandemie hat die Fahrgastzahlen in Bussen und Bahnen drastisch einbrechen lassen, nachdem die Auslastung jahrelang stetig gestiegen war. Wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte, zählte der Nahverkehr 2020 mit knapp 8,1 Milliarden Fahrten ein Minus von 30 Prozent im Vergleich zum Jahr davor.

Corona-Pandemie schwächt ÖPNV

Der Eisenbahn-Nahverkehr einschließlich S-Bahnen sank mit 1,7 Milliarden Fahrten danach um 39 Prozent. Mit Straßenbahnen wurden 2,9 Milliarden Fahrten unternommen und damit 31 Prozent weniger als 2019. Einen großen Teil der Fahrten gingen auf das Konto des Bus-Linienverkehrs mit gut 4,0 Milliarden und einem spürbaren Rückgang von 24 Prozent.

Auch im Fernverkehr fehlte 2020 durch die Corona-Krise ein Großteil der Fahrgäste. Dort wurden 87,6 Millionen Fahrten gezählt - ein Minus von 49,3 Prozent. Beim Linienverkehr mit Fernbussen ging die Auslastung nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sogar um 71 Prozent auf 6,1 Millionen zurück. Die Statistiker weisen zudem ausdrücklich darauf hin, dass die derzeit von den Verkehrsbetrieben gemeldeten Daten für den Nahverkehr insbesondere in Bussen möglicherweise die tatsächlichen Rückgänge nicht vollständig abbildeten. So hätten viele Besitzer von Zeitkarten diese vergleichsweise selten genutzt hätten.

Bis zu 80 Prozent weniger Fahrgäste

Ausschlaggebend für die enormen Rückgänge der Fahrgastzahlen waren der Statistik zufolge vor allem das Frühjahr und der Herbst. Im März und April 2020 verzeichnete der Branchenverband VDV teilweise bis zu 80 Prozent weniger Fahrgäste. Ab Mai erholte sich die Nachfrage. Ab dem erneuten Lockdown von Dezember an seien die Fahrgastzahlen unter 50 Prozent gesunken, teilte der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen mit. Derzeit seien Busse und Bahnen bundesweit im Schnitt zu 30 bis 40 Prozent ausgelastet.

Rückkehr der Bus- und Bahnfahrer im Sommer

Eine Hand steckt einen Fahrschein in den Entwerter.
Die geringe Auslastung hat ihren Preis: Bund und Länder unterstützen den Nahverkehr mit Millarden, um die Umsatzeinbrüche auszugleichen. Bildrechte: IMAGO

Auch bei den Verkehrsbetrieben in Mitteldeutschland sind deutlich weniger Menschen mit Bus und Bahn gefahren. Besonders deutlich war der Rückgang in den Lockdown-Monaten. Im März und April 2020 zählte der Mitteldeutsche Verkehrsverbund MDV im Schnitt nur rund 20 bis 30 Prozent der Fahrgäste von 2019. In den Sommer- und Herbstmonaten habe sich das Fahrgastaufkommen stabilisiert. Auf den stark nachgefragten Pendlerstrecken in und zwischen Halle und Leipzig seien wegen der Abstandsregeln teilweise sogar verstärkt Busse und Bahnen eingesetzt worden.

Weiter hieß es, die 18 Verkehrsbetriebe im Verbund hätten während der Pandemie nahezu das volle Angebot erbracht. Insbesondere Menschen in systemrelevanten Berufen seien auf den ÖPNV angewiesen. MDV-Sprecherin Juliane Vettermann erklärte auf Anfrage von MDR AKTUELL, die Verluste durch fehlende Fahrkarten-Erlöse in Höhe von rund 37 Millionen Euro seien durch den Rettungsschirm des Bundes und der Länder abgefangen worden. Die Kosten für Hygienemaßnahmen seien jedoch weitgehend selbst getragen worden.

"Schwere Zeit liegt vor uns"

Im Verkehrsverbund Mittelthüringen (VMT) ist die Nachfrage uneinheitlich gesunken. Geschäftsführer Christoph Heuing sprach im Gespräch mit MDR AKTUELL von einem deutlichen Rückgang. Die Ermittlung der tatsächlichen Zahl der Fahrten sei in Pandemiezeiten jedoch nicht vollends zuverlässig, man können nur über Ticketverkäufe hochrechnen. Im Verkehrsverbund seien vor allem im Regionalbusverkehr die Fahrgastzahlen eingebrochen, weil dort vor allem Schüler befördert werden. Durch Distanzunterricht und Homeschooling habe der Schülerverkehr vorübergehend geruht. Die Verluste 2020 sind Heuing zufolge durch staatliche Sonder-Zuschüsse aus Basis der Einnahmen von 2019 kompensiert worden.

Mit Blick auf die Zukunft sagte Heuing, "wir glauben, dass eine schwere Zeit vor uns liegt". Seit der Gründung 2006 habe man nur steigende Fahrgastzahlen gekannt, 2020 habe sich das Mobilitätsverhalten aber sehr stark verändert. Durch die veränderten Gewohnheiten würden die Zahlen nicht so schnell wieder den Stand vor Corona erreichen. Alles, was einmal für den ÖPNV gesprochen habe - sicher, günstig, umweltfreundlich - werde nicht allein reichen, um die Fahrgäste zurückzugewinnen.

Netz des Verkehrsverbunds Mittelthüringen
Das gesamte Netz des Verkehrsverbunds Mittelthüringen Bildrechte: Verkehrsverbund Mittelthüringen

Rettungsschirm stützt Verkehrsbetriebe

Der Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH (Nasa), zuständig für den Schienenpersonenverkehr, bezifferte die Auslastung im ersten Lockdown auf 30 Prozent. Im September habe die Zahl wieder zwischen 80 und 90 Prozente gelegen, teilte Sprecher Wolfgang Ball MDR AKTUELL mit. Im Winter habe sich der Trend erneut umgekehrt, Anfang 2021 hätten sich die Werte auf 40 bis 50 Prozent halbiert. Die fehlenden Ticketeinnahmen beliefen sich der Nasa zufolge 2020 auf 32 Millionen Euro. Die Verluste hätten durch den Rettungsschirm der öffentlichen Hand aber ausgeglichen werden können.

Anlässe für Fahrten fehlen

Ein Mann sprüht eine Flüssigkeit an einer Stange in einer Straßenbahn.
Nach jeder Fahrt werden die Fahrzeuge der Magdeburger Verkehrsbetriebe desinfiziert und gereinigt. Bildrechte: Peter Gercke / Magdeburger Verkehrsbetriebe

Ausschlaggebend für den drastischen Rückgang im Corona-Jahr ist die geringere Mobilität. Ein großer Teil der Reisegründe ist weggefallen. Durch Homeoffice, Kurzarbeit und geschlossene Schulen und Kitas blieben viele Bahnen leer. Auch Besuche und Reisen in der Freizeit fanden nur stark eingeschränkt statt. Für Menschen, die den Nahverkehr aus Angst, sich anzustecken, mieden, äußerte Ball Verständnis. Jedoch seien die Ängste unbegründet, mit Maske, Desinfektions- und Hygienemaßnahmen sei die Fahrt sicher. Langfristig erwartet die Nasa wieder eine positive Entwicklung bei den Fahrgastzahlen, auch wenn durch den Trend zum Homeoffice der Mobilitätsbedarf wahrscheinlich sinke.

Hoffnung auf Rückkehr der Kunden

Kontrolle Maskenpflicht Nahverkehr, Straßenbahn, Bus
Seit dem Dezember 2020 droht uneinsichtigen Fahrgästen in Halle ein Bußgeld von 30 Euro. Ihre Zahl ist laut Verkehrsbetriebe verschwindend gering und beläuft sich auf weit unter einem Prozent. Bildrechte: dpa

Von den Verkehrsbetrieben in Halle (HAVAG), hieß es, nach einem deutlich gestiegenen Fahrgastaufkommen 2019 habe dieses insbesondere im ersten Lockdown "deutlich und nachhaltig" abgenommen. Mitte März 2020 brachen die Zahlen laut HAVAG im Vergleich zu 2019 um rund 70 Prozent ein. Im Juni habe man immerhin etwa 73 Prozent des Vorjahresniveaus wieder erreicht. Für das laufende Jahr geht man in Halle davon aus, dass es erneut einen ÖPNV-Rettungsschirm durch Bund und Land geben wird, "damit die millionenschweren und unverschuldeten Einnahmenverluste aufgefangen werden können".

Ein Viertel weniger Fahrgäste in Chemnitz

Bei den Verkehrsbetrieben in Chemnitz (CVAG) bilanziert die Verkehrs-AG für das Jahr 2020 insgesamt einen Rückgang von 24 Prozent. Die Einbußen lagen nach eigenen Angaben bei rund zwei Millionen Euro. Direkte Zahlungen von Bund oder Land habe es nicht gegeben, dafür habe aber die Stadt Chemnitz den Ausgleich fehlender Einnahmen abgesichert. Sprecher Uwe Albert teilte mit, dass mit der Pandemie die Bereitschaft zum bargeldlosen Bezahlen gestiegen sei. Das sei ein wichtiger Aspekt im sicheren und hygienischen Umgang miteinander. So werde aktuell die gesamte Busflotte auf bargeldlose Zahlung umgestellt.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 08. April 2021 | 19:30 Uhr

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