Corona Impfung Angeblich geringe Impfbereitschaft von Pflegepersonal – Daten fehlen

Mehrere Politiker haben das Personal in Krankenhäusern, sowie in Alten- und Pflegeheimen aufgerufen, sich gegen Corona impfen zu lassen. Hintergrund ist die angeblich geringe Impfbereitschaft bei den Beschäftigten. Doch belastbare Daten zur Impfbereitschaft der Pflegekräfte in der aktuellen Pandemie fehlen.

Frau hält Spritze
Gerüchteweise ist die Impfbereitschaft unter Pflegekräften gering – aber stimmt das überhaupt? Bildrechte: imago images / MiS

Die Zahl der Impfbereiten unter medizinischem Pflegepersonal bereitet einigen Politikern Sorge. Thüringens Regierungschef Bodo Ramelow (LINKE) sagte dem MDR, aus einem Krankenhaus sei ihm gemeldet worden, dass nur ein Drittel der Belegschaft sich impfen lassen wolle. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sagte auf einer Pressekonferenz mit Blick auf Pflegeheime, die Impfquote dort sei nicht "extrem hoch".

In Thüringen handelt es sich bei dem von Ramelow erwähnten Krankenhaus nach MDR-Recherchen um die Waldklinik Eisenberg. Ein Sprecher des Klinikums wollte die Zahl der Impfwilligen nicht kommentieren, bestätigte aber, dass es Vorbehalte beim medizinischen Personal gebe. Man versuche derzeit, die Vorteile des Impfstoffes stärker zu kommunizieren. Die Impftermine in dieser Woche seien bereits ausgebucht.

Für Impfbereitschaft unter Pflegepersonal nur "anekdotische Belege"

Auch in Sachsen-Anhalt zeigt sich vereinzelt ein ähnliches Bild. Die Leiterin des Alten- und Pflegeheimes "Pro Seniore" in Magdeburg, Anke Grothe, sagte MDR AKTUELL, ihre Mitarbeiter seien bei den Impfungen derzeit noch verhalten. "Ich schließe mich da mit ein. Ich denke, da braucht es einfach noch mal ein Stück weit Zeit, um zu gucken, wie entwickelt sich das." Sie und andere Mitarbeiter würden sich aber unter Umständen später impfen lassen.

Diese bisher als Einzelfälle wahrgenommenen Berichte griff Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Mittwoch in einer Pressekonferenz auf. Er habe bisher nur "anekdotische Belege" für die geringe Impfbereitschaft von medizinischem und Pflegepersonal gesehen. "Aus dem einen Krankenhaus höre ich 20 Prozent der Belegschaft, aus dem anderen Pflegeheim höre ich 80 Prozent. Daraus können wir noch keine Schlüsse ziehen", so der Minister.

Keine validen Daten zur aktuellen Impfbereitschaft unter Pflegepersonal

Das Beispiel Sachsen zeigt, dass sich die Impfbereitschaft nur schwer zentral erfassen lässt. In Sachsen werden die mobilen Impfteams vom Deutschen Roten Kreuz gestellt. Diese impfen in Alten- und Pflegeheimen. Einer Sprecherin zufolge würden die Teams aber nur Termine für Heime bekommen und Zahlen, wie viele Impfdosen sie mitbringen müssen. Wie viele Mitarbeiter oder Bewohner es aber eigentlich in der Einrichtung gebe, werde nicht erfasst. Deshalb lässt sich auf diese Weise nicht feststellen, wie hoch der Anteil der Geimpften ist.

Hinzu kommt, Covid-19-Erkrankte können nicht geimpft werden. Ein weiteres Problem in einer validen, zentralen Datenerfassung: Krankenhäuser. Dort impft man die Mitarbeiter überwiegend selbst und meldet nur verimpfte Dosen weiter. Weiterführende Daten zum Beispiel zur Belegschaft und zur Impfbereitschaft werden nicht zentral erfasst. Ein Gesamtbild der Impfbereitschaft ist daher schwer zu erfassen, so die DRK-Sprecherin. Wirklich valide Daten zur Covid-Impfbereitschaft unter Pflegepersonal gibt es derzeit nicht, teilten die Gesundheitsministerien für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen auf MDR-Anfrage mit.

Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen nur Schätzungen zur Impfbereitschaft

Das Ministerium in Sachsen beschreibt die Impfbereitschaft sehr unterschiedlich. Es geht von bis zu 80 Prozent in Leipzig bis zu nur 30 Prozent in einigen kleineren Krankenhäusern. "In der Pflege wird uns von einer hohen Bereitschaft berichtet, was ermutigend ist. Belastbares Zahlenmaterial liegt uns hier noch nicht vor, so dass wir hier wirklich nur einen Eindruck übermitteln können", so das Ministerium.

Auch dem Gesundheitsministerium in Sachsen-Anhalt liegen derzeit nur Schätzungen vor. "Wie hoch die Impfbereitschaft ist, ist schwer abschätzbar. Aus den Landkreisen wurde berichtet, dass die Impfbereitschaft der Pflegenden in den Altenheimen um cirka 20 bis 30 Prozent angestiegen ist", so ein Sprecher. "Der Pandemiestab des Gesundheitsministeriums nimmt an, dass die Impfbereitschaft des medizinischen Personals etwa 50 bis 60 Prozent beträgt." Eine steigende Tendenz zeichne sich aber ab.

Das Thüringer Gesundheitsministerium teilte mit, belastbare Daten würden derzeit nicht erhoben werden. Man überlege aber, wie dazu Daten gesammelt werden könnten. Eine abschließende Entscheidung sei dazu noch nicht getroffen worden.

Impfbereitschaft bei Pflegepersonal offenbar wie in der Gesamtbevölkerung

Generell scheint sich die Impfbereitschaft unter medizinischem und Pflegepersonal schon seit Jahren nicht wesentlich von der in der Gesamtbevölkerung zu unterscheiden. So zeigte eine im Winter 2014/2015 durchgeführte Studie der Universitätsklinik Würzburg, dass sich etwa die Hälfte des medizinischen Personals gegen die Grippe impfen ließ. Eine aktuelle Umfrage der ARD zur Covid-19-Impfung zeigt ähnliche Ergebnisse in der Gesamtbevölkerung. Im ARD-DeutschlandTrend gibt aktuell eine Mehrheit von 54 Prozent an, sich auf jeden Fall gegen das Coronavirus impfen lassen zu wollen.

2014 lieferte die Studie zur Grippeschutzimpfung aus Würzburg neben der Zahl der Impfwilligen auch Erkenntnisse zu den Gründen, warum sich ein Teil der Beschäftigten nicht impfen ließ. So gaben einige "organisatorische Gründe" an, wieder andere hielten sich für immun gegen Grippe oder fürchteten die Nebenwirkungen einer Impfung. Etwa 70 Prozent derjenigen, die sich nicht impfen lassen wollten, gaben als Grund dafür an, dass sie den Nutzen anzweifelten. Früher durchgeführte, ähnlich gelagerte Studien zeigen ähnliche Ergebnisse.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) rief zum Impfen auf und erinnerte an die Vorbildwirkung. "Pflegefachpersonen können als Vorbild für die breite Bevölkerung dienen und zur Impfung ermutigen", so die Präsidentin des DBfK, Christel Bienstein.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 04. Januar 2021 | 06:05 Uhr

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