Mobile Impfteams Corona Impfung: Wie gefährlich sind radikale Impfgegner?

Nicht überall werden die Impfbusse freudig empfangen. Die Impfteams treffen auch auf Verschwörungstheoretiker und radikale Impfgegner, die ihrem Unmut dann Luft machen: Ärzte und Helfer werden beschimpft, Impfwillige eingeschüchtert. Wie gefährlich sind radikale Impfgegner?

"MDR-exactly“-Reporter Luca Schmitt-Walz  Die Online-Reportage „MDR-exactly“ beschäftigt sich mit diesem Problem und befragt u. a. auch die Protestierenden selbst; was sie bewegt – ab Sonntag; 7. November; 11 Uhr; in der ARD-Mediathek und auf dem YouTube-Kanal „MDR Investigativ“" 27 min
"MDR-exactly"-Reporter Luca Schmitt-Walz Bildrechte: MDR/David Bochmann

Entschlossen stehen die Männer und Frauen vor dem Bus. Arme sind verschränkt, Augenbrauen zusammengezogen, Lippen aufeinandergepresst. Einige haben Handys gezückt und filmen, wie ein mobiles Impfteam die Türen des weißen Busses öffnet. Werden die Menschen "denn aufgeklärt, dass das ein Gen-Experiment ist, was sie hier machen und keine Impfung?", fragt einer der Demonstranten.

Theresa war als Helferin im Impfbus dabei, als in einem Dorf in Thüringen eine Gruppe Impfgegner gegen die Aktion ihres Teams demonstrierte, berichtet sie im Videotalk.
Theresa war als Helferin im Impfbus dabei, als in einem Dorf in Thüringen eine Gruppe Impfgegner gegen die Aktion ihres Teams demonstrierte, berichtet sie in einer Videoschalte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das war Mitte September in einem Dorf im Landkreis Schmalkalden-Meiningen in Thüringen. Theresa war an diesem Tag als Corona-Impfhelferin dabei: "Als wir ankamen, standen richtig viele Leute vor dem Bus." Sie hatten Plakate aufgestellt, die angebliche Gefahren für Kinder durch Corona-Maßnahmen aufzeigen sollten. Im ersten Moment sei alles wuselig und laut gewesen, schildert die junge Frau, die sonst als Notfallsanitäterin arbeitet. "Jeder sprach irgendwie dazwischen und keiner wusste so richtig, was los sein würde." Die Menschen, die sich an diesem Tag ihre Corona-Impfung geben lassen wollten, hätten verunsichert und aufgeregt gewirkt. Einige Menschen hätten sich dann auch nicht impfen lassen.

Theresa beschreibt, dass sie und ihre Kollegen in dieser Situation ebenfalls verunsichert gewesen waren: "Sind sie friedlich? Oder sind Sie auf Krawall gebürstet? Ich meine, man hat aus den Nachrichten schon einiges gehört." Es geht sicherlich um Fälle, wie den, als der Mitarbeiter einer Tankstelle erschossen wurde, weil er einen Kunden aufgefordert hatte, eine Maske aufzusetzen. Oder den versuchten Brandanschlag auf ein Impfzentrum im Vogtland in Sachsen.

In Sachsen 54 Straftaten im Zusammenhang mit Impfzentren

Das Land Thüringen kann auf Anfrage von MDR exakt keine Auskunft über die Häufigkeit solcher und ähnlicher Vorfälle geben. Der Grund: Die Tatörtlichkeit "Impfzentrum" sei kein Statistikmerkmal. Sachsen hat dies auf Nachfrage von MDR exactly recherchiert: Im Freistaat hat es bis Anfang Oktober 54 Straftaten im Zusammenhang speziell mit Impfzentren gegeben – darunter fünf Körperverletzungen, zehn Fälle von Hausfriedensbruch, elf Sachbeschädigungen und eine Brandstiftung.

Auch in der Hohen Börde in Sachsen-Anhalt musste ein Impf-Team bereits Übergriffe von Impfgegnern erleben. In Hermsdorf stehen an einem Tag im Oktober zwei Impfbusse auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums – mit dabei ein Security-Team. "Das haben wir eigentlich nur im Zentrum, falls mal irgendwas passieren würde", sagt Jörg aus dem Impfteam. "Aber eigentlich sind die Leute freundlich und froh, die Impfung zu erhalten."

Wütende Leute wegen Ende der kostenlosen Tests

Doch die Aktion mit dem Impfbus kommt nicht überall gut an. Ein Arzt des Teams hat während der Corona-Pandemie schon einige negative Erfahrungen sammeln müssen: "Es ist immer so ein bisschen die Frage, wo man ist und auch, was politisch so in den zwei Wochen vorher irgendwie passiert ist", sagt Jonas. Damit meint er, dass wenn etwa politisch der Druck auf Ungeimpfte erhöht werde, dann seien diese Leute einfach wütend. Das sei der Fall "wenn sie die Tests nicht mehr kostenlos bekommen. Dann sehen sich die Leute gezwungen, sich impfen zu lassen, weil sie es nicht bezahlen wollen". Die kämen dann schlecht gelaunt.

"Wir sind auch schon bespuckt worden", erzählt Jonas. Zum Glück, sei eine Scheibe dazwischen gewesen. Oder irgendwo auf einem Dorf sei auch schon mal ein kleiner Mob da gewesen. "Uns wurde erzählt, dass es für uns die Nürnberger Prozesse 2.0 geben wird." Außerdem sei dem Team auch schon Euthanasie vorgeworfen worden, weil es "Astra Seneca nur für über 60-Jährige gab. Es gibt es ja auch das Hausrecht in solchen Zentren und die wurden dann von der Bundeswehr raus gebeten". Das gehe nun schon die halbe Pandemie so – mit solchen Vorfällen. An diesem Tag in Hermsdorf bleibt es ruhig. Insgesamt werden an diesem Tag 130 Menschen geimpft. "Nicht schlecht", findet Jonas.

Cosmo-Studie: Zehn Prozent Impfverweigerer

Doch was sind eigentlich Impfgegner – und wie radikal können diese sein? Eines muss vorab unterschieden werden. Impfgegner und Impfverweigerer sind nicht das gleiche und eine Impfung abzulehnen, kann auch gute Gründe haben.

Bei der Definition von Impfgegnern hilft die Cosmo-Studie. In dem Projekt der Universität Erfurt, dem Robert-Koch-Institut und weiteren renommierten Partnern werden seit März 2020 in der Regel alle zwei Wochen rund 1.000 Menschen zu Corona, zu Risikowahrnehmung und den Infektions-Schutzmaßnahmen befragt. Die Studie zeigt: Neben den 84 Prozent der Bürger, die laut Cosmo-Studie mindestens die erste Impfung erhalten haben, sind rund zehn Prozent der Deutschen – bezogen auf Corona – sogenannte Impfverweigerer.

Experte: Impfgegner gefährden sich selbst und andere

Philipp Schmid arbeitet für die Universität Erfurt an der Cosmo-Studie mit.
Philipp Schmid (rechts) arbeitet für die Universität Erfurt an der Cosmo-Studie mit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es gibt Leute, die haben Zweifel an bestimmten spezifischen Impfstoffen. Und diese Zweifel sind oft begründet in einem Informationsmangel oder weil sie Falschinformationen konsumiert haben", erklärt Dr. Philipp Schmid. Er arbeitet für die Uni Erfurt an der Cosmo-Studie mit. Er forschte schon weit vor Beginn der Corona-Pandemie zu den Gründen, warum sich Leute nicht impfen lassen und sagt: Bei Menschen mit Informationsmängeln könnte man oft intervenieren, etwa durch Info-Kampagnen. Es sei auch gar kein Problem, erstmal skeptisch zu sein.

Dann gibt es aber Leute, die sind generell gegen das Impfen. Völlig egal, welche Informationen man ihnen präsentiert. Die sind im weitesten Sinne beratungsresistent.

Philipp Schmid Universität Erfurt

Bei diesen spreche man von Impfgegnern, sagt Schmid. "Also jemand, der sein Weltbild basierend auf Daten nicht mehr aktualisiert. Der so sehr gefestigt ist, in dem, was er glaubt, dass er auch nur noch nach den Informationen sucht, die das bestätigen, was er ja sowieso von Anfang an geglaubt hat." Diese Menschen würden aus Sicht des Experten vor allem sich selbst gefährden. Denn sie setzten sich dem extremen Risiko der Krankheit aus.

"Wenn wir jetzt von etwa drei Prozent Impfgegnern reden, ist das auf globaler Ebene nicht so gefährlich", sagt Schmid. Doch gefährlich daran sei, dass die Impfgegner auch über soziale Medien und in den Medien immer wieder ihre Position präsentierten. Diese sind "relativ persuasiv. Das bedeutet, die beeinflussen auch die Leserschaft oder die Zuhörerschaft dahingehend, dass sich die Einstellung gegenüber dem Impfen dann auch verschlechtert."

Demonstration im Erzgebirge gegen Corona-Maßnahmen

Doch wie agieren die Impfgegner? Ein Beispiel aus Zwönitz im Erzgebirgskreis in Sachsen. Dort laufen jeden Montag ein paar Hundert Menschen durch die Straßen. Sie nennen sich "Gemeindeversammlung Zwönitz". Diese Gruppe verabredet sich auch über Telegram. Im Messengerdienst vermischen dann sich Regierungskritik mit Bedrohungen, Aufrufen zum Widerstand und Verschwörungstheorien. Meist geht es um Corona, die Maßnahmen zum Infektionsschutz und einen vermeintlichen Impfzwang.

Gegen den angeblichen Impfzwang ist die Gruppe erst vor Kurzem wieder an einem Abend auf die Straße gegangen. Am Markt in Zwönitz haben sich laut Polizei rund 200 Menschen aus allen Altersgruppen versammelt. "Wir sind der Meinung, dass der Impfstoff gefährlich ist", erklärt ein Paar. Das Deutsche Rote Kreuz hat an diesem Tag direkt am Markt geimpft. Das Paar findet das: "Furchtbar." Die Leute würden vor der Bratwurst-Bude weggefangen. "Also primitiver geht es nicht", echauffieren sie sich.

Die Demonstration ist nicht angemeldet, die Gruppe darf trotzdem laufen. Der Großteil bleibt friedlich – auch das Team von MDR exactly kann entspannt arbeiten. Maske trägt jedoch niemand. Die Gruppe skandiert in Sprechchören: "Frieden, Freiheit, keine Diktatur!" oder "Ende mit der Maskenpflicht, wieder alles im Griff!"

Auch stellvertretender Vorsitzender einer rechtsextremen Partei auf Demo

Nur wenige Teilnehmer wollen mit dem MDR-Reporter reden. "Wir sehen, wie Deutschland zugrunde geht. Dass die Bürger, die hier arbeiten, ihre Rechte nicht mehr durchsetzen können, durch die Polizei beschnitten werden", sagt ein Mann mit Schnauzbart und einer kleinen Taschenlampe in der Hand. Offenbar ist ihm entfallen, dass die Polizei die Gruppe laufen lässt, obwohl niemand die Versammlung anmelden wollte.

Stefan Hartung, stellvertretendet Vorsitzender der rechtsextremen Partei "Freie Sachsen", ist auf einer Demo in Zwönitz gewesen.
Stefan Hartung, stellvertretendet Vorsitzender der rechtsextremen Partei "Freie Sachsen", ist auf der Demo in Zwönitz gewesen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ich empfinde das Anliegen der Bürger, für richtig und für wichtig. Das ist mir ein persönliches Anliegen, das mit zu unterstützen", sagt Stefan Hartung. Der stellvertretende Vorsitzende der rechtsextremen Partei "Freie Sachsen" ist auch auf der Demo gewesen. Er hat schon zahlreiche fremdenfeindliche Demos, auch zusammen mit Neonazis organisiert. Außerdem sitzt er für die NPD im Kreistag des Erzgebirgskreises. Für ihn sei es "im Großen und Ganzen der Kampf um Freiheit". Denn die Leute würden immer mehr eingeschränkt, gezwungen oder genötigt.

Wie radikal können Impfgegner nun sein? "Man stellt sich mal vor, man glaubt wirklich, dass in einer Impfung ein Mikrochip drin ist, der uns kontrollieren soll", beschreibt Philipp Schmid ein mögliches Glaubens-Szenario. Glaube man das gemeinsam mit anderen ernsthaft und schaukele sich das hoch, dann müsse man ja quasi etwas tun – und Aktionen "starten, die vollkommen daneben sind und vielleicht auch gegen das Gesetz. Weil, wenn ich das wirklich glaube, ist das die logische Konsequenz".

Quelle: MDR exactly/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR+ | MDR exactly | 07. November 2021 | 11:00 Uhr

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