Vierte Corona-Welle Covid-19: Alarmstufe Rot auf den Intensivstationen

Ärzte und Pfleger arbeiten bereits am Limit, doch die Lage in den Krankenhäusern spitzt sich weiter zu. Der Ärztliche Direktor des Uniklinikums Halle fordert, aufgrund der enger werdenden Kapazitäten eine generelle Impfpflicht für alle umzusetzen.

Patient auf ITS 9 min
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Die Situation auf den Intensivstationen spitzt sich weiter zu. Durch die extrem hohen Inzidenzen in dieser vierten Welle fällt zusätzlich Personal aus: Etwa durch eigene Infektion, Quarantäne oder Kinderbetreuung. Nun müssen weniger ÄrztInnen und PflegerInnen noch höhere Beanspruchungen als in den vorherigen Wellen stemmen.

Der Leiter der Intensivstation in Merseburg, Sachsen-Anhalt, glaubt, dass an einer Triage kein Weg mehr vorbeiführt: "Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Ich persönlich schätze, dass es noch zwei, drei Wochen dauert, und dann sind wir richtig über dem Limit und können dann auch nicht mehr verlegen", sagt Chefarzt Matthias Winkler. Das bedeutet, auch in anderen Kliniken ist dann kein Platz mehr. Dann wird ausgewählt: "Wer kriegt hochtechnische Medizin – und wer kriegt die nicht." Daran führe aus seiner Sicht kein Weg vorbei.

Im Carl-von-Basedow-Klinikum in Merseburg mussten ín den vergangenen Wochen rund 200 andere Eingriffe verschoben werden. Inzwischen wurden bereits drei Covid-Normalstationen eingerichtet. Gerade in Mitteldeutschland ist die Belastung der Intensivstationen besonders hoch: In Sachsen-Anhalt sind mehr als 20 Prozent der Intensivbetten mit Covid-19 Patienten belegt, in Thüringen 32 Prozent und in Sachsen sogar mehr als 40 Prozent – der höchste Wert bundesweit.

Was passiert, wenn die Zahlen bis Weihnachten weiter steigen?

Die Erwartungen der Mediziner für die kommenden Wochen sind düster. Die Infektionszahlen steigen rasant an. "Die Hospitalisierungsraten hängen ja immer noch 10 bis 14 Tage hinterher", sagt der Leiter des Notfallzentrums der Klinik Merseburg, Hartmut Stefani. Die aktuellen Entwicklungen spürten sie  in den Kliniken immer knapp zwei Wochen später. "Wenn sich diese Entwicklung so fortsetzt, dann kann man sich ja kaum mehr in Zahlen vorstellen, was das für uns an Weihnachten bedeuten wird."

Schon jetzt ringt die Klinik in Merseburg um jedes freie Bett. "Wir sind am Anschlag. Wir haben ganz viele Covid-Patienten“, sagt der Leiter der Intensivstation, Matthias Winkler. Die Klinik fahre mit den Covid- und den Normalpatienten über ihren Kapazitäten. Deswegen müssten dringend Patienten verlegt werden. "Wir sind am meisten damit beschäftigt, Patienten in andere Krankenhäuser zu verlegen." Damit wieder neue Covid-Patienten aufgenommen werden können.

Bis jetzt kam man in Sachsen-Anhalt um Verlegungen von Patienten in weit entfernte, weniger belastete Regionen noch herum. In Thüringen dagegen wurden bereits acht, und in Sachsen – mit Stand vom 1.Dezember – sogar 22 Patienten in andere Bundesländer verlegt.

Ärzte sprechen sich für allgemeine Impfpflicht aus

In den vergangenen Wochen ist es dem Klinikum Merseburg und fünf umliegenden Kliniken, die eng miteinander kooperieren, gelungen, durch Verlegung Dutzender Patienten untereinander dafür zu sorgen, dass alle Kliniken noch akute Notfälle aufnehmen konnten. Doch auch das wird schwieriger.

Eine dieser kooperierenden Kliniken ist das Uniklinikum Halle. Dort wurde gerade erst die Intensivkapazität um 90 Prozent erhöht. Auf einer Intensivstation in Halle sind derzeit von 16 Covid-Patienten 14 ungeimpft, zwei sind geimpft. Diese beiden, so wird betont, sind älter, und die empfohlene Impfstrategie wurde nicht eingehalten.

"Der geimpfte Patient hat eine deutlich bessere Prognose und eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit, selber auf die Intensivstation zu kommen", sagt der Ärztliche Direktor der Uniklinik Halle, Thomas Moesta. Die Impfung sei hoch wirksam, so wie man das auch erwartet habe.

Die Ärzte, die MDR exakt in den verschiedenen Kliniken gefragt hat, sprachen sich alle für eine allgemeine Impfpflicht aus. "Also ich habe allergrößte Bedenken mit jetzt wieder neu auftauchenden aggressiveren Varianten, dass wir gerade in dieser teilgeimpften Bevölkerung für das Virus einen Nährboden schaffen, sich hin zu Impfresistenz zu entwickeln", sagt Direktor Moesta. Wolle man nicht von einer Welle zur nächsten kommen, dann hält er es für dringend geboten, jetzt "eine generelle Impfpflicht für die Bevölkerung tatsächlich zu diskutieren und umzusetzen." 

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 01. Dezember 2021 | 20:15 Uhr

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