Kommentar Wir alle können mehr gegen Corona tun – mit echter Eigenverantwortung

Rebecca Nordin Mencke
Bildrechte: Rebecca Nordin Mencke

Die Pandemie-Lage verschärft sich seit Wochen. Dabei haben wir inzwischen sehr gute Instrumente dagegen. Doch ob Maske, Test oder Impfung – zu viele Menschen fragen vor allem, wann sie darauf verzichten dürfen. Dabei können wir alle für eine vorausschauende, nachhaltige Corona-Politik eintreten.

Eine Frau trägt in der S-Bahn eine obligatorischen FFP2-Maske, sie spiegelt sich in der Fensterscheibe des Abteils.
Man kann mehr tun, als nur sich an die Regeln zu halten. Etwa, wenn man die Maske auch in Situationen trägt, in denen man gar nicht müsste. Bildrechte: dpa

Wenn mich in den vergangenen Wochen etwas irritiert hat, dann waren es Leute, die ausgiebig Corona-Verordnungen zitieren konnten – um sich zu rechtfertigen, warum dies und jenes erlaubt sei. Dabei haben sie die Verordnungen offenbar vor allem mit einem Ziel studiert: Um darlegen zu können, warum sie hier oder da nicht zwingend eine Maske, einen Test oder eine Impfung benötigen. Das verkehrt aber den Sinn der Verordnungen – und lenkt den Blick auf den Punkt der Eigenverantwortung.

Die Corona-Verordnungen sind wichtig, um strukturell die Weichen zu stellen und das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu bringen. Wie erfolgreich die Pandemie-Bekämpfung aber ist, hängt letztlich auch von den individuellen Entscheidungen von uns allen ab.

Corona-Regeln als nötiges Minimum begreifen

Nach fast zwei Jahren Lockdown-Lockerungs-Hin-und-Her ist das Wort "Eigenverantwortung" verbrannt. Zu oft rufen ausgerechnet diejenigen danach, die sich die Maske vom Gesicht reißen, sobald sie nicht von ganz oben zum Tragen verpflichtet werden. Zu viele Menschen halten Prävention offensichtlich für unnötig und entscheiden sich "eigenverantwortlich" dagegen. Diese Risikobereitschaft geht aber auf Kosten anderer. Wir sollten den Begriff "Eigenverantwortung" nicht denjenigen überlassen, die über ihrem Kinnschutz die Pracht ihrer Nase präsentieren.

Das Befolgen aktueller Corona-Verordnungen als das Maximum zu begreifen, das man zur Corona-Eindämmung beitragen kann, hat jedenfalls mit Eigenverantwortung ungefähr so viel zu tun wie das Zähneputzen bei kleinen Kindern, die von den Eltern erst dreimal dazu ermahnt werden müssen.

Inzwischen dürfte wohl auch hinlänglich klar geworden sein, dass die politisch Verantwortlichen ihre Entscheidungen zu spät und zu zögerlich treffen – zu spät für inzwischen Tausende Covid-Tote, von denen sich viele durch schnellere Maßnahmen wohl nicht einmal infiziert hätten; zu spät auch für all diejenigen, die mit anderen Erkrankungen wegen überlasteter Kliniken nicht mehr die bestmögliche medizinische Versorgung erhielten; zu spät, um noch viel gravierendere Einschränkungen zu verhindern. Wie wäre es denn damit, die Corona-Verordnungen eher als eine Art Mindeststandard zu verstehen?

Ein paar Tage freier Zutritt kostet auf Dauer den Lockdown

Was sich vielfach im Kleinen beobachten lässt, zeigt sich aber auch im Großen: Berufsverbände und Interessenvertretungen versuchen regelmäßig, für ihre Branchen den größtmöglichen "Corona-spielt-bei-uns-keine-Rolle-Rabatt" rauszuschlagen. So sträuben sich aktuell etwa der Einzelhandel und die Gastronomie gegen striktere Corona-Regeln wie 2G und 2G+. Keine Frage, die monatelangen Schließungen in diesen Bereichen haben bereits enormen Schaden angerichtet und es braucht dringend nachhaltige Konzepte. Derzeitigen Prognosen zufolge dürfte uns das Coronavirus noch ein paar Jahre auf Trab halten. Aber der Verweis, man habe doch gute Hygiene-Konzepte, mutet eher an wie ein Griff in die argumentative Mottenkiste vom vergangenen Herbst. Wie viele Wochen Komplett-Schließung wollt ihr in Kauf nehmen für ein paar weitere Tage Zutritt für alle?

Sicher hat die Corona-Politik an vielen Stellen versagt. Davon zeugen nicht zuletzt die langen Schlangen vor den Impfstellen. An der Impfbereitschaft im Frühjahr hätte man ablesen können, wie viele Menschen sich im Herbst für eine Auffrischung interessieren müssten. Dass am lautesten über eine Impfpflicht diskutiert wird, wenn gerade der Impfstoff knapp ist, wirkt da wie ein Ablenkungsmanöver. Doch die politisch Verantwortlichen sind nicht die Einzigen, die die Dynamik der Pandemie bestimmen. Manchmal beschleicht mich das ungute Gefühl, dass wir genau die Corona-Politik bekommen, die wir verdienen.

Impfen ist keine Privatsache

Ob im privaten Umfeld, als Vereinsvorstand, Vorgesetzte, Influencerin oder wo auch immer wir mit anderen Menschen in Kontakt sind: Natürlich können wir bestehende Corona-Verordnungen ausreizen oder sogar gerichtlich versuchen, einzelne Maßnahmen außer Kraft zu setzen. Oder wir können uns für epidemiologisch sinnvolle Wege einsetzen. Wir alle können für eine vorausschauende, langfristige Pandemieeindämmung eintreten und damit letztlich für mehr Gemeinschaftssinn statt Einzelkämpfertum. Seit Monaten warnen Fachleute insbesondere, dass die Impfquote noch viel zu niedrig sei, um gut durch den Winter zu kommen. Auch der Epidemiologe und Modellierer Markus Scholz von der Universität Leipzig kam kürzlich zum nüchternen Fazit, dass trotz allen Schwierigkeiten bei Zukunftsprognosen die vierte Corona-Welle "sehr einfach vorauszusehen" gewesen sei.

Dabei gibt es zahlreiche Beispiele für vernünftiges, verantwortungsbewusstes Handeln in der Pandemie. Einige Menschen sind den Corona-Regeln voraus und ergreifen freiwillig zusätzliche Maßnahmen. Deutschlandweit sind immerhin knapp 70 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, davon haben dem Robert Koch-Institut zufolge inzwischen auch rund 16 Millionen Menschen eine Auffrischungsimpfung erhalten. Ich bin dankbar, zu ihnen zu gehören. Schon im Sommer war ich zum Teil in Gruppen unterwegs, wo es selbstverständlich war, sich zusätzlich zum Impfschutz zu testen. Beim Kinobesuch kann ich auch mit Impfung weiterhin eine Maske tragen, denn von allen Einschränkungen, die ich kenne, ist das die, mit der ich persönlich am besten klarkomme.

Bei allen Erkenntnissen, die inzwischen über Sicherheit, Wirksamkeit bis hin zu Fremdschutz durch Covid-Impfungen vorliegen, müssen wir aber auch eins deutlich machen: Impfen ist keine Privatsache. Es geht hier nicht nur darum, das eigene Risiko vor einem schweren Krankheitsverlauf erheblich zu reduzieren. Wir entlasten damit zugleich das medizinische Personal und die Krankenkassen. Je höher die Impfquote ist, desto besser schützen wir auch diejenigen, die sich aus medizinischen Gründen tatsächlich nicht impfen lassen können. Und letztlich halten wir das Pandemiegeschehen sehr viel besser unter Kontrolle, sodass bei ausreichend hoher Impfquote zahlreiche Einschränkungen gar nicht erst nötig wären. Es wäre wünschenswert, sich aus Eigenverantwortung für die Gesellschaft für eine Impfung zu entscheiden – statt aus Egoismus, der sich auf eine falsch verstandene Eigenverantwortung beruft, dagegen.

Wir brauchen mehr informative Superspreader

Auch wenn eine allgemeine Impfpflicht am Ende das erwartbare letzte Mittel sein dürfte: Wir alle können in unseren Netzwerken über den Nutzen der Impfung aufklären. Natürlich geht es nicht darum, sich mit hartgesottenen Faktenverweigerern zermürbende Diskussionen zu liefern. Zwischen offener Konfrontation und schulterzuckendem Schweigen sollte doch mehr möglich sein. Ich habe höchsten Respekt vor Café-Betreiberinnen und Einzelhändlern, die in den vergangenen Wochen ruhig an die geltenden Regeln erinnert haben.

Wir alle können unseren Mitmenschen signalisieren: Deine Gesundheit ist mir wichtig, deine Ängste nehme ich ernst. Ich kenne ein paar Beispiele, in denen das persönliche Gespräch am Ende noch zur Entscheidung für eine Impfung führte. Auch der dänische Medizinexperte Morten Sodemann erklärte kürzlich im "Spiegel", oft hänge es an einzelnen Personen, ob eine Gruppe geimpft werde. Wir können also nicht nur als Superspreader das Coronavirus unwissentlich durch die Gegend schleudern. Wir können uns auch bewusst entscheiden, in unseren jeweiligen Netzwerken eine Art informative Superspreader zu werden. Von diesen bräuchte unsere Gesellschaft viel mehr.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. Dezember 2021 | 06:00 Uhr

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